Serie: Kirchturmgespräche Himmel und Erde verbinden

09.06.2019

In der Serie geht es mit interessanten Gesprächspartnern aus dem Erzbistum in luftige Höhen. Diesmal auf den höchsten Kirchturm Bayerns mit Schauspielerin Paula-Maria Kirschner aus Landshut. Sie verbindet mit der Basilika nicht nur schöne Erinnerungen.

Schauspielerin Paula-Maria Kirschner (Mitte), Stiftspropst Monsignore Franz Joseph Baur und Redakteurin Karin Basso-Ricci beim Gespräch auf 100 Metern Höhe. © Thomas Beißner

Landshut – Als wir die schwere Eisentür, die vom Kirchenschiff der Landshuter Stiftsbasilika St. Martin auf den höchsten Backsteinturm der Welt und größten Kirchturm Bayerns führt, hinter uns schließen, betreten wir einen eigenen Kosmos. Eine enge hölzerne Wendeltreppe führt uns darin unaufhaltsam nach oben. Bald kommen wir an Nischen vorbei, gotischen Bögen, Türen. Was sich dahinter wohl verbirgt? Seit 15 Jahren ist der 1500 vollendete Turm aus Sicherheitsgründen nicht mehr öffentlich zugänglich. Auch wir dürfen nur in Begleitung hinauf, in prominenter: Stiftspropst Monsignore Franz Joseph Baur, passionierter Bergsteiger, legt ein ordentliches Tempo vor. Doch auch Paula-Maria Kirschner hält gut mit. „Als Jugendliche war ich mit meinem Bruder oft beim Klettern im Gebirge“, verrät die gebürtige Passauerin und Schauspielerin am Landestheater Niederbayern mit seinen drei Spielorten Passau, Straubing und Landshut.

Eigener Kosmos

Der Hausherr ist aufmerksam: Bei Stufe 100 – regelmäßig sind die Zahlen in feiner Schrift auf dem Holz vermerkt – ist ein Fenster nicht richtig geschlossen, bei Stufe 330 eine Glühbirne durchgebrannt. 496 Stufen müssen wir erklimmen und schrauben uns weiter nach oben. Wir sehen die Treträder des alten Lastenzugs. Bei der früheren Turmwächterstube öffnet Baur eine Falltür und wir erhaschen einen Blick auf einen Teil des zwölfteiligen Geläuts der Basilika. Über eine enge Holzstiege gelangen wir dann in den hohen Raum unter dem Turmgiebel. Handwerker haben sich dort verewigt: vom Kupferschmied – im Selbstporträt von 1580 – bis zur Renovierung 2008/2009.

Auf rund 100 Metern Höhe, 30 Meter unter der Turmspitze, treten wir am ersten Fialenkranz nach draußen. Der schon von Hans Carossa literarisch gewürdigte Anblick ist überwältigend: Unter uns breitet sich die historische Landshuter Alt- und Neustadt aus, gesäumt vom Doppelband der Isar. Die Metropole wächst, am Horizont der Kühlturm des stillgelegten Atomkraftwerks Isar 1.

Kunst, die Raum gibt

Kirschner saugt den Anblick schweigend ein. Sie war schon einmal hier, vor vielen Jahren. Doch heute verbindet sie eine schmerzliche Erinnerung mit der Basilika: Ihre Freundin Edith Mayrhofer, Kirchenmusikerin von St. Martin, ist an Ostern nach schwerer Krankheit verstorben. „Ihre eindrücklichen Worte beim Requiem haben mich lange getragen“, bedankt sie sich bei Stiftspropst Baur. Kirschner teilte Mayrhofers Selbstverständnis als Künstlerin: „Ich darf mich nicht fragen: ‚Was möchte ich?‘, sondern muss Fragen nach dem Woher und Wohin aufwerfen.“ Alles andere sei Selbstgefälligkeit. „Als Künstler muss ich mich in den Dienst einer Präsenz stellen, die größer ist als ich.“ Dies habe Mayrhofer beim Musizieren transparent werden lassen und Kunst geschaffen, die „Raum gibt“.

Auch die Basilika, in deren Stille sich Kirschner gerne zurückzieht, biete Raum für den Weg nach innen: „Sie verbindet Erde und Himmel, dafür steht der Turm, wie betende Hände.“ Die Bühnenfrau führt ihre Hände in geschmeidiger Bewegung nach oben. Auch im Tanz, mit dem sie sich viel beschäftigt, sei die Symbolik von Himmel und Erde zentral. „Der Kirchturm tanzt und verweist auf das Himmelreich, das bereits auf Erden anbricht“, greift Baur den Gedanken angetan auf.

