Jahresempfang von Erzdiözese und Diözesanrat Harmonischer Blick in die katholische Welt

04.07.2019

Erstmals hat Ministerpräsident Söder den Jahresempfang von Erzbistum und Diözesanrat besucht. In entspannter Atmosphäre sprach Kardinal Marx über den synodalen Weg und Diözesanratsvorsitzender Tremmel mahnte innerkirchliche Reformen an.

Von links: Diözesanratsvorsitzender Hans Tremmel, Kardinal Reinhard Marx, Ministerpräsident Markus Söder, Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deu
Von links: Diözesanratsvorsitzender Hans Tremmel, Kardinal Reinhard Marx, Ministerpräsident Markus Söder, Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland © Kiderle

München – Es stellt sich an einem Abend wie dem des traditionellen Jahresempfangs von Erzbistum und Diözesanrat stets von Neuem die kritische Frage: Darf man das in (kirchenpolitisch) so bewegten Zeiten wie diesen? Darf man mit 600 Gästen im gediegenen Ambiente der Katholischen Akademie in Bayern mit ihrem weitläufigen Garten vor der prächtigen Kulisse von Schloss Suresnes mitten in Schwabing einen lauen Sommerabend den lieben Gott einmal einfach nur einen guten Mann sein lassen? Bei beschwingter Musik (diesmal Tango-Klänge vom Erdinger Salonorchester) ausgesuchtes Essen und Getränke genießen und angeregte Gespräche führen?

Kardinal Reinhard Marx hatte in seiner Ansprache zum Ende des offiziellen Teil die passende Antwort parat: Als Christ dürfe man an manchen Tagen das Leben – wie es ein altes Bild ausdrücke – „als Fest feiern“ und dem Schöpfer „Danke sagen“, dass man auf dieser Welt sei und dass es in den unendlichen Weiten des Universums einen so einmaligen Planeten wie den unsrigen gebe. Auch das sei eine christliche Haltung, so würden Christen zu „Zeugen der Hoffnung“.

Epochenwandel mit Evangelium

Auch in diesem Jahr wurde einem Spendenprojekt (heuer der „Care-for-Rare-Foundation“, die Kinder mit seltenen Erkrankungen einen schnelleren Zugang zu moderner genetischer Diagnostik und zu innovativen Therapieverfahren verhilft), vom Erzbistum der gleiche Betrag gespendet, den man für den Abend aufgewendet hatte.

Darüberhinaus hatte der Erzbischof in seiner Ansprache natürlich auch noch ein paar weitere Punkte auf der Agenda: „Wir spüren, dass es einen Epochenwandel gibt. Wer das nicht sieht, hat sein geistiges und intellektuelles Auge nicht richtig justiert“, sagte er. Die Kirche stehe „vor großen Herausforderungen“. Zwar seien die Umrisse dessen, was entstehe, noch nicht ganz klar. Aber: „Was nicht zum Evangelium passt, wird keinen Bestand haben“, betonte Kardinal Marx. Dies habe er vor wenigen Tagen auch Papst Franziskus gesagt.

Kardinal Marx bei seiner Ansprache vor rund 600 Gästen in der Katholischen Akademie
Kardinal Marx bei seiner Ansprache vor rund 600 Gästen in der Katholischen Akademie © Kiderle

Keine "deutsche Nationalkirche"

Gleichzeitig wies er Vorbehalte gegen den von den deutschen Bischöfen beschlossenen „synodalen Weg“ zurück. Man könne aus dem jüngsten Brief von Papst Franziskus an die deutschen Katholiken vieles herauslesen, aber eines nicht: ängstlich zu sein und diesen Prozess nicht zu beginnen. Es gehe darum, dass sich „ein pilgerndes Volk auf den Weg macht und Gottes Möglichkeiten auslotet, die größer sind als das, was wir uns zurechtgelegt haben“. Dabei habe niemand vor, im nächsten Jahr „eine deutsche Nationalkirche“ aufzumachen. Kontroverse Diskussionen seien notwendig, auch Abstimmungen, die aber nicht die einen zu Gewinnern und die anderen zu Verlierern machen sollten.

