Ein starkes Gefühl Heimat ist ein kulturelles Konstrukt

13.01.2020

Volkskundler Dr. Thomas Schindler erklärt im Interview, dass Heimat etwas Wandelbares und Offenes ist. Lederhose und Stubnmusi haben nicht unbedingt viel mit bayerischen Heimatgefühlen zu tun.

Ein Mann in Tracht steht mit Kühen auf einer WIese.
Das Bild von Lederhosen und Stubnmusi ist ein Konstrukt des 19. Jahrhunderts. © m_haberstock - stock.adobe.com

mk online: Was ist Heimat?

Dr. Thomas Schindler: Heimat ist ein sehr starkes Gefühl. Ein Gefühl, was sich für viele – für mich auch – immer wieder wandelt. Heimat wird heute oft beschrieben mit „Handeln in Reichweite“. Fühle ich mich in meiner eigenen Nahwelt wohl? Kann ich dort agieren? Bin ich dort in irgendeiner Art und Weise wichtig? Insofern ist Heimat nicht unbedingt ortsgebunden, wenn auch viele Menschen Heimat mit einem konkreten Ort in Verbindung bringen oder bringen möchten.

Gefühle sind ja eigentlich schlecht um politische Diskurse zu führen, aber in den letzten Jahren ist Heimat vermehrt aufgetreten. Warum bekommt ein Gefühl vermehrt Konjunktur?

Gefühle sind besonders prädestiniert politische Diskurse zu bestimmen. Die Politik hat in den letzten Jahren erkannt, dass vor dem Hintergrund sich wandelnder gesellschaftlicher Verhältnisse – dazu gehören gewandelte Familien- und Erwerbsstrukturen, aber auch die veränderte Perspektive von Menschen auf sich und ihre Umwelt, ihre Reichweiten, – auch die Bedürfnisse der Menschen sich geändert haben. Arbeiten kann man heute in Dubai genauso wie in Shanghai. Das kennt fast jeder aus der eigenen Familie. Demnach geht es dabei um nicht um wirtschaftliche Lebensgrundlagen sondern gefühlsmäßige. Möchte ich, wenn ich in Shanghai arbeite, wirklich Jahrzehnte dort leben, oder nehme ich einige Jahre hin, um zu Hause bessere Chancen zu haben. Der Begriff zu Hause ist ganz eng verwoben mit dem Begriff Heimat und zu Hause fühlen kann ich mich fast überall und somit kann auch Heimat fast überall entstehen. Dass die Politik dies aufgreift, liegt daran, dass die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse kanalisiert werden wollen. Und die Politik will dies durch Strukturpolitik tun.

Aber der Heimatbegriff in der Werbung oder in Medien ist ja doch immer ortsgebunden. Ich kann im Supermarkt keine Packung regionale Milch kaufen ohne Kühe mit Alpenpanorama auf der Packung.

Was man unter Heimat versteht, hat viel mit Identität zu tun. Identität entsteht aus einer Gemengelage unterschiedlicher Gegebenheiten, die naturräumlicher Art sein können, die aber auch konfessioneller, religiöser Art sein können, aber auch struktureller Natur wie zum Beispiel Familienverhältnisse. Also dass ich mich einfach dort wohl fühle, wo ein großer Teil meiner Verwandtschaft lebt. Die Lederhosen und die Alpen, dieses Bild von Heimat von Bayern ist erst im 19. Jahrhundert entstanden.

Das müssen Sie genauer erklären.

Es ging darum eine bayerische Identität zu schaffen, die aus den unterschiedlichen bayerischen Regionen schöpft. Die Wittelsbacher haben bewusst Kulturpolitik betrieben, die auf die Identifizierung von regionalen Spezifika abzielte, um den Menschen klar zu machen, dass das neu entstandene Königreich Bayern – Bayern gab es ja bis ins 19. Jahrhundert in der Form gar nicht – ihre Geschichte nicht stehlen oder überspannen möchte, sondern ihnen diese in einem neuen gesamtgesellschaftlichen Rahmen gewährt.

Thomas Schindler in seinem Büro.
Heimat ist für Thomas Schindler ein offener Begriff. © SMB/ Stöppler

Quasi ein Pax Bavaria?

