Adventrufe Hilfe für Familien in Not

22.12.2019

Für Alleinerziehende ist es oft nicht einfach, finanziell über die Runden gekommen. Die Geschichte einer junge Mutter.

Kind umarmt eine Frau, nur der Rücken ist zu sehen
Für Alleinerziehende ist es oft nicht einfach, den Alltag zu bewältigen. © motortion – stock.adobe.com

München – Verena (Name geändert) hat sich ein paar Minuten verspätet. Das ist nicht weiter schlimm. Wir sind froh, dass sie da ist und es sich nicht anders überlegt hat. Verständlich wäre es ja, dass man sich etwas Schöneres vorstellen kann, als darüber zu berichten, wie es so ist als alleinerziehende Mutter, die sich – weil das Geld zu knapp geworden ist – verschuldet hat, irgendwann nicht mehr weitergewusst und sich deshalb an die Caritas Unterschleißheim gewandt hat. Darüber, wie groß die Scham bei den Menschen oft ist, die da täglich zu ihr kommen, hat mir Sonja Hausner dos Santos, die als Schuldnerberaterin hier arbeitet, schon zuvor berichtet. „Weil die Menschen sich genieren, warten sie oft so lange, bis der Druck kaum noch auszuhalten ist und sie um Hilfe bitten“, erzählt die Sozialpädagogin.

Schwere Trennung

Das hat auch Verena getan und sie nickt, als ich sie frage, ob es ihr schwergefallen sei, hier um Hilfe zu bitten. „Ja, das war schwer. Man kommt sich vor wie ein Versager, wie jemand, der sein Leben nicht auf die Reihe bringt“, erklärt die dunkelhaarige Frau. Noch dazu mit einem Kind, dem man ein unbeschwertes Heranwachsen wünschen würde, fügt sie an und wippt dabei unruhig mit beiden Beinen auf ihrem Stuhl. Überhaupt ist die Anspannung der jungen Frau mit Händen zu greifen. Wenn sie nicht gerade ein bisschen fahrig ihre Arme beim Sprechen bewegt, knibbelt sie nervös an ihren Fingernägeln.

Adventrufe

In der Vorfreude auf Weihnachten und in besinnlichen Stunden wird besonders deutlich, dass Krankheit, Armut und Schicksalsschläge vor der „staaden Zeit“ nicht Halt machen. Daher werden in der Reihe "Adventrufe" auch heuer wieder Menschen vorgestellt, mit denen es das Leben nicht immer gut gemeint hat. Um Familien, Frauen, Männern und Kindern in großen Notlagen gezielt helfen zu können, bitten Caritas und Münchner Kirchenzeitung auch dieses Jahr in der Adventszeit wieder gemeinsam um Spenden für die Aktion „Adventrufe“. Wenn Sie helfen möchten, können Sie unter dem Stichwort „Adventruf 2019“ auf folgendes Konto des Caritasverbandes der Erzdiözese bei der Liga-Bank München spenden: IBAN: DE 53 7509 0300 0002 2977 79 BiC: GENODEF1M05

Viel Geld hätte sie nie gehabt, berichtet die 30-Jährige, aber so lange der Vater ihrer Tochter noch bei der Familie gewesen sei, wäre immer alles in Ordnung gewesen. „Wir waren trotzdem eine glückliche, kleine Familie“, sagt Verena und fügt nach einer Pause an, „das dachte ich zumindest.“ Schwierig sei es dann allerdings geworden, als der Vater der damals sechsjährigen Tochter Julia von heute auf morgen gegangen sei. Neben der Trauer über die Trennung war Verena gezwungen, sehr schnell ihr ganzes Leben neu zu organisieren. „Auf einmal musste ich mich ganz alleine um meine Tochter kümmern und auch noch das Geld für uns beide verdienen“, erinnert sie sich. Vom Ehemann sei nämlich kein Unterhalt gekommen.

Jobverlust und Schulden

Während Verena also mühsam auf die Schnelle einen Betreuungsplatz für ihre Tochter organisieren musste, machte sie sich gleichzeitig auf die Suche nach einem Job, wobei ihr klar gewesen sei, dass sie da nicht wählerisch sein dürfte. „Ich habe in der Gastronomie gearbeitet. Das war nicht immer so leicht und ich musste öfter die Stelle wechseln, aber immerhin habe ich so viel verdient, dass wir einigermaßen über die Runden gekommen sind“, erklärt sie.

Vor eineinhalb Jahren hätten dann allerdings die Schwierigkeiten angefangen. Ihr damaliger Arbeitgeber hätte ohne Vorwarnung beinahe sein gesamtes Personal entlassen, und so habe auch Verena ihre Kündigung bekommen. Als wäre das nicht schon schlimm genug, hat Verenas Ex-Chef auch gleich mal die letzten drei Monatslöhne nicht bezahlt. Eine Katastrophe für die junge Frau, deren sogenannte Rücklagen in Nullkommanichts aufgebraucht waren. „Was blieb mir anderes übrig“, erzählt sie mit einem Zittern vor Wut und Verzweiflung in ihrer Stimme, „ich stand ohne Arbeit da, musste mir Geld leihen und Schulden machen.“

Handy wird für Jobsuche gebraucht

Auf die Frage, wie hoch sie mittlerweile verschuldet sei, wird Verenas Stimme augenblicklich wieder leise und ihr Blick wandert nach unten, wo sie immer noch ihre Finger mit den Nägeln traktiert. „Vielleicht so um die 3.000 Euro“, antwortet sie schließlich, was ihr sichtlich peinlich ist. Nicht zuletzt, weil sich auch Handy-Gebühren angesammelt haben. So als wäre es ein Verbrechen, zu telefonieren und im Internet zu surfen, schiebt Verena hinterher: „Ich musste mir doch eine neue Arbeit suchen, da habe ich das Handy einfach gebraucht.“

Hilfe bei der Caritas

Verena gibt sich sichtlich Mühe, zumindest einen letzten Rest Optimismus zu bewahren. „Ich bin so froh, dass mir hier bei der Caritas geholfen wird. Ohne Frau Hausner wüsste ich nicht, wo ich heute wäre“, bemerkt Verena und wendet sich dabei an die Schuldnerberaterin. „Sie hat mir nicht nur mit den ganzen Unterlagen und den Verhandlungen mit den Gläubigern geholfen. Ich konnte auch immer zu ihr kommen, wenn es mir so richtig schlecht gegangen ist.“ Die dunkelsten Momente waren und sind nach wie vor die, wenn Verena merkt, dass ihre kleine Tochter sich Sorgen macht. „Wenn Julia traurig ist, weil sie spürt, dass es mir nicht gutgeht, dann komme ich mir vor wie die schlechteste Mutter der Welt. Ich denke dann, dass sie ohne mich besser dran wäre“, sagt Verena und jetzt fangen die Tränen, die sie so lange zurückgehalten hat, zu laufen an.

Die Autorin
Susanne Holzapfel
Münchner Kirchenzeitung
s.holzapfel@st-michaelsbund.de


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