Die geforderte Einmütigkeit sei mit knappen Mehrheiten nicht zu erreichen. Statt 51 Prozent gelte es eher, einen Zustimmungsanteil von drei Viertel der Beteiligten anzustreben. „Wir können in diesem Rahmen nicht das Kirchenrecht verändern. Aber es ist gut, dass Diskussionen geführt werden, auch über Dinge, die früher tabuisiert waren.“ In diesem Sinne sei der synodale Weg ein „Weg der Ermutigung“.

Kirche habe sich aktiv in gesellschaftliche und politische Debatten einzubringen und dabei klare Standpunkte zu beziehen: „Ab und zu müssen wir auch Unruhe stiften.“ Dabei gehe es gerade nicht darum, „Gräben aufzureißen und Hass zu vertiefen“, sondern darum, „Brücken zu bauen und den Dialog zu führen“, schloss der Kardinal.

Weihbischof Bernhard Haßlberger im Gespräch
Weihbischof Bernhard Haßlberger im Gespräch © Kiderle

"Sportlicher Dialog" zwischen Söder und Marx

Erstmalig besuchte auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) den Jahresempfang. Angesichts seines recht pointierten Redebeitrags hätte ein Außenstehender kaum auf die Idee kommen können, dass es in der Vergangenheit die eine oder andere Meinungsverschiedenheit zwischen ihm und dem Münchner Erzbischof gegeben hat. Der bayerische Regierungschef spielte diese Auseinandersetzungen als „manchmal auch sportlichen Dialog“ herunter. Söder wollte nach eigener Aussage der versammelten Gesellschaft sowieso keine „Fastenpredigt“ halten, wie etwa ehedem als Bayerischer Finanzminister beim Maibockanstich: „Diese Reden hatten im Moment immer sehr viel Freude gebracht – und viel Ärger für das nächste halbe Jahr.“

Vielmehr wolle er an diesem Abend „ein kleines Bekenntnis“ ablegen: „Lieber Herr Kardinal und alle Engagierten in der Kirche: Bayern ist stolz auf Ihre Arbeit, Bayern ist dankbar für das, was Sie leisten“, lobte er. Bayern sei „ein christlich geprägtes Land“, in dem aber nicht jeder Christ sein müsse. Religion sei zwar Privatsache, aber auch „Bestandteil unserer Kultur und unserer Lebensart“, ein Bestandteil, den auch jene, die „vielleicht nicht mehr so engagierte Christen und manchmal ein wenig fern von der Kirche sind, gern behalten möchten“ – so die Einschätzung des protestantischen Ministerpräsidenten. Die „einladende, nicht abgrenzende Idee des Christentums“ halte Bayern und Europa zusammen und sei „existenzieller Bestandteil unserer Demokratie“.

Religion und Kirche halten Gesellschaft zusammen

Bei aller Trennung von Staat und Kirche sei daher klar: Religion und Kirche schafften Stabilität und hielten eine Gesellschaft zusammen. In diesem Zusammenhang sprach sich der Politiker für den Erhalt des deutschen Kirchensteuersystems aus. „Was dafür geleistet wird, ist für ein Land wie Bayern unglaublich wichtig.“ Deshalb gebe es keinen Anlass, wegen einzelner Fehler „das Ganze, das Gute“ oder die Institution Kirche als solche in Frage zu stellen. Aus diesem Grund rufe er die Kirchen auch zu mehr Optimismus auf. Trotz negativer Zukunftsprognosen bestehe „kein Grund zur Panik“, sagte Söder. Vielmehr solle jeder Christ die frohe Botschaft „auch mit dem Gesicht“ zeigen: „Vertrauen wir nicht auf Prognosen, vertrauen wir auf unser Herz!“ Mit Gottes Hilfe und der „Kraft des Wortes“ könnten Menschen viel bewegen. Er selbst sei gern Christ und dankbar für seinen Glauben, dieser helfe ihm, auch schwierige Situationen des Lebens zu bewältigen, bekannte der Ministerpräsident.

