Die Regel des heiligen Benedikt Hören: Voraussetzung für Vertrauen und Glauben

06.09.2020

Für Abt Johannes Eckert sind Hin- und Zuhören existentiell für unsere Gottesbeziehung.

Frau mit Kopfhörern schaut Richtung Sonnenuntergang
„Neige das Ohr deines Herzens“ heißt es in einer Regel des heiligen Benedikt. © flowertiare - stock.adobe.com

Eine schöne Anekdote erzählt von einem Mann, der zum HNO-Arzt kommt mit der Frage: „Herr Doktor, meine Frau hört schlecht: Was soll ich tun?“ Nun, der Arzt tut sich schwer eine Ferndiagnose zu stellen und fragt nach: „Sie müssen herausfinden, auf welche Entfernung ihre Frau schlecht hört. Dann kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen.“ Der Mann geht heim. Es ist um die Mittagszeit. Seine Frau steht am Herd, also mit dem Rücken zur Tür in der großen Wohnküche. Etwa drei Meter entfernt fragt der Mann: „Meine Liebe, was gibt es denn heute zu essen?“ Keine Reaktion von seiner Frau, sodass er sich denkt: „Auf drei Meter hört sie schlecht!“ Also geht er etwas näher heran und stellt erneut die Frage. Wieder keine Reaktion. Danach geht er ganz dicht an seine Frau heran und sagt: „Mein Schatz, ich habe schon so Hunger. Was gibt es denn Gutes?“ Daraufhin dreht sich seine Frau um, schaut ihn etwas genervt an und meint: „Ich habe es Dir schon zwei Mal gesagt: Bratkartoffeln mit Würstel. Du solltest mal zum Ohrenarzt gehen!“

Maria als Vorbild

Die Anekdote bringt es treffend auf den Punkt: Hören ist gar nicht so einfach und oft denken wir, dass die anderen schlecht hören! Dabei ist das Hören einer der Sinne, die schon vor der Geburt im Mutterleib erwachen. Schon früh ist das Kind mit den Stimmen seiner Mutter, seines Umfeldes vertraut. Wer hört, weiß zu wem er gehört, welche Zugehörigkeit sein Leben prägt. Hören ist somit Voraussetzung für Vertrauen und Glauben. Daher ist auch für unsere Gottesbeziehung das Hören existentiell.

Immer wieder wird das Volk Israel aufgefordert, auf Gott zu hören. So etwa im Shma Israel (Höre Israel, Dtn 6,4-9), dem Glaubensbekenntnis, das gläubige Juden öfters am Tag sprechen. „Hört und ihr werdet leben!“ heißt ein Spitzensatz ebenfalls aus dem Buch Deuteronomium (Dtn 4,1). Wer sich dem Wort Gottes öffnet, dieses in sich aufnimmt und sich daran orientiert, wer Gott und seinem Wort vertraut, der hat wirkliches Leben, weil er zu ihm gehört! Zu Beginn des Lukasevangeliums wird uns Maria, die Mutter des Herrn, als Hörende präsentiert. Sie ist offen für den Anruf Gottes, für das Wirken seines Geistes, so dass durch sie sein Wort Fleisch werden und zur Welt kommen kann. Darin ist Maria uns bleibendes Vorbild, wenn wir uns fragen: „Wie kann durch mich Gottes Wort Fleisch werden, konkret zur Welt kommen? Was hat Gott mit mir vor? Welches Wort, welche Begegnung, welche Herausforderung trifft mich ins Herz?“

Eifrig im Hören

Karl Rahner SJ hat den Christen daher als „Hörer des Wortes“ charakterisiert. Dazu braucht es die Haltung des Gehorsams. Leider ist dieser Begriff eher negativ besetzt. Wir denken an Kadavergehorsam oder blinden Gehorsam nach dem Motto: Einer schafft an und alle müssen spuren! Es ist interessant, dass es im Lateinischen zwei Wörter für gehorchen gibt „parere“ und „obaudire“. „Parere“ meint das willenlose Gehorchen. Manchmal haben als Kind meine Eltern mich mit den Worten ermahnt: „Wenn Du nicht parierst, dann ...“ Bei diesen Worten wurde bei uns zuhause nicht mehr viel diskutiert ... „Obaudire“ meint dagegen aufeinander- bzw. entgegenhören. Das kommt der Haltung des Gehorsams schon näher. Es lohnt sich, die deutsche Wortbedeutung etwas zu betrachten. Die Silbe -sam bedeutet soviel wie eifrig sein. Ein sparsamer Mensch ist eifrig im Sparen, ein folgsames Kind ist eifrig im Folgen, ein horsamer Mensch ist eifrig im Horchen. Gehorsam meint also: Eifrig im Hören zu sein.

„Neige das Ohr deines Herzens“

Freilich ist das oft gar nicht so einfach. Wie oft hören wir weg oder nicht richtig zu. Wie schwer fällt es uns manchmal, die leisen Töne bzw. die Zwischentöne wahrzunehmen. Es gilt, immer wieder neu hören zu lernen. Davon ist auch der heilige Benedikt überzeugt. Am Anfang unserer Regel spricht er von der Mühe des Gehorsams und erst am Ende dann vom Gut des Gehorsams. Hören kann man lernen. Das kann mühsam sein. Dabei geben mir die ersten Sätze unserer Regel eine hilfreiche Struktur, wenn Benedikt schreibt: „Höre mein Sohn auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat.“ (RB Prol 1)

„Neige das Ohr deines Herzens“ meint ruhig und still zu werden, nach innen zu gehen, im Schweigen offen zu werden für das, was wesentlich ist. Das ist der erste Schritt des Gehorsams. Danach gilt es sich zu öffnen für den anderen, für den Zuspruch des gütigen Vaters. Hinhören und zuhören im Dialog: Was will mir der andere sagen? Was ist seine Botschaft an mich? Welche Reaktionen weckt das in mir? Welche Antwort kann ich geben im Blick auf das, was ich zuvor mit dem Ohr meines Herzens gehört habe? Dieses Hören im Dialog ist der zweite Schritt des Gehorsams. Und schließlich geht es um die Konsequenzen, um die Tat, dass das Gehörte Ausdruck findet in meinem Leben: Die konkrete Erfüllung in der Tat. Dieser Dreischritt des Gehorsams hilft, das Hören zu lernen.

Zugegebenermaßen gelingt es mir nicht immer. Dann bin ich dankbar, wenn ich auf meine Hörschwäche aufmerksam gemacht werde, am liebsten humorvoll, dann ist es nicht so unangenehm nach der Quintessenz der Anekdote: „Ich habe es Dir schon dreimal gesagt ...“.  (Johannes Eckert OSB Der Autor ist Abt der Abtei St. Bonifaz in München und Andechs.)


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