Veränderungen durch Corona Herausgerissen aus der Sattheit

20.02.2021

Die Corona-Pandemie hat unsere Gesellschaft verändert. Gabriela Grunden spricht Christen besonderes Potenzial zu, um gut durch die Krisenzeit zu kommen. Drei Worte gibt sie dafür mit auf den Weg.

Leere Stachuspassage, verschwommen Frau mit Maske
Geschlossene Geschäfte und Lokale, strenge Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen und nächtliche Ausgangssperren – die Corona-Pandemie hat unseren Alltag vollkommen verändert. © imago/Action Pictures

Corona hat uns alle überrascht. Zu Anfang dachten wir, es wird nicht lange dauern, dann ist es vorbei. Heute, ein Jahr später, befinden wir uns im zweiten Lockdown. Das Durchhaltevermögen erlahmt, die Bereitschaft, sich einzuschränken, sinkt. In der Gesprächsseelsorge, in den Geistlichen Begleitungen, in Kursen (digital) höre ich: Corona zehrt an den Nerven.

„Ich habe keine Kraft mehr. Mir fehlt die Energie. Beim ersten Lockdown habe ich es gut weggesteckt, doch jetzt? Wie lange geht das denn noch?“, fragt Maria. Klaus erzählt von der veränderten Atmosphäre in der Familie: „Die Stimmung bei uns in der Familie ist angespannt. Meine pubertierenden Kinder sind gereizt. Sie können nicht zu ihren Freundinnen und Freunden, keine Partys, das fällt schwer. Es tut mir leid für die Jugendlichen, aber wir müssen da durch. In unserer Ehe ist es komplizierter geworden, wir streiten viel.“

Manuela, eine junge Mutter mit drei Kindern, erlebt es anders: „Ja, sicher, es ist eine blöde Situation. Den meisten Menschen in unserem Land geht es dennoch gut. Ich habe viele Jahre in Indien gelebt und für kirchliche Sozialprojekte gearbeitet, da bekommt man einen anderen Blick. Manche Aufregung verstehe ich nicht. Uns geht es weitgehend gut. Wir haben eine warme Wohnung, genug zu essen und unsere Kinder sind gesund. Der Impfstoff kommt. Was will man mehr?“

Persönliche Begegnungen

Die Corona-Einschränkungen zum Schutz aller haben ihren Preis. Kurse und Veranstaltungen fallen aus. Das schmerzt. Einige Fortbildungs- und Ausbildungsangebote können wir digital überbrücken. Begleitgespräche sind auch mit Skype möglich. Eine persönliche Begegnung ist aber etwas anderes. Die Ökumenischen Exerzitien im Alltag finden bei uns als Hybridveranstaltung statt. Jeder, jede bekommt ein Teilnehmerheft, die Treffen finden möglicherweise per Zoom statt, die Begleitungen per Telefon oder Skype.

Als Seelsorgerin vermisse ich die persönlichen Begegnungen. Zugleich bin ich dankbar, dass es digitale Möglichkeiten gibt, in Verbindung zu bleiben. Zudem vermisse ich die Konzerte. Als begeisterte Chorsängerin fehlen mir die Proben und die Aufführungen. Ich vermisse das Theater, die Museen – ich hungere nach Bildern, Farben, Klängen; nach Leichtigkeit, Händeschütteln und freundlicher Umarmung. Und wie viele andere auch sehne ich mich nach einem gemeinschaftlichen Gottesdienst ohne Maske, mit freiem Gesang und anschließendem Gespräch auf dem Kirchplatz. Gleichwohl ist mir bewusst, dass es Menschen unter uns gibt, die es hart trifft. Manche sind existenziell betroffen: Selbstständige, freischaffende Künstler, Musiker, arme Menschen, auch Gastronomen und Hoteliers erleben massive Einschnitte.

Wir können wählen

Jede und jeder sucht eine eigene Strategie, um irgendwie durch die Krisenzeit zu kommen. Ich bin davon überzeugt, dass wir Christinnen und Christen viel Potenzial haben, einander zu unterstützen. Die Situation zu überdenken und neue Haltungen auszuprobieren, dazu kann dieser erzwungene Shutdown anregen. „Wir können lernen, was weiterbringt und was uns zurückwirft. Wir können wählen.“ (Franziskus, Wage zu träumen, 65).

Viele erleben, wie verletzlich sie sind und wie verwundet auch die Gesellschaft ist. Wir sind nicht ohnmächtig, wir können uns zu der Situation verhalten. Darin sehe ich in dieser Misere eine Chance. Und ich würde sogar noch weiter gehen. Wir haben nicht nur individuelle Entscheidungsmöglichkeiten, wir haben sie auch als Gesellschaft. Doch dazu später. Zunächst einmal: Die Corona-Pandemie wirft uns auf uns selbst zurück. Was kann ich, was können wir in dieser Situation Neues lernen? Für Papst Franziskus ist das „ein Augenblick, große Träume zu träumen, unsere Prioritäten zu überdenken – was wir wertschätzen, was wir wollen, was wir anstreben – und uns zu entschließen, in unserem täglichen Leben das zu tun, wovon wir geträumt haben“ (ebd. 13).