Weihbischof Wolfgang Bischof (links)
Weihbischof Wolfgang Bischof (links) © Kiderle

Neuer Generalvikar kennt städtische Verwaltung "in- und auswendig"

Die Glückwünsche der Landeshauptstadt überbrachte Stadträtin Evelyne Menges (CSU). Sie dankte für „die wertvolle Arbeit, die seitens der Kirche ehrenamtlich, hauptamtlich, auf allen Ebenen geleistet wird“. Zwischen der Landeshauptstadt und dem Erzbistum bestehe „eine sehr gute Zusammenarbeit“. Sie sei sich sicher, dass diese auch unter dem zukünftigen neuen Generalvikar Christoph Klingan weitergeführt werde. Denn dieser sei ja bekanntermaßen nicht nur ein gebürtiges „Münchner Kindl“, sondern war vor seinem Theologiestudium städtischer Mitarbeiter bei der Lokalbaukommission. Klingan kenne daher die städtische Verwaltung in- und auswendig. Schon heute freue sich Menges darauf, mit ihm bei passender Gelegenheit einen Vergleich ziehen zu können bezüglich der Effizienz der jeweiligen Verwaltung.

Der Münchner Diözesanratsvorsitzende Professor Hans Tremmel warnte in seine Rede, sich als Kirche aus dem gesellschaftlichen Diskurs zurückzuziehen und mahnte mit deutlichen Worten innerkirchliche Reformen an. Mit Blick auf den sexuellen Missbrauch in der Kirche sagte Tremmel, es handle sich um ein „Multi-System-Versagen“, nach dem „nicht mehr alles bleiben kann, wie es ist und wie es war“. Es brauche „nicht irgendwann, sondern zeitnah sichtbare Veränderungen, damit die Kirche Jesu Christi wieder stärker als solche erkennbar wird. Wir alle müssen vom Reden und Überlegen ins Handeln kommen.“

Keine "Beileidsbekundungen" für Beer

Dieser Ansicht war auch Generalvikar Peter Beer bei seiner letzten Ansprache beim Jahresempfang. Wie immer kurzweilig und eloquent spielte er mehrfach auf seinen bevorstehenden Abschied an und bat, „von Beileidsbekundungen“ Abstand zu nehmen: „Denn erstens ist es noch nicht soweit, zweitens weiß ich nach Theologenart noch nicht so genau, was danach kommt, und drittens leben wir ja aus der gemeinsamen Hoffnung, dass das Leben deiner Gläubigen, oh Herr, nicht genommen, sondern gewandelt wird.“

Beer wünschte allen Anwesenden interessante Gespräche und Gelegenheiten zum gedanklichen Austausch, „der Welten eröffnet und das gegenseitige Verständnis stärkt.“ Dann würde es einem, auch nicht wie jenen zwei Geistlichen aus einem frechen Theologen-Witz ergehen, die an einem Zaun, auf dem „FKK“ steht, vorbeikommen und sich partout die Abkürzung nicht erklären können. Worauf schließlich der eine dem anderen auf die Schulter steigt, um einen Blick hinüber zu werfen. Empört ruft er: „Lauter Nackerte!“ „Männer oder Frauen?“, fragt der untere. „Woher soll ich das wissen, die haben ja nix an“, lautet die Antwort.

Man solle also ohne Ängste den Blick über so manchen Zaun in andere Welten werfen, „dabei für Überraschungen offen sein und die Vielfalt der Welt unvoreingenommen wahrnehmen – auch wenn vielleicht bestimmte Teile der Welt einem zunächst unverständlich erscheinen mögen, nicht geeignet oder nicht wert. Die Erweiterung des eigenen Horizonts gebe es dabei allemal“, schloss der Generalvikar.

Der Autor
Florian Ertl
Münchner Kirchenzeitung
f.ertl@st-michaelsbund.de


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