Viele Wähler sind noch unentschlossen Heiliger Ignatius kann bei Wahlentscheidung helfen

18.09.2017

Etwa 46 Prozent der Wähler wissen noch nicht, wem sie ihre Stimme geben. Da hilft nur noch ein Heiliger, meint unser Kommentator.

42 Parteien und noch mehr unentschlossene Wähler, die den 24. September noch einmal spannend machen können
42 Parteien und noch mehr unentschlossene Wähler, die den 24. September noch einmal spannend machen können © fotolia

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“, lautet der berühmte Spruch des griechischen Philosophen Sokrates. So geht es mir auch, zusammen mit über 40 Prozent der Bundesbürger. Wir Sokrates-Anhänger sind die größte Gruppe bei der bevorstehenden Bundestagswahl: die Unentschlossenen. Der große unbekannte Faktor, der die Wahl doch noch spannend macht. Als politisch interessierter Katholik geht mir da natürlich allerhand durch den Kopf: Wie viele Flüchtlinge kann unser Land verkraften? Ich sehe ein, dass ein Staat, der unkontrolliert Menschen in Bedrängnis aufnimmt, irgendwann seine Handlungsfähigkeit verliert. Und dann vielleicht in so große Turbulenzen gerät, dass er gar nicht mehr helfen kann und eine gespaltene Gesellschaft hinterlässt. Aber wie hier handeln, ohne die Menschlichkeit und auch den Anspruch von Papst Franziskus zu verraten.

Der Wähler ist der Souverän

Oder der Diesel-Skandal: Das steht eine industrielle Schlüsselbranche nicht zu Unrecht in der Kritik. Aber warum nimmt das niemand zum Anlass einmal zu fragen, warum die Schifffahrt mit höchstschädlichem Schweröl und ohne die geringsten Schadstoffbegrenzungen das Klima schwer belasten darf.
Und wie soll es mit dem Euro weitergehen? Brauchen da Länder wie Griechenland noch mehr Druck oder eher weniger, geht es da vielleicht sogar um Barmherzigkeit?
Immerhin scheint das Staat-Kirche-Verhältnis für nahezu alle Parteien in Ordnung zu sein. Nur die AfD provoziert da immer wieder oder fordert zum Kirchenaustritt auf. Bei der Linken wird die scharfe Abgrenzung des Staates von der Kirche zwar nicht laut, aber dafür theoretisch stark gefordert.
Dann treibt mich auch gewaltig die Frage um, ob unsere Abtreibungsgesetze wirklich in Erz gegossen sind. Eine junge Frau mit Down-Syndrom hat bei der TV-Bürgerstunde mit der Bundeskanzlerin die Sache auf den Punkt gebracht: Dürfen es Politik und Gesellschaft hinnehmen, dass mittlerweile neun von zehn Kindern mit dieser Krankheit abgetrieben werden.
Und zwischen all diesen Fragen stehe ich und bin als Teil des Wahlvolkes sogar der Chef der Parlamentarier. Sie erwarten von mir als Souverän zurecht eine Entscheidung.

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Alois Bierl sucht sich Wahlhilfe beim Heiligen Ignatius.
Alois Bierl sucht sich Wahlhilfe beim Heiligen Ignatius. © SMB/Schmid

Heiliger Ignatius hilf

Mir hilft da ein Blick auf den heiligen Ignatius, den Gründer des Jesuitenordens. Er spricht vom "Geist der Unterscheidung", wenn ein Mensch über etwas Wichtiges zu befinden hat. Und der ist immer wieder neu zu suchen und kann in unterschiedlichen Situationen und Zeiten auch zu anderen Entscheidungen führen. Für mich als Wähler bedeutet das: Ich schaue genau hin, wo ich momentan die größten Probleme sehe, die mir am stärksten am oder auch auf dem Herzen liegen. Möglicherweise muss das eine oder andere Thema sogar noch für einige Jahre in der Schwebe bleiben und radikale Entschlüsse sind schädlich. Dann werde ich entsprechend wählen. Bei anderen Themen weiß ich, sie sind so schwierig, dass ich sie nicht durchschauen und kompetent urteilen kann. Dann muss ich eine Partei finden, der ich so weit vertraue, dass sie diese Fragen nicht nur nach den Interessen bestimmter Einfluss-Gruppen entscheidet und auch nicht nur nationale Egoismen im Blick hat, die in letzter Konsequenz dann sogar meinem Land schaden.

Als ich darüber am vergangene Wochenende nachgedacht habe, ist mir der Kreis der für mich wählbaren Parteien gar nicht mehr so groß vorgekommen. Ich weiß auch, dass bei der Lösung von Problemen Kompromisse eingegangen werden müssen. Politik ist die Kunst des Möglichen, hat Bismarck einmal gesagt. Das gilt auch für die Demokratie. Und etwas mehr bin ich mir dann schon im Klaren, wen ich am kommenden Sonntag zumindest nicht wählen kann. Und wer meine Stimme bekommt, weiß ich bis dahin auch und kann die Sokrates-Fraktion verlassen. (Alois Bierl ist Leiter der Radioredaktion beim Sankt Michaelsbund)

Dieser Artikel gehört zum Thema Bundestagswahl 2017

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