Kinderschutzkonferenz im Vatikan Gute Bürokratie für gute Botschaft

25.02.2019

Kardinal Reinhard Marx in Rom hat Veränderungen in den kirchlichen Verwaltungen gefordert. Ein unterschätztes, aber entscheidendes Thema in der Missbrauchsdebatte.

Kein Ablage-Thema: Verwaltung und Akten in der Kirche. © Bierl/SMB

Es kommt nicht oft vor, dass ein deutscher Kardinal es bis in die BBC schafft und dadurch in der gesamten Welt Aufmerksamkeit findet. Reinhard Marx ist das gelungen. Bei der am Wochenende abgeschlossenen Kinderschutzkonferenz im Vatikan hat er einen vielbeachteten Beitrag geliefert: Der Münchner Erzbischof hat darauf hingewiesen, dass die Kirche ihre Verwaltung umstellen und stark verbessern muss. Das klingt zunächst einmal typisch deutsch: Die Bürokratie muss es richten. Kardinal Marx hat etwas angesprochen, was nicht nur in Kirchenkreisen gerne als nebensächlich abgetan wird. Denn schließlich seien doch die Botschaft und der christliche Geist das Wichtigste. Beides kann sich aber nicht entfalten, wenn der Apparat nicht funktioniert: Der Betrieb muss sauber und durchsichtig organisiert sein.

Beschwerdestellen und Rechtsgleichheit

Er braucht zudem Beschwerdestellen, Rechtsgleichheit und Rechtssicherheit für alle Gläubigen. Bisher ist es aber so, dass lediglich Priester und Bischöfe gegen kirchliche Verwaltungsakte und Strafurteile einen Einspruch einlegen können. Hinzu kommt, dass bei den Missbrauchsfällen oft ein Aktenchaos herrscht. Viele Unterlagen sind bewusst vernichtet worden oder verschwunden, um Personen nicht zu belasten. Viele Kleriker, die des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht haben, konnten deshalb an andere Stellen versetzt werden, wo diese Männer neue Straftaten begingen. Vielfach konnten die Personalchefs gar nicht wissen, dass gegen diese Mitarbeiter etwas vorlag. Es fehlten ja die Akten. "Verwaltung hat hier nicht dazu beigetragen, dass der Sendungsauftrag der Kirche erfüllt wird“, so Kardinal Marx, „sondern im Gegenteil dazu, dass er verdunkelt, diskreditiert und verunmöglicht wurde." Dabei hat er nicht mit dem Finger auf andere gezeigt. Denn nicht umsonst hat er in seiner eigenen Diözese eine Reform der Aktenverwaltung auf den Weg gebracht. Auch in München und Freising lag vieles im Argen.

Verwaltung ist kein Nebenthema

Die augenblickliche Missbrauchsdebatte hat aber die Augen dafür geöffnet, dass Bürokratie keineswegs überflüssig und schon gar kein Nebenthema ist.
Dafür braucht nicht nur die deutsche, sondern die Weltkirche verbindliche Standards. Das ist angesichts der dramatischen sozialen und politischen Not, denen etwa Bischöfe und Ordinariate etwa auf den Philippinen, im Kongo oder in Venezula begegnen, eine schwer zu erfüllende Forderung. Aber es hilft nichts. Allein das Vertrauen in die Priester und Bischöfe genügt nicht. Das hat die katholische Kirche in Europa und den USA bitter erfahren. Die an einigen Stellen bewusst undurchsichtige Verwaltung hat hier zu einem fürchterlichen und alles erschütternden Vertrauensverlust geführt. „Verwaltung ist eine Kunst“, hat Kardinal Marx neulich im Münchner Presseclub gesagt. Sie muss in der Kirche von qualifizierten Fachleuten geübt werden. Gute Bürokratie hilft, damit die gute Botschaft glaubhaft verkündet werden kann. Die Forderungen von Kardinal Marx sind der BBC eigene Meldung wert gewesen. Hoffentlich wird sie weltweit von den Gläubigen und den Bischöfen gelesen, verstanden und die Forderungen umgesetzt. Dann hätte die Kinderschutzkonferenz zwar eine trocken erscheinende, aber entscheidende Veränderung in der Kirche angestoßen.

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Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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