Ja und damit sich Protestanten, Franken, Schwaben und alle anderen wohl fühlen entwickelten die Wittelsbacher kulturelle Konstruktionen. Eine dieser Konstruktionen sind zum Beispiel die Trachten, die sich ja bis heute gehalten haben. Aber auch die Volksmusikvereinigungen oder naturräumliche Stereotypen wie etwa der Isarkreis.

Wo ist denn der Unterscheid zwischen Identität und Heimat?

Der Begriff Heimat ist kein feststehendes Narrativ, es wird von jedem anders verstanden. Genauso ist das mit Identität. Ich identifiziere mich als Münchner, weil ich seit einiger Zeit hier lebe, aber meine gesamte Identität heißt nicht Münchner. Da fließen noch ganz viele andere Faktoren ein. Bei Heimat ist das genauso. Ich sehe da keinen Unterschied.

Was gehört denn jetzt aber außer Orten zu Heimat?

Zu Heimat gehört aber auch immer Kommunikation oder ein Netzwerk. Denn wenn es um ein Gefühl geht, ein Handeln in Reichweite, dann gehört dazu in jedem Fall der Apotheker, der Friseur, der Nachbar, die nette Omi von nebenan und so weiter. Aber ich glaube, dass Heimat etwas ist, mit dem jeder etwas anfangen kann und zwar das, was er oder sie damit anfangen möchte, es gibt da keine schlussendliche Definition. So sehr der eine Heimatbegriff etwas konservativer daher kommt und der andere etwas progressiver, ist keiner der Begriffe richtig oder falsch.

Aber ein konservativer Heimatbegriff hat doch etwas Ausschließendes. Wenn Begriffe wie Anstammung und Verwurzelung so zentral sind?

Heimat hat immer etwas Exklusives. Denn Heimat folgt keiner ganz klaren typologischen Einordnung, sondern es ist etwas was die Gefühlsebene betrifft. Und wenn solche Begriffe fallen geht es meist um etwas Vergangenes, etwas was vermeintlich besser war, sozusagen die gute alte Zeit repräsentiert. Aber dieses Beschönigen des kulturell Überkommenen, das machen fast alle Menschen.

Ist Heimat gerade mehr in Mode als noch vor einigen Jahren?

Heimat hat immer Konjunktur. Aber vor dem Hintergrund der Globalisierung hat das Bedürfnis an einem eigenen überschaubaren Lebenszusammenhang an Bedeutung gewonnen. Ökologie spielt da auch eine große Rolle. Das sehen wir auch in der erhöhten Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln oder bei der Verwendung von nachhaltigen Verpackungen. Zur Verortung des eigenen Ichs ist ein gedanklich wie tatsächlich weniger komplexes Gebilde notwendig. Das hat auch was mit Daseinsvorsorge zu tun: Was bringt mir das wenn ich weiß, was die angesagten Frisuren in Hollywood sind, wenn ich keinen Friseur habe.

Machen Sie nicht eigentlich Heimatarbeit?

Jedes Museum macht letztlich Heimatarbeit. Insofern dass wir versuchen unsere Besucher emotional anzusprechen und ihnen Kunst- und Kulturgeschichte aus fast 2000 Jahren zeigen. Wir sehen allerdings diese Dokumentation nicht als eine von vermeintlicher Bayerischer Identität. Unser Generaldirektor, Dr. Frank Matthias Kammel, hat angemerkt: „Bayern als Staatsgebilde ist vergleichbar mit einer Amöbe“. Eine Amöbe wechselt ihre Gestalt, verändert sich in alle möglichen Formen. Ich würde also keinen Kulturraum damit in Verbindung bringen, sondern es ist ein zeitgebundenes Feld, das ganz unterschiedliche Bezüge zu umliegenden auch interkulturellen Themen anbietet.

Zum Abschluss: Wo ist denn Ihre Heimat?

Ich habe viele Heimaten. Ich habe eine individuelle Heimat mit meiner Familie, die verteilt ist auf unterschiedliche Städte in Süddeutschland. Meine geographische Heimat ist seit einigen Jahren München. Meine mentale Heimat ist die Kulturgeschichte, deren Erforschung ich einfach liebe, und da kommen noch einige Heimaten dazu. Aber für mich ist Heimat nichts Abgeschlossenes, sondern etwas sehr Offenes mit einem sehr starken Bezug zur Kommunikation. Heimat ist Austausch.

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Perspektiven auf Heimat

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