Kunst und Kirche Hoffnung, Trost und Zuversicht

17.04.2020

Die Fenster in der Heilig-Kreuz-Kirche zeigen Röntgenbilder von Lungen – gerade in Zeiten von Corona ein wertvolles Symbol.

Blick in die Heilig-Kreuz-Kirche
Bläulich schimmern die Fenster im Chor der Heilig-Kreuz-Kirche. © SMB/ Kerscher

München – "Breathe 2020" steht seit Kurzem in großen Lettern an der Fassade eines Hauses in der Martin-Luther-Straße in Giesing geschrieben. Atem – das ist tatsächlich eine passende Überschrift über dieses Jahr, das gerade erst begonnen hat und von dem jetzt bereits feststeht, dass es in die Geschichte eingehen wird. Wir erleben radikal, dass Atem Leben ist und kein Atem Tod bedeutet. So viele ringen in diesen Tagen weltweit um Luft und kämpfen gegen den Tod; ungezählte Schicksale in Einsamkeit, Ohnmacht und Angst. Sogar die Gesunden kennen inzwischen den Impuls, beim Vorübergehen eines anderen den Atem anzuhalten.

Unweit des Hauses an der Martin-Luther-Straße erhebt sich die Heilig-Kreuz-Kirche auf dem Giesinger Berg. Seit Oktober vergangenen Jahres ist der Atem auch ihr Thema. Damals wurde die neue Kunstverglasung fertig. Der Münchner Künstler Christoph Brech hat die Fenster entworfen. Sie zeigen rund 1.200 verschiedene Röntgenaufnahmen des Thorax (Brustkorbs). Besonders markant sind darauf die Lungenflügel zu sehen. Dass Brechs Werk innerhalb weniger Monate eine solche Aktualität erfahren würde, konnte niemand ahnen. Doch die Kraft dieser Arbeit erweist sich gerade auch jetzt, in der Krise.

Das Zentrum unseres Glaubens

Das Sonnenlicht spielt mit den blau-weißen Gläsern. An ihrem Rand zeichnet es zarte Lichtfäden wie Perlenketten und die weißen Flächen färben sich leicht golden, so, als würde ein unsichtbarer Maler an diesen Fenstern weiterarbeiten, sie herausnehmen aus dem Irdischen und umfangen mit einem Hauch von Ewigkeit. So erlebt und verstanden sind die Fenster der Heilig-Kreuz-Kirche auch Auferstehungsfenster. Denn nichts anderes meint Ostern: dass unser Leben umfangen und getragen wird vom Ewigen und so das Leben den Tod besiegt.

Gerade feiern wir jeden Tag der Osteroktav so, als wäre es der Ostersonntag. Dieses Fest ist das Zentrum unseres Glaubens. Gäbe es keine Auferstehung, so bringt es schon der Apostel Paulus auf den Punkt, wären wir Christen ärmer dran als alle anderen. Mit der Auferstehung Jesu steht und fällt die Frohe Botschaft. Für alle freilich, die daran glauben, ist sie Hoffnung und Zuspruch für das eigene Leben.

Es geht weiter

Der Ausblick auf ein Morgen am Ende unserer Tage verändert das Leben heute, weil es ihm Zukunft verheißt, über seine irdische Grenze hinaus. Nicht alles, was denkbar und möglich ist, muss in die Zeitspanne von Jahrzehnten gepresst werden. Vielmehr stellt sich die Frage, was in einem Leben wirklich Platz haben soll, was ihm dient, Sinn gibt und es zur Entfaltung bringt. Die aktuelle Krisenzeit lehrt uns da einiges, und es bleibt zu hoffen, dass die neu entdeckten Formen von Gemeinschaft, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft, über die Krise hinaus wirksam bleiben.

Hoffnung, Trost und Zuversicht begleiten uns allerdings nicht nur am Ende unserer Tage. Was da in unüberbietbarer Weise geschehen wird, das erfahren wir schon heute in unserem Alltag. Denn auch da gibt es die kleinen und großen Karfreitage und es gibt die Gefühle von Auferstehung und neuer Zukunft. Ein neuer Anfang nach einem Streit zum Beispiel, zurückkehrende Lebensfreude nach Abschied und Trauer oder neue Energie nach überstandener Krankheit. Das Leben lehrt uns, dass es weitergeht. Es lehrt uns, dass wir auf bessere Tage hoffen dürfen.

Solche Hoffnung verbindet auch viele, die jetzt in dieser Krisenzeit in die Kirchen kommen und Kerzen entzünden. Es sind deutlich mehr Menschen als zu anderen Zeiten. In der Giesinger Heilig-Kreuz-Kirche hat man dabei Lungenflügel vor Augen, die der Künstler vom dunklen Original in helle Töne gewendet hat. Sie erzählen so von der erhofften Wendung zum Guten. Sie lassen auf eine Zukunft ausblicken, die gewiss anders sein wird, aber die auch wieder gut werden kann. Es wird die Zeit kommen, in der wir uns wieder in den Armen liegen werden, die Kleinen die Spielplätze neu erobern und die Schüler auf den Pausenhöfen toben. Es wird ein Aufatmen sein! Breathe 2020. (Monsignore Engelbert Dirnberger/Der Autor ist Leiter des Pfarrverbands Obergiesing und Dekan des Münchner Dekanats Giesing.)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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