Drei Aspekte möchte ich besonders hervorheben: Achtsamkeit, Dankbarkeit, Solidarität. Es sind große Worte, die konkret werden, wenn wir genauer hinschauen und entdecken, dass dahinter Haltungen stehen:

Achtsamkeit

Das Wort wird seit einiger Zeit häufig gebraucht. Dahinter steckt eine Haltung, die genau hinschaut, genau hinhört, die nicht vorschnell urteilt, sondern sich dabei Zeit lässt. Achtsam den Weg gehen mit deinem Gott (Micha 6,8). Wer achtsam lebt, braucht Geduld und einen langen Atem. Er braucht Geduld mit sich selbst, mit anderen, mit Gott. Wer geduldig ist, kann bei der Sache bleiben: Das alles steckt in dem griechischen Wort für Geduld, „hypomoné“, wörtlich: „Darunterbleiben“. In der Bibel wird es meist im Zusammenhang mit Krisen gebraucht, in Leid und Verfolgung. Geduldig ausharren ist keine passive Haltung, sondern heißt annehmen, was ich nicht ändern kann, und dabei die Zuversicht nicht verlieren, dass es anders wird. Ohne Geduld und Ausdauer gäbe es keine Gebetskultur, keine Liturgien, Kunst, Musik. Dahinter steckt eine enorme kreative Kraft.

Dankbarkeit

In Gesprächen, auch online, erfahre ich, wie häufig Menschen in schweren Lebenssituationen sagen: „Und trotz alledem bin ich dankbar, dass ich in einem friedlichen Land lebe, das eine gute Gesundheitsversorgung hat. Ich bin dankbar für meinen Glauben.“ Eine junge Erzieherin sagt: „Ich bin dankbar, dass ich Corona gut überstanden habe. Das ist nicht selbstverständlich.“ Jüngere wie ältere Menschen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis leiden bis heute schwer an den Spätfolgen der Infektion. Mich beeindruckt, wie realistisch und mutig sie mit ihrer Erkrankung umgehen.

Corona hat vieles erschüttert, die Unbeschwertheit zu leben, zu reisen, essen zu gehen, große Feste zu feiern, einander zu umarmen, Hände zu schütteln. Für uns alle kommt es darauf an, die Kräfte in uns zu aktivieren, die unsere Resilienz stärken. Dazu gehören auch Vertrauen und Zuversicht.

Wir alle kennen das Sprichwort: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Was aber, wenn uns in der Pandemie die Kontrolle aus den Händen gleitet? Niemand hat das Virus im Griff. Wir haben die Kontrolle verloren – weltweit. Vielleicht ist das die größte Kränkung für uns Menschen gerade auch in den Wachstums- und leistungsorientierten Industriestaaten. Seit Corona möchte ich das Sprichwort variieren: Kontrolle ist gut. Vertrauen ist besser. Und wo Vertrauen lebt, ist Dankbarkeit.

Solidarität

Corona ist weltweit. Wie gehen wir damit um? Manche suchen nach Schuldigen und empören sich über die teils gravierenden Einschränkungen. Andere meinen, Corona betreffe sie nicht, sie seien davor geschützt. Wieder andere meinen, dass alles übertrieben wird. Die Stimmen, die das Ganze für Quatsch halten, gibt es überall, und die, die in Sorge sind, auch. Der Umgang mit Corona entzweit Ehepartner, Gemeinschaften, Teams. Manchmal höre ich: Wir reden nicht mehr darüber, sonst gibt es bei uns nur Krach. Es beunruhigt mich sehr, dass Menschen bereit sind, Wissenschaft und kritische Auseinandersetzung zu ignorieren. „Jeder hat ein Recht auf eigene Meinung, nicht auf eigene Fakten“ (Eckhart von Hirschhausen, Arzt und Moderator). Dem kann ich nur zustimmen.

Von dem unberechenbaren Virus geht eine große Gefahr aus. Gefährlich sind auch Ignoranz, Egozentrik, Entmutigung und Pessimismus. Wir können dem etwas entgegensetzen: Solidarisch sein heißt: die AHA-Regeln beachten, andere nicht gefährden, den Einkauf für die Nachbarin erledigen, die Not anderer sehen, bei uns und überall auf der Welt. „Die Freude an Gott ist eure Stärke“ (Neh 8,10).
(Gabriela Grunden, Leiterin der Abteilung Spiritualität und des Fachbereichs Exerzitien im Erzbischöflichen Ordinariat München)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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