Impuls von Schwester Cosima Kiesner Goldene Zeit

27.10.2019

Wann wird der goldene Schimmer eines Lebens sichtbar? Es sind doch immer nur kurze Augenblicke, in denen das Gold unseres eigenen Lebens aufscheint, meint Schwester Cosima Kiesner.

So, wie in die goldenen Momente des Herbstmonats Oktober die ganze Schönheit, die Wärme, die Fülle des Sommers eingebunden war, so bewahre ich in den goldenen Momenten der Erinnerung die Schönheit, die Liebe, die Freunde und die Zerbrechlichkeit meine
So, wie in die goldenen Momente des Herbstmonats Oktober die ganze Schönheit, die Wärme, die Fülle des Sommers eingebunden war, so bewahre ich in den goldenen Momenten der Erinnerung die Schönheit, die Liebe, die Freunde und die Zerbrechlichkeit meines Lebens, schreibt Schwester Cosima Kiesner. © Leonid Tit – stock.adobe.com

Der goldene Oktober. Ich weiß gar nicht, woher ich diesen Begriff kenne, aber irgendwie begleitet das Attribut „golden“ diesen Herbstmonat. Es gibt sie ja, diese wunderschönen Tage des Spätherbstes, in denen die Welt von der Sonne in einen goldenen Schimmer getaucht wird. Und gerade, als ich das schreibe, passiert es. Die Sonne kommt aus der Wolkendecke hervor und verwandelt den vorher so trüben, grauen Herbsttag in eine Welt mit satten harmonischen Farben. Kein Ding sticht hervor, keine Farbe knallt heraus, alles wirkt wie in einem alten Gemälde, das durch die Patina der Jahre an Wert und Vollkommenheit gewonnen hat.

So ist es wohl auch bei einem Paar, das viele Jahrzehnte lang das Leben miteinander gestaltet hat, bis es die goldene Hochzeit feiert. In den vielen Jahren gibt es bestimmt schwere Zeiten, Herausforderungen und so einiges an Streit und Leid. An der Liebe des glücklichen Beginns wird gearbeitet, festgehalten und weitergebaut. Und dann geschieht, was nicht genau vorhersagbar und nicht wirklich vorstellbar ist: Die lange Zeit des Harrens und der Treue und des Festhaltens an der Liebe erzeugt einen neuen Wert. Wenn ich solch alt gewordene Ehepaare an ihrem Festtag sehe, wie sie sich liebevoll in die Augen schauen, sich in ihrer jeweiligen Eigenart schätzen und bereitwillig auffangen, dann ahne ich etwas von dem goldenen Schimmer, der sie umgibt.

Aber da zeigt sich das Problem: Wann wird der goldene Schimmer eines Lebens sichtbar? Es sind doch immer nur kurze Augenblicke, in denen das Gold unseres eigenen Lebens aufscheint. In den ruhigen Tagen am Ende des Oktobers habe ich Zeit, mich an sie zu erinnern. So, wie in die goldenen Momente dieses Herbstmonats die ganze Schönheit, die Wärme, die Fülle des Sommers eingebunden war, so bewahre ich in den goldenen Momenten der Erinnerung die Schönheit, die Liebe, die Freude und die Zerbrechlichkeit meines Lebens.

Schwester Cosima Kiesner ist Ordensfrau in der Congregatio Jesu. Die Theologin und Germanistin leitet des "Zentrum Maria Ward" in Augsburg und begleitet Menschen bei Exerzitien.
Schwester Cosima Kiesner ist Ordensfrau in der Congregatio Jesu. Die Theologin und Germanistin leitet des "Zentrum Maria Ward" in Augsburg und begleitet Menschen bei Exerzitien. © privat

Die Erinnerung vergoldet

Und wie der goldene Schimmer der Oktobersonne zeigt, dass es gut war, so wie es war, dass ich versöhnt sein darf mit dem Verlauf des Jahres und dass ich getrost in den Winter gehen kann, so vergoldet die Erinnerung an das pralle, gelebte Leben in all seinen Höhen und Tiefen die wertvollsten Momente und lässt durchscheinen, wie tapfer und engagiert, wie liebevoll und ausdauernd ich mein Leben gemeistert habe.

Vielleicht zeigt sich auf diesem goldenen Hintergrund auch die eine oder andere Stelle, die noch poliert werden muss. Aber das ängstigt mich nicht. Gott gibt mir ja Zeit. Und im Bewahren des goldenen Schimmers kann ich das Grau des Alltags durchtragen – bis zum nächsten Innehalten, bis zum nächsten Moment, der den Goldhintergrund meines Lebens aufscheinen lässt. Hoffentlich verpasse ich ihn nicht.


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