Auf geht’s zur Wiesn! Herzschlag der Stadt

14.09.2013

Vielleicht konnte ein Fest wie die Wiesn nur an einem Ort wie München entstehen. Die barock-kirchliche Mischung aus Lebenslust, Festbewusstsein und Traditionsverbundenheit in der Stadt haben für den stellvertretenden Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung jedenfalls viel zum Charme des größten Volksfestes der Welt beigetragen.

Florian Ertl ist stellvertretender Chefredakteur

„Zu Münchens schönsten Paradiesen zählt ohne Zweifel seine Wiesen“ schwärmte einst der Schriftsteller Eugen Roth – und er hat bis heute damit Recht. Das größte Volksfest der Welt auf den 42 Hektar der Theresienwiese ist viel mehr als nur eine bierselige Belustigung irgendwelcher trachtenmäßig kostümierten Preißn nach dem Motto: „Oans, zwoa, gsuffa“. Warum sonst hätten so viele Dichter und Denker dem Treiben zu Füßen der Bavaria, der weltlichen Schutzpatronin unseres Freistaats, ein literarisches Denkmal gesetzt, warum zu allen Zeiten so sehr vom Flair und der Atmosphäre dieses Festes geschwärmt?

1810 aus der Taufe gehoben, als Pferde-rennen bei der Hochzeit von Kronprinz Ludwig mit Therese von Sachsen-Hildburghausen (ein königlicher Hintergrund also!), beschließt die Wiesn in München den Sommer. Man spricht vom „Wiesn-Wetter“, wenn der Herbsthimmel strahlend blau ist und die Sonne noch einmal sanft-milde lächelt, von „Wiesn-Luft“, wenn diese einzigartige Duft-Mischung aus gebrannten Mandeln und gebratenen Hendln betörend über den angrenzenden Straßenzügen schwebt.

Sicher, als Anwohner kann man ein Lied von den unappetitlichen Hinterlassenschaften sturzbetrunkener Besucher in den Straßen singen. Die Preise steigen ins Astronomische, vieles ist unverschämt überteuert. Und dennoch: Das Fest an diesen letzten September- und ersten Oktobertagen gehört zum Herzschlag der Landeshauptstadt, zu ihrem Jahreskreislauf. Es hat seine festen Platz kurz vor Erntedank und Kirchweih.

Vielleicht konnte so etwas dereinst auch nur in München entstehen, wo bis heute – natürlich längst nicht mehr so stark wie ehedem – diese barock-kirchliche Mischung aus Lebenslust, Feierfreude, Festbewusstsein und Traditionsverbundenheit herrscht, wo man den lieben Gott einen guten Mann sein lassen kann bei einer frischen Maß im Biergarten, einer reschen Brezn, Musik und einer feschen Bedienung. Gäbe es die Wiesn nicht, sie müsste für diese Stadt erfunden werden.

Florian Ertl ist stellvertretender Chefredakteur bei der Münchner Kirchenzeitung


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