Verwirrung um Benedikt-Brief Halbe Wahrheiten aus dem Vatikan

19.03.2018

Ein Zeichen der Eintracht und etwas Werbung sollte das Schreiben Benedikts XVI. zu einer Buchreihe über Papst Franziskus sein. Wie der Brief bekanntwurde und was er enthielt, macht die Marketing-Aktion zum Rohrkrepierer.

Papst Franziskus (links) und Papst Benedikt XVI.
Papst Franziskus (links) und Papst Benedikt XVI. © imago

Vatikanstadt – Es ist ein bitterböser Schwank in drei Aufzügen, den Kurienmitarbeiter dem Papst zum Jahrestag seiner Wahl geschenkt haben. Die Handlung dreht sich um eine Buchpublikation zu Ehren von Franziskus und einen Brief, den sein Vorgänger Benedikt XVI. dazu geschrieben hat. Vorneweg: Die beiden Päpste erscheinen nicht selbst auf der Bühne.

Es beginnt mit der Vorstellung einer Buchreihe Anfang vergangener Woche über die Theologie von Papst Franziskus. Elf Bändchen im Oktavformat umfasst die Edition, die bei der Vatikanischen Verlagsanstalt erscheint.

Der Chef des Päpstlichen Mediensekretariats, Monsignor Dario Vigano, berichtet bei der Präsentation, man habe Benedikt XVI. - einen Theologen von Weltrang - für einen kleinen Einleitungsessay gewinnen wollen. Der fast 91-Jährige sagte ab, jedoch mit einem freundlichen Brief. Aus diesem trägt Vigano vor.

"Törichtes Vorurteil"

"Ich lobe diese Initiative", heißt es da. Das Buchprojekt trete dem "törichten Vorurteil" entgegen, Franziskus sei "ein Praktiker ohne besondere theologische oder philosophische Bildung", während er, Benedikt XVI., ein lebensferner Theoretiker gewesen sei. Auch unterstrichen die Bändchen "die innere Kontinuität zwischen den beiden Pontifikaten, wenngleich mit allen Unterschieden in Stil und Temperament".

Diesen Absatz lässt Vigano schriftlich verteilen. Mündlich zitiert er weiter: Benedikt XVI. betont, er habe sich zeitlebens nur zu Büchern geäußert, die er auch gelesen habe. Zur Lektüre dieser elf Bändchen sei er leider "auch aus physischen Gründen" in nächster Zeit nicht imstande. - Hier stutzten manche: Kann er nicht oder will er nicht?

Am selben Abend verbreitet das Mediensekretariat ein Pressebild, das den Papstbrief und die Bücher zeigt. Zwei Tage später räumt die Behörde auf Nachfragen der Nachrichtenagentur AP ein: Das Foto wurde nachbearbeitet. In der Tat sind einige Zeilen weichgezeichnet, die zweite Briefseite ist bis auf die Unterschrift Benedikts XVI. und wenige Buchstaben verdeckt. Bitten um eine Version in höherer Auflösung oder ein Foto beider Blätter bleiben unbeantwortet.

Kritik an Autorenwahl

Die Frage verdichtet sich: Stand noch mehr in dem Brief? Am Samstag bloggt der Journalist Sandro Magister unter Berufung auf eine "unanfechtbare" Quelle: Ja - Benedikt XVI. kritisiert die Autorenwahl, namentlich Peter Hünermann. Der emeritierte Tübinger Dogmatiker schreibt über "Die Anthropologie von Papst Franziskus".

Erst da, am Samstagnachmittag, schickt der Kommunikationschef des Papstes eine Mail. Darin spricht er von "Polemiken wegen einer angeblichen Manipulation" und betont zweimal die Vertraulichkeit des Briefs von Benedikt XVI. Man habe daher nur das bekanntgemacht, was man für "angemessen" hielt. Jetzt aber hängt Vigano, "um jeden Zweifel zu zerstreuen", ein komplettes Faksimile an.

Und siehe da: Es gibt ihn also, den ominösen dritten Absatz, und der emeritierte Papst bekundet darin seine Verwunderung, dass Hünermann unter den Autoren ist. Hünermann, der sich, so Benedikt XVI., an die Spitze "antipäpstlicher Initiativen" stellte, der eine tragende Rolle bei der "Kölner Erklärung" spielte, der die Lehrautorität des Papstes angriff, der in papstkritischer Absicht die "Europäische Theologengesellschaft" gründete. Zwölf Zeilen, die viel Bitterkeit ahnen lassen.

Glatte Absage

Faktisch bekommt das ganze Schreiben so einen anderen Dreh. Eine lobenswerte Initiative, so der Tenor, ist die Reihe zur Theologie von Franziskus gewiss - nur haben die Herausgeber den Bock zum Gärtner gemacht, den Papstkritiker zum Papsterklärer. Das ist es im Grunde, was der Papst im Ruhestand dem Medienpräfekten zu verstehen gibt und warum er ihm am Ende eine glatte Absage erteilt. 

In seiner Gesamtheit wird der Brief zu einem aufschlussreichen autobiographischen Zeugnis - über die Wertschätzung für Franziskus, über das Leiden Benedikts XVI. unter dem Image des kalten Professors, auch darüber, wie tief die Wunde der fast 30 Jahre alten "Kölner Erklärung" noch immer ist.

Es bleibt die Frage, wer das Wissen über den vollständigen Wortlaut in Umlauf brachte. Menschen, die Vigano kennen, halten für möglich, dass er selbst das Schreiben zu fleißig herumgezeigt hat. Und es gibt Personen, die Benedikt XVI. nahestehen und womöglich ihren Papst emeritus durch das Mediensekretariat als Werbeträger verzweckt fanden. Vielleicht bekommt das Schauspiel also noch ein Nachspiel. (Burkhard Jürgens/KNA)


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