Kultur-Dolmetscher Hilfe für Flüchtlinge

03.04.2017

"Kulturdolmetscher" haben selbst Migrationshintergrund und unterstützen Neuankömmlinge beim Start in Deutschland. Beim Treffen in Petersberg werden Projekte und Erfolge präsentiert.

Osama Kezzo präsentiert seinen "Zusammenleben-Workshop" für junge Deutsche und Syrer. © Lipp

Erdweg – "Ich glaube nicht an Länder, ich glaube an die Welt ohne Grenzen.“ In flüssigem Deutsch beschreibt der Syrer Osama Kezzo seine Träume eines guten Zusammenlebens unterschiedlicher Nationen. Wie ein Fernsehmoderator steht er lässig neben einer großen Pinnwand, auf die er ein Plakat und Fotos geheftet hat. Jedes Wort unterstützt er mit großen Gesten.

Kezzo ist einer der 16 Absolventen des Qualifizierungskurses „Kulturdolmetscher“, den die Katholische Erwachsenenbildung im Landkreis Dachau in Kooperation mit der Stiftung im Bildungszentrum Kardinal-Döpfner-Haus Freising und dem Dachauer Caritas-Zentrum anbietet. Im Kurs lernen Menschen, die selbst einen Migrationshintergrund haben, Neuankömmlingen aus ihrem Kulturkreis die Integration in Deutschland zu erleichtern.

Einander vertrauen

Zum Abschluss der Ausbildung treffen sich die Teilnehmer in der Katholischen Landvolkshochschule Petersberg, um sich gegenseitig ihre ersten Projekte als „Kulturdolmetscher“ vorzustellen. „Diese Praxiserfahrung steht am Ende von zwölf intensiven Kurseinheiten“, erklärt Meliha Satir-Kainz, die für die inhaltliche Leitung des Kurses zuständig ist. Als Halbtürkin kennt sie die Situation, dass zwei Kulturen aufeinandertreffen. Sie ist davon überzeugt, dass genau das eine Ressource darstellt.

Osama Kezzo hat für seinen ersten Einsatz einen „Zusammenleben-Workshop“ entwickelt. Dafür hat er junge Deutsche und Syrer eingeladen, gemeinsam über die Themen Vorurteile, Vertrauen und Dialog zu sprechen. Mithilfe von Spielen sollten sie am eigenen Leib spüren, was es heißt, einander zu vertrauen. Kezzo zeigt ein Bild von zwei Teilnehmern: dem einen sind die Augen verbunden, der andere führt ihn allein mithilfe von Sprache, ohne ihn zu berühren.

Dass Osama Kezzo sein Projekt so professionell präsentiert, überrascht nicht. Bevor der 31-Jährige vor einem Jahr nach Deutschland kam, hat er in Syrien als Radio- und Fernsehreporter gearbeitet. Über die Deutschen habe er früher das Klischee gekannt, dass sie sehr pünktlich seien. „Jetzt, da ich hier bin, habe ich ein weiteres Bild“, berichtet er augenzwinkernd. Wenn er selbst wegen seiner Herkunft kritisch beäugt wird, liegt das meist an seinem Vornamen, den er mit dem 2011 getöteten Terroristen Osama bin Laden gemein hat. „Aber mit diesem Problem kann ich umgehen“, sagt er bestimmt.

Große Nachfrage nach Kulturdolmetschern

In der Ausbildung zum Kulturdolmetscher sei die eigene Migrationsbiographie besonders wichtig, erklärt Satir-Kainz. „Die Teilnehmer sollen schnell Anknüpfungspunkte an ihre eigenen Erfahrungen haben“, bestätigt Projektkoordinatorin Madeleine Schenk vom Dachauer Forum.

Kezzo möchte auch an diesem Freitagnachmittag nicht nur reden, sondern seinen Kurskollegen einen Eindruck von seinem Workshop vermitteln. Dafür müssen sie die Augen schließen und jeder bekommt einen farbigen Punkt auf die Stirn geklebt. Nun sollen sie ohne zu sprechen alle Mitglieder der eigenen Farbe finden. Mit Händen und Füßen kommunizieren Deutsche, Syrer, Afrikaner und Türken, bis sie ihre Gruppe gefunden haben und schließlich alle erleichtert auflachen.

Obwohl die „Kulturdolmetscher“ ehrenamtlich arbeiten, ist die Nachfrage groß. „Wir mussten für den letzten Kurs eine Warteliste anfertigen und werden das sicher auch wieder tun müssen“, berichtet Schenk. Weil auch Institutionen anfragen, ob sie nicht selbst Kulturdolmetscher ausbilden können, wird es zudem eine Multiplikatoren-Schulung für Kursleiter geben.

Von allen Teilnehmern bekommt Osama Kezzo nach seiner Präsentation eine positive Rückmeldung. Für den jungen Syrer ist damit aber noch nicht Feierabend. Am Samstag moderiert er eine Film-Premiere in der Hochschule für Fernsehen und Film in München (HFF), darauf möchte er sich am Abend noch vorbereiten. Immerhin kann seine Präsentation dann auf Arabisch sein. (Theresia Lipp)

Der nächste Qualifizierungskurs Kulturdolmetscher beginnt im April in Dachau. Anmeldungen unter der Telefonnummer 08131/996880 oder hier.

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