Interreligiöse Gesprächsrunde in der JVA Stadelheim „Gott ist krass gut“

18.01.2019

In der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim findet regelmäßig eine interreligiöse Gesprächsrunde für jugendliche Straftäter statt. Ein Besuch.

Schwester Josefa Strunk mit drei der jungen Untersuchungshäftlinge
Schwester Josefa Strunk mit drei der jungen Untersuchungshäftlinge © KJF/Archiv

München – „Wann geht’s los?“ Amar (Namen aller Häftlinge von der Redaktion geändert) steht mit den Händen in der Hosentasche im Türrahmen. „Gleich!“ Anja Moser schnappt sich ein paar Kugelschreiber, nimmt ihren wuchtigen Schlüsselbund und schiebt Amar sachte aus ihrem Zimmer. Seit 17 Jahren arbeitet die Sozialpädagogin bei der Katholischen Jugendfürsorge der Erzdiözese auf Station N2b in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim. „N2b, das ist die Welpenstation“, sagt einer der Vollzugsbeamten. 20 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 21 Jahren sind hier in Untersuchungshaft. Alle vier bis sechs Wochen findet immer samstags der „interreligiöse Glaubensaustausch“ statt. Die Teilnahme ist freiwillig. „Die Jungs kommen gerne, das lenkt sie vom Gefängnisalltag ab. Sie mögen die Gespräche mit Schwester Josefa“, sagt Moser und zieht mit einem Ruck ihre Bürotür zu.

Heute wird der Aufenthaltsraum gut gefüllt sein. Zehn junge Männer möchten an diesem Samstagvormittag am Gesprächskreis teilnehmen. „Das sind ziemlich viele, das kann dann manchmal für alle etwas anstrengend werden“, gibt Schwester Josefa Strunk von den Armen Schulschwestern zu, während ein Beamter im Flur die Wartenden mit der Teilnehmerliste abgleicht. Dann erst dürfen Amar, Mohammed, Christian und die anderen den schlichten Raum betreten.

„Wer möchte Adam sein? Wer ist Gott?“

Auf einer Tischtennisplatte, deren Netz demontiert wurde, liegen zwei karierte Tischdecken. In der Mitte eine Skulptur aus Ton, vier Menschen stehen als Gruppe miteinander verbunden um ein Teelicht. Schwester Josefa teilt Textblätter aus zu dem heutigen Bibelgespräch über die Sündenfallgeschichte. „Wer spricht die Schlange? Wer möchte Adam sein? Wer ist Gott?“.

Blitzschnell reckt Erol die Hand zur Decke. Der 15-Jährige wird sich an diesem Vormittag noch oft melden. In verteilten Rollen sprechen die Jugendlichen die Bibelstelle – Buch Genesis, Kapitel 3. „Habt ihr alles verstanden? Was bedeutet zum Beispiel das Wort ,Erkenntnis‘ in ,Baum der Erkenntnis‘?“, fragt Moser. Was während der nächsten Stunden auffällt: Die Jugendlichen zeigen echtes Interesse, hören zu, viele von ihnen diskutieren mit. Die Mehrheit der Jugendlichen gehört dem Islam an. „Was da in der Bibel drinsteht, interessiert mich schon“, sagt Mohammed und malt blaue Strichmännchen neben den Text.

Die Katholische Jugendfürsorge (KJF) kümmert sich in der JVA Stadelheim in München um straffällig gewordene Jugendliche. Mit sozialen Trainingskursen, Einzelgesprächen und Exkursionen. Die Sozialarbeiterinnen Anja Moser und Corinna Pfeiffer waren zu Gast in der Sendung "Total Sozial" des Münchner Kirchenradios. Hören Sie hier den Podcast.

Blick in einen Haftraum
Blick in einen Haftraum © JVA Stadelheim

„Muslime, Juden, Christen und Jesiden haben eines gemeinsam: Sie glauben alle an einen einzigen, liebenden Gott“, betont Schwester Josefa zu Beginn der Veranstaltung. Beim interreligiösen Glaubensaustausch geht es darum, über die Textstellen, die wir gemeinsam in der Überlieferung haben – wir Christen nennen es das Alte Testament –, miteinander ins Gespräch zu kommen über Gott und die Welt und über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der einzelnen Glaubensrichtungen“, erklärt die Ordensfrau in der Mittagspause und fügt hinzu: „Wir haben den Glaubensaustausch 2014 ins Leben gerufen, damit sich die Jugendlichen mit dem eigenen Glauben als Fundament für ein gelingendes Leben auseinandersetzen und reflektieren, wozu Gott sie einlädt, was das auf dem Hintergrund ihrer verübten Straftat bedeutet und welche Möglichkeiten der Änderung in Denkweisen und Verhalten beziehungsweise sozialem Umfeld nach ihrer Entlassung bestehen.“

Die Bibelstelle wird auf den Alltag der jugendlichen Straftäter heruntergebrochen

Die Bibelstelle ist zu Ende. Was also anfangen mit dem Text? „Was passiert da eigentlich? Wer hat Schuld, dass Adam und Eva aus dem Paradies verdammt werden?“, hakt Moser nach. Und wieder ist es Erol, der seine Hand hebt. „Die Schlange ist schuld. Die macht Ratatouille.“ „Was bedeutet das, Erol?“, fragt Moser. „Na, dass die Schlange eine miese Nummer fährt, eine linke Aktion plant“, antwortet Erol prompt. Und schon sind alle mitten im Thema und Schwester Josefa spannt den Bogen in die Gegenwart.

