Ethische Fragen zur Corona-Impfung Haben auch Impfverweigerer Anspruch auf ein Beatmungsgerät?

07.01.2021

Rund um das Thema Corona-Impfungen gibt es aktuell viele Diskussionen: Hat die Bundesregierung bei der Bestellung nationale Interessen vernachlässigt, ist die Impfreihenfolge gerecht und was ist mit möglichen Nachteilen für Impfgegner? Philosoph Andreas Trampota ordnet aus ethischer Sicht ein.

Impfstoff gegen Corona und Spritze
Seit dem 27. Dezember 2020 wird in Deutschland der Impfstoff gegen das Coronavirus verabreicht. © Markus Mainka - stock.adobe.com

München - Für Andreas Trampota verhält sich die Sache mit dem Impfen gegen das Coronavirus wie mit dem Maske tragen: "Die Motivation kann stärker der Eigenschutz sein, oder man will einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten", erklärt der Jesuit, der an der Münchner Hochschule für Philosophie Professor für Philosophische Ethik ist. Letztendlich sei die Motivation hinter der Impfentscheidung aber gar nicht von Bedeutung, weil auch derjenige, der aus Eigennutz handele, dem Gemeinwohl einen Dienst leiste.

Weil der Impfstoff zur Vorbeugung einer Covid-19-Erkrankung aktuell noch sehr knapp ist, sieht der Impfplan der Bundesregierung zunächst die Impfung von über 80-Jährigen und Bewohnern und Personal von Pflegeheimen vor. Aus ethisch-rechtlicher Sicht sei laut Trampota bei der Festlegung der Reihenfolge nicht das Alter das einzig entscheidende Kriterium, sondern vielmehr das Risiko einer Erkrankung. Und das sei bei älteren Menschen mit zum Teil erheblichen Vorerkrankungen natürlich höher. Zudem würden auch Risikogruppen aus anderen Altersschichten im Impfplan entsprechend berücksichtigt, auch wenn dieser nicht das individuelle Risiko von allen Menschen einschätzen könne.

Wo sind die größten Erfolgschancen?

"Weil man knappe Ressourcen hat, muss man priorisieren", betont Trampota. Finge man beim Impfen wegen der vermeintlich höheren Lebenserwartung mit den jungen Menschen an, so würde diese Strategie kaum "dem Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs" gerecht. Die Jüngeren hätten einfach bessere Chancen, Covid-19 gut zu überstehen, deshalb halte er die aktuelle Verfahrensweise "schon für die ethisch richtige", so der Jesuit. "Wenn man sich an der Menschenwürde orientiert, kann nicht das Alter oder der soziale Stand das vorrangige Kriterium sein." Da es sich hier um eine medizinethische Frage handele, sei entscheidend, wo der Impfstoff die größten Erfolgsaussichten habe - also bei den Menschen, die am ehesten gefährdet sind.

Kein nationaler Alleingang

Trotz aller Kritik, die die Bundesregierung aktuell für den holprigen Start der Impfkampagne einstecken muss, findet es Andreas Trampota sehr beachtlich, dass man von Anfang an "transnationale" Überlegungen angestellt und mit EU und Weltgesundheitsbehörde erörtert habe, wie eine gerechte internationale Verteilung des Impfstoffs aussehen könnte. Dabei ginge es vor allem um finanzielle Überlegungen - getragen von dem ethischen Prinzip "der Verpflichtung zur Hilfeleistung in der Not" - also dass der Impfstoff für die ärmeren Länder auch erschwinglich ist. Natürlich habe die Bundesregierung den Auftrag, sich in erster Linie um die eigene Bevölkerung zu kümmern, aber zugleich sei die Pandemie ein globales Problem, dass man erst in den Griff bekomme, "wenn weltweit genügend Menschen geimpft sind". Bevor dieser Zustand nicht erreicht sei, komme die vermeintliche Normalität nicht zurück, sagt Trampota.

Impfverweigerer im Notfall beatmen?

Bleibt noch die Frage nach den Impfgegnern. Sollte man denjenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, im Falle einer schweren Erkrankung und bei knappen Ressourcen im Krankenhaus dann auch den Anspruch auf ein Beatmungsgerät verweigern dürfen? Er könne zwar die Intention hinter der Frage verstehen, antwortet Trampota, aber dennoch hielte er es für "fatal", wenn man medizinische Mittel nur noch nach Gesinnung oder "Verdienst" verteilen würde. "Man müsste dann ja auch beispielsweise bei jeder Organspende den Lebenswandel des Empfängers überprüfen, ob er das überhaupt verdient'."

Schwieriger sei da schon zu erörtern, ob Geimpfte Sonderrechte erhalten dürfen. Es gebe eigentlich keinen echten Grund, diesen dann noch die Einschränkung ihrer Freiheit aufzubürden, so der Philosophie-Professor - auch wenn man dadurch das Prinzip der Gleichheit aufgebe, was wichtig sei, um durch so eine Krise zu kommen. Aber soweit sei man im Moment noch gar nicht, "weil wir wissen ja auch noch nicht, ob Geimpfte andere Menschen weiter infizieren können."

Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
k.schlaug@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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