Neue Podcast-Folge von Würde.Leben Gute Verwaltung unterstützt Missbrauchs-Prävention

26.04.2021

Die Manipulation oder Unvollständigkeit von kirchlichen Personalakten erschwert die Aufarbeitung sexuellen Misbrauchs. Reformen sind im Gange. "Wir müssten aber schon weiter sein", so der ehemalige Münchner Generalvikar Beer.

Vollständig, geordnet, manipulationssicher: Kirchliche Akten wurden nicht immer so geführt.
Vollständig, geordnet, manipulationssicher: Kirchliche Akten wurden nicht immer so geführt. © IMAGO/allOver-MEV

München/Rom - Peter Beer lacht auf die scherzhafte Frage, ob seine Personalakte im Ordinariat wohl ordentlich geführt wird. Schließlich war der Priester zehn Jahre lang Generalvikar, also Verwaltungschef des Erzbistums München und Freising. In dieser Zeit hat er eine grundlegende Reform der Aktenführung eingeleitet. Den Anlass gaben die dramatischen Erschütterungen durch die hohe Zahl bekannt gewordener Missbrauchsfälle.

Transparenz und Gerechtigkeit

Peter Beer war gerade ins Amt gekommen, als der Skandal 2010 ins Rollen kam. Die damals mit einem Gutachten betraute Anwaltskanzlei stellte dabei erhebliche Defizite bei der Aktenführung im Münchner Ordinariat fest. Defizite, die auch in anderen deutschen Diözesen massenhaft vorkamen.  Das vielbeachtete Gutachten für die Erzdiözese Köln hat das erst jüngst bestätigt. „Gute Verwaltung garantiert Nachvollziehbarkeit, Transparenz und damit auch Gerechtigkeit“, sagt Beer in der neusten Folge des Podcasts Würde.Leben des Centre for Child Protection (CCP) in Rom. Der promovierte Theologe und Pädagoge hat dieses Kinderschutzzentrum mit initiiert, das Missbrauch und seine Gründe wissenschaftlich erforscht und Präventionsprogramme entwickelt. Als Professor arbeitet Beer heute selbst am CCP mit. Eine professionelle Aktenführung trage wesentlich dazu bei, Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu schützen und sei alles andere als eine „staubige und nebensächliche Angelegenheit“, so der frühere Generalvikar. Dazu sei gerade auf der Führungsebene Personal von außen nötig, die das Verwaltungsfach von der Pike auf gelernt hat. Die in den vergangenen Jahrzehnten häufig von Klerikern ohne fundierte Ausbildung geführten Bistumsverwaltungen hätten „Freundschaftsdienste“ unter Priestern und die Vertuschung von Missbrauch begünstigt.

Seitenzahlen - erste Vorbeugung gegen Manipulation

Dadurch hätten sich „geschlossene Systeme“ und ein theologisches Selbstverständnis verfestigt, das den Klerus als unantastbar begriff: „Was ist das für ein Kirchenbild, wenn ich Priester letztendlich vor konsequenter Strafe schütze und sexuell missbrauchte Gläubige als weniger wichtig einstufe!“ Die Verwaltung, die auch dafür notwendig und hilfreich ist, strafbare Vorgänge ans Licht zu bringen, sei in der Kirche oft als „lästige Schmuddelecke“ unbeachtet geblieben: „Auch das hat zu diesem Abgrund geführt, vor dem wir jetzt stehen.“ Die Erzdiözese München und Freising habe sich mit einer Verwaltungsreform zu klaren und nachvollziehbaren Maßstäben verpflichtet. So stehe etwa seit einigen Jahren fest, welche Pflichtdokumente ein Personalakt enthalten muss.  Alle Blätter sind mit einer Seitenzahl durchnummeriert, „damit nichts wegkommt oder willkürlich ausgetauscht wird“. Anzeigen oder Einträge über Haftstrafen können also nicht mehr einfach verschwinden. Grundsätzlich müssen die Akten zudem in den Büros verbleiben.

Zu langsam bei Aufarbeitung

In seiner Zeit als Generalvikar hat Beer gelernt, „dass Verwaltung Teil von Seelsorge sein kann“. In Hinblick auf den Missbrauchsskandal kann sie „zumindest helfen, dunkle Flecken aufzuzeigen und Vertuschungen zu verhindern“. Mit dem Tempo dieses Bewusstseinswandels und den damit einhergehenden Reformen in der Gesamtkirche ist der Präventionsexperte allerdings nicht zufrieden: „Wir könnten und sollten schon weiter sein.“ Die katholische Kirche in Deutschland schleppe seit über zehn Jahren einen Skandal mit sich herum „und hat anscheinend nicht die geistliche Kraft und die geistliche Größe, für Abhilfe zu sorgen und den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“, so Beer in der jüngsten Podcastfolge von Würde. Leben. „Das ist eigentlich ungeheuerlich.“

Podcast-Tipp

Würde.Leben Der jahrzehntelang vertuschte Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche hat die Würde und das Leben tausender Betroffener zerstört. Das Vertrauen in Priester, Seelsorger und engagierte Gläubige hat dadurch schwer gelitten. Das Centre for Childprotection, das Kinderschutzzentrum, das der päpstlichen Universität Gregoriana angegliedert ist, arbeitet für eine wissenschaftlich fundierte Prävention und wird weltweit gehört. Auch im Podcast Würde.Leben. > zur Sendung

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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