Kantorentag 2021 Guter Gesang ist nicht alles

20.07.2021

Die Abteilung Kirchenmusik des Erzbistums hat in der Pfarrkirche St. Korbinian einen Kantorentag veranstaltet - mit überraschenden Erkenntnissen für die Teilnehmenden.

Christian Bischof und eine Teilnehmerin stehen im Kirchenraum. Er gibt ihr hilfreiche Tipps für ihren Gesang.
Nach der Theorie kommt die Praxis: Christian Bischof gibt hilfreiche Tipps. © SMB/ Burghardt

München - Den meisten der 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kantorentags dürfte auf dem Heimweg der Kopf geschwirrt haben – was nicht daran lag, dass sie mit zu vielen theoretischen Fakten überhäuft worden wären. Stattdessen bot die Veranstaltung, die Teil der diözesanen Kantorenausbildung ist, auch erfahrenen Sängern so viel Neues, Überraschendes und Horizonterweiterndes, dass es nicht damit getan war, nur dabei zu sein und zuzuhören. Gefordert war ein tieferes Verständnis, ein Verinnerlichen mit dem Verstand und im Gesang. Der Einladung des Leiters der Münchner Kantorenschule, des stellvertretenden Diözesanmusikdirektors Christian Bischof, waren so viele aktive wie auch zukünftige Kantorinnen und Kantoren gefolgt – übrigens gleich viele Frauen wie Männer –, dass die Veranstaltung in St. Korbinian in München-Untersendling vom Pfarrsaal in die Kirche verlegt werden musste, um alle Teilnehmer unterzubringen. Als Referent führte der Liturgiewissenschaftler und Kirchenmusiker Professor Markus Eham in die Hintergründe des Kantorendienstes ein. Dabei ging es zunächst ganz bewusst nicht ums Singen selbst, sondern um das Grundverständnis von Liturgie und die Rolle des Kantors

Der Kantor als Konzelebrant

Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–65) hätte eine „kopernikanische Wende“ in der Rollenverteilung von Priester und Gemeinde eingeleitet, erklärte Professor Eham. Im Gegensatz zu einem allein und überhöht agierenden Geistlichen sei nunmehr die gesamte versammelte Gemeinde die eigentliche Zelebrantin der Liturgie, Hauptzelebrant sei Christus selbst – und der Kantor gewissermaßen Konzelebrant. Der Kantorengesang sei kein „Aufhübschen des Gottesdienstes“, nicht nur „die Sahne auf der Torte“. Er sei „integrales Element der Liturgie“, betonte Professor Eham und verdeutlichte diese These mit vielen Beispielen – von der Tatsache, dass der Kantorengesang auf das Judentum zurückgehe und ein viel älterer Dienst als der des Chorleiters und Organisten sei, bis hin zur Beobachtung, dass „zur DNA der Liturgie“ der Dialog gehöre, was sich unter anderem im Wechselgesang zwischen Kantor und Gemeinde ausdrücke.

Gesang dient nicht nur der Verschönerung des Gottesdienstes

Bereits in den Pausen zwischen den einzelnen Vortragseinheiten hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer viel nachzudenken und zu diskutieren: Hatte man sich nicht selbst immer wieder bei der wie selbstverständlichen Annahme ertappt, der eigene Gesang diene der Verschönerung des Gottesdienstes – und es komme vor allem darauf an, stimmlich möglichst gut zu singen? Auch wenn niemand bezweifelt, dass ein Gottesdienst durch guten Kantorengesang schöner wird, deuteten die Ausführungen von Professor Eham an, dass dieser Ansatz zu kurz greift und den tieferen Sinn des Kantorendienstes nicht erfasst. Denn der Gesang sei oftmals eben nicht nur ein Beiwerk, sondern selbst liturgisches Handeln; zudem komme bei vielen gesanglichen Elementen, etwa beim Antwortpsalm, den Worten eine größere Bedeutung zu als der Melodie.

Einladen und inspirieren

Im letzten Teil der Veranstaltung ging es an die Praxis: Mehrere teilnehmende Kantorinnen und Kantoren trugen einzeln Gesänge vor und erhielten von beiden Kirchenmusikern ausführliche Rückmeldung und konkrete Tipps, wobei auch hier weniger die rein stimmliche Dimension, sondern Textverständnis und Ausdruck im Vordergrund standen. „Als Kantor bin ich selbst Adressat der Botschaft“, legte Professor Eham den Teilnehmern ans Herz, „und ich darf stimmlich nicht den Oberlehrer geben, sondern soll einladen und inspirieren.“ Genau das war auch der Kantorentag selbst: eine inspirierende Einladung, den Kantorendienst als Charisma neu zu entdecken und ins gottesdienstliche Leben einzubringen.

Der Autor
Joachim Burghardt
Redakteur bei der Münchner Kirchenzeitung
j.burghardt@muenchner-kirchenzeitung.de


Das könnte Sie auch interessieren

Menschen sitzen auf Kirchenbänken und nehmen an einem Gottesdienst teil.
© Steam visuals stock.adobe.com

Was bringt einem der Gottesdienst?

Für Liturgiewissenschaftler Christian Rentsch führt diese Frage weg vom wesentlichen Kern des Gottesdienstes. Wer den Nutzen zum Maßstab nimmt, vergibt eine Chance.

23.07.2021

Die Orgel im Münchner Liebfrauendom
© Kiderle

Sommerliche Orgelkonzerte

Die Musik ist zurück! Nach einer coronabedingten Pause 2020 gibt es in diesem Jahr wieder sommerliche Orgelkonzerte im Münchner Liebfrauendom.

30.06.2021

Norbert Becker am Klavier
© SMB/kob

Neue geistliche Musik: Das Schwarzbrot des Glaubens

Seit über 40 Jahren schreibt der Komponist und Pater Norbert Becker Kirchenlieder. Für ihn ist moderne spirituelle Musik mehr als nur Hintergrundgeräusch für Gottesdienste.

07.06.2021

Zwei Menschen singen und halten Notenbücher in der Hand. Sie tragen weiße Hemden, rote Fliegen und rote Jacketts.Ihre Gesichter sind nicht zu sehen.
© stock.adobe.com - Pav-Pro Photography

Katholische Uni erforscht Lage von Chören

Die Pandemie hat auch auf das Chorleben massive Auswirkungen: Chorproben und -konzerte dürfen seit langem nicht mehr stattfinden. Die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt erforscht nun, welche...

11.03.2021

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren