Verein der Verwaisten Eltern Hilfe nach dem Tod des eigenen Kindes

16.07.2018

Gabriele Zandler verlor vor vier Jahren ihren Sohn bei einem Skiunfall. Für die Familie war es ein unvorstellbarer Schicksalsschlag. Hilfe und Trost fand sie bei dem Verein der Verwaisten Eltern.

Der Verein begleitet die Eltern in den ersten Tagen nach dem Tod des Kindes.
Der Verein begleitet die Eltern in den ersten Tagen nach dem Tod des Kindes. © Verein der Verwaisten Eltern e.V.

München – "Ich habe ihm gesagt, dass alles gut wird." Gabriele Zandler spricht leise, ihre Stimme zittert. Vier Jahre ist es her, dass ihr Sohn beim Skifahren aus ungeklärter Ursache von der Spur abkam und gegen einen Baum prallte. Für ihn kam jede Hilfe zu spät. Zandler fuhr genau hinter ihm, hielt ihren Sohn in seinen letzten Momenten im Arm. Freya von Stülpnagel von dem Verein der Verwaisten Eltern e.V. in München legt ihr die Hand auf die Schulter. "Es war richtig, dass du ihm das gesagt hast."

Hilflos und sprachlos

Bis zu diesem Unglück waren die Zandlers eine ganz normale Familie: Vater, Mutter und ihre beiden Söhne. 2014 brachen sie in den Skiurlaub auf, freuten sich auf ein paar schöne Tage. Doch der Unfall änderte alles. Ohne ihren damals 15 Jahre alten Sohn Maxi kehrte die Familie heim. "Es war erst wie im Traum", erzählt Zandler. Als die Familie die Wohnung betrat, lag alles noch so da, wie Maxi es zurückgelassen hatte. "Ich habe die Koffer ausgeräumt, so wie man es halt immer macht. Aber dann saßen wir da." Hilflos, sprachlos. Die Vokabeln geben nur ansatzweise wieder, was die Familie in diesen Stunden durchmachen musste.

Drei Tage nach dem Unfall kamen die Zandlers dann erstmals in Kontakt mit den Verwaisten Eltern. Gabriele Zandlers Arbeitgeber hatte vermittelt. Freya von Stülpnagel war damals die erste, von der sich die Familie verstanden fühlte. "Ich bin so dankbar, dass sie für uns da war", sagt Gabriele Zandler. Auch bei der Organisation der Trauerfeier und bei allen Formalitäten konnte sie auf die Hilfe der Verwaisten Eltern bauen. "Es war überlebenswichtig, dass der Verein für uns da war."

Einfach da sein

Freya von Stülpnagel ist seit 20 Jahren bei den Verwaisten Eltern, seit 15 Jahren arbeitet sie schon im Vorstand mit. Ihr Sohn hatte sich damals im Alter von 18 Jahren selbst das Leben genommen. "Ich war so dankbar, dass ich die Hilfe der Verwaisten Eltern erfahren durfte." Aus dieser Erfahrung heraus beschloss sie, sich selbst bei dem Verein zu engagieren. Fast alle, die dort mitarbeiten, haben ein ähnliches Schicksal erlitten wie die Familien, denen sie jetzt zur Seite stehen. Von Stülpnagel leitet unter anderem eine Gruppe für Eltern, die ihr Kind ebenfalls durch Suizid verloren haben. Das Wichtigste an ihrer Arbeit sei, erst einmal einfach für die Betroffenen da zu sein, ihnen halt anzubieten und Trost zu spenden.

Der Verein

Der Verein Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister München e.V. ist ein eingetragener, gemeinnütziger Verein. Er hat über 700 Vereinsmitglieder, fünf Vorstandsmitglieder und eine Geschäftsstelle mit fünf Mitarbeitern. Sieben regelmäßige Trauergruppen finden in München statt, mit etwa 50 ausgebildeten Trauerbegleiter/innen. Gefördert wird der Verein von der Stadt München, vom Caritas-Verband und dem Erzbischöflichen Ordinariat München und Freising. Der Verein begleitet Eltern, Geschwister und Angehörige, die vom Tod eines Kindes betroffen sind und bietet den Betroffenen einen geschützten Raum für ihren Schmerz und ihre Trauer. Zu den Angeboten gehören die Akutbegleitung "Primi Passi", Beratungsgespräche, Selbsthilfegruppen und spezielle Trauerseminare.

Bei dieser Akutbegleitung mit dem Namen "Primi Passi" (lat. für "erste Schritte") ist der Verein für alles ansprechbar. Soll ich mein Kind nochmal sehen, mich von ihm verabschieden? Wie kann die Trauerfeier aussehen? Wie bringe ich die Situation dem Geschwisterkind bei? Das sind Fragen, die Freya von Stülpnagel immer wieder begegnen. "Zum Beispiel raten wir in der Regel dazu, sich von dem Kind zu verabschieden, da das den Trauerprozess unterstützt." So könne man besser begreifen, dass das Kind gestorben ist.

Zurück ins Leben

Außer der Begleitung in den ersten Tagen nach dem Tod des Kindes sieht Freya von Stülpnagel noch eine weitere wichtige Aufgabe. Ziel sei es auch, die Eltern zurück in einen normalen Alltag zu führen und ihnen zu zeigen, dass das Leben auch wieder schöne Erlebnisse bereithält. "Auch, wenn man es sich am Anfang nicht vorstellen kann, aber es tröstet sehr, das von einer anderen Betroffenen zu hören", sagt Gabriele Zandler. "Und es gibt auch wieder Momente, in denen man lachen kann." Vor allem bei den Gruppentherapien der Verwaisten Eltern habe sie neue Freunde kennengelernt, der Kontakt bestehe bis heute. Freya von Stülpnagel freut das. "Es ist Lebensarbeit. Eine sinnvollere und schönere Aufgabe kann ich mir nicht vorstellen."

Gabriele Zandler und Freya von Stülpnagel waren zu Gast in der Sendung "Total Sozial" des Münchner Kirchenradios. Den Podcast zu Sendung finden Sie hier.

Der Autor
Lukas Schöne
Radio-Redaktion
l.schoene@st-michaelsbund.de


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