In der kommenden Stunde geht es um Schuld, um die Neugierde auf Verbotenes, um Verführtwerden und Sich-verführen-Lassen, um Gut und Böse, um Verantwortung für das eigene Tun, um Nacktsein und Sich-nackt-Fühlen. Schwere, komplexe Themen. Doch das Gelesene auf den Alltag der jugendlichen Straftäter herunterzubrechen, gelingt mühelos.

Im Gefängnis denken Jugendliche nach – über sich, ihr Leben und ihre Beziehung zu Gott.
Im Gefängnis denken Jugendliche nach – über sich, ihr Leben und ihre Beziehung zu Gott. © JVA Stadelheim

„Ihr wisst doch, was gut und böse ist. Es braucht nicht viel, um irgendwo mitzumachen. Gott gibt uns die Freiheit, auch Böses zu tun. Wir alle haben Verantwortung für das, was wir tun.“ Amar sieht Anja Moser an, nickt und streicht sein blaues Gefängnishemd zurecht. „Wir wollen oft Gott spielen und über jemandem anderen stehen. Aber eigentlich ist die Regel in jeder Religion supereinfach: Jeder ist dein Bruder. Nur wir halten uns nicht daran“, sagt die Sozialpädagogin. Amar möchte etwas loswerden und sagt mit lauter Stimme: „Es ist schon auch gut, dass ich ins Gefängnis gekommen bin. Manchmal ist es gut, auf die Fresse zu fliegen und dann wieder aufzustehen. Es ist schwer, alles gut und richtig zu machen.“ Sätze wie dieser überraschen Schwester Josefa manchmal. „Aber sie zeigen mir auch, dass das, was wir hier machen, fruchtet, dass sich die Jugendlichen in diesem geschützten Raum öffnen und nachdenken über sich, ihr Leben und ihre Beziehung zu Gott.“

Die gemeinsame Pause ist das heimliche Highlight

Nach der Mittagspause gibt es Kaffee und Schokolade. Die Stimmung ist gelöst, die gemeinsame Pause ist Ausnahme im Knastalltag und für alle das heimliche Highlight. Zwei Jungs – und Anja Moser – fehlen. Eine Viertelstunde später betritt die Sozialpädagogin den Raum und sagt der Gruppe: „Christian und Salim geht’s nicht so gut.“ Salim ist draußen, nutzt den zeitlich genau festgelegten Hofgang und macht Sport, um den Kopf freizubekommen. Christian wird später wieder an seinem Platz sitzen. Familiäre Probleme haben ihm sichtlich zugesetzt. Mit gesenktem Kopf schiebt er sich ein Stück Schokolade in den Mund.

Dass nicht alles streng nach Stundenplan laufen kann, zeigen auch die folgenden Fragen, die einige Jugendliche Schwester Josefa stellen: „Was halten Sie von Atheisten?“, „Wie ist das gemeint mit dem Urknall?“ „Glauben Sie, dass der Mensch vom Affen abstammt?“ „Sind Sie mit Gott verheiratet?“ Was sich an Gedanken angesammelt hat, muss raus. Und so flattern die Themen kreuz und quer über die Tischtennisplatte. Schwester Josefa denkt nach und versucht, den Wissensdurst zu stillen. Im Pingpong der Fragen und Antworten legt sie den roten Faden aus der Hand. Ohne Arg, ohne Frust.

Mittlerweile sind zweieinhalb Stunden vergangen, seit sich die Gruppe um den provisorischen Tisch versammelt hat. „Das ist eine lange Zeit. Den Jugendlichen fällt es oft schwer, sich zu konzentrieren und ruhig zu sitzen“, weiß Moser. Am Ende bedanken sich alle, für die Schokolade und die Zeit, die sich Anja Moser und Schwester Josefa für sie genommen haben. „Gott ist schon krass gut und der Text mit dem Baum der Erkenntnis, was gut und böse ist, mit der Versuchung, das stimmt schon. Irgendwie sind wir alle irgendwann mal Mitläufer“, sagt Amar und steckt sich einen Kugelschreiber in die Tasche. (Angelika Slagman)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Vielfalt des Glaubens

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