Sehnsucht nach Heimat

Der Himmel drückt laut Kirschner auch die Sehnsucht nach Heimat aus. „Doch das wahre Zuhause können wir nur hier drin finden“, betont sie und kreuzt die Hände auf ihrem Herzen. Dies hatte ihr auch Mayrhofer gesagt, im Hospiz, wenige Tage vor ihrem Tod. Unter uns beginnen die Glocken zu läuten, kraftvoll, wie ein Herzschlag.

Für Kirschner ist Landshut seit 30 Jahren Heimat. Davor hat sie in München Religionspädagogik studiert. Doch eine Dozentin, eine Ordensfrau, ermutigte sie, ihre Berufung zu hinterfragen. Also absolvierte sie eine Ausbildung zur staatlich geprüften Schauspielerin und nahm 1987 ein Engagement am Landestheater an, das sie nach Landshut führte. Gern erinnert sie sich an die erste Führung auf der Burg Trausnitz, die sie nun am Hang gegenüber sieht.

Die Landshuter Stiftsbasilika St. Martin hat den höchsten Kirchturm Bayerns und den höchsten Backsteinturm der Welt.
Die Landshuter Stiftsbasilika St. Martin hat den höchsten Kirchturm Bayerns und den höchsten Backsteinturm der Welt. © Thomas Beißner

Sich immer wieder aufrappeln

Dabei fällt ihr Blick auf ein Ei, das Handwerker zum Spaß aus dem Stein der Turmbrüstung geschlagen haben. Regelmäßig nimmt die Naturfreundin verwaiste Vogelkinder auf. „Seit zwei Jahren ist Fritzi bei mir, ein Feldsperling“, berichtet sie gestenreich. „Manchmal stürzt sie bei übermütigen Flugversuchen ab, doch immer rappelt sie sich wieder auf – und wird für mich zur Lehrmeisterin.“ Natürlich kennt auch Kirschner Frust: „Wenn die Kritiken über ein Stück schlecht ausfallen oder wenn man nicht berührt hat.“ Was die Schauspielerin dann immer wieder ermutigt und begeistert, sind die Natur, die Meditation und die Begegnung mit anderen Menschen.

Auch das Theater wolle begeistern. Ursprünglich aus dem Kult hervorgegangen, hat es laut Kirschner auch eine Art religiösen Auftrag: „Nicht immer explizit wie in Lessings ‚Nathan der Weise‘, aber es ist unsere Aufgabe, Zugang zu einem ‚Mehr‘ zu ermöglichen.“ Beim biographischen Erarbeiten ihrer Rollen fragt sie sich zu allererst: „Kennt dieser Mensch die Liebe, die ihm zuströmt? Nur dann kann er zuhören, verzeihen.“ Kirschner will „Geschichten erzählen, etwas von mir zur Verfügung stellen – nur, wenn ich mich als Person zurücknehme, kann ich etwas transportieren, die Menschen ins Herz treffen“. Sie zitiert das Matthäusevangelium: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Ein Künstler dürfe sich nie über das Publikum erheben.

Rituale, die tragen

Genau wie der Priester. „Und wir gestalten Rituale, die tragen“, ergänzt der Stiftspropst. Kirschner hat im damaligen Passauer Priesterseminar einige Jahre Unterricht in Sprechtechnik und Gestik gegeben: „Ein Priester sollte seine Arme weit öffnen wie einen Flügelaltar.“ Die Atemtherapeutin ahmt die Geste im lauen Wind nach.

Beim Abstieg durchschreiten wir den riesigen Dachstuhl mit seinen filigranen Balkenkonstruktionen. Wäre er nicht für ein Projekt des Landshuter Theaters geeignet? „Wir sind immer auf der Suche nach Studiobühnen“, schmunzelt Kirschner, denn das Theater ist nach Schließung seines renovierungsbedürftigen Stammhauses seit 2014 in einem Zeltbau untergebracht. Zum Schluss ein atemberaubender Blick in den Kirchenraum: Vor uns schwebt das 1495 von Michel Erhart geschaffene monumentale Kruzifix im Chorbogen, die Arme des Gekreuzigten sind weit geöffnet.

Die Autorin
Karin Basso-Ricci
Münchner Kirchenzeitung
k.basso-ricci@st-michaelsbund.de


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