Päpstliches Gaukelwerk? Hungertuch im Alten Peter

22.03.2019

Hungertücher erzählen vom Leidensweg Christi. Auch als Protestant muss man das eigentlich gut finden – trotz Martin Luthers Abneigung gegen Brauchtum in der Passionszeit.

Das Hungertuch im Alten Peter
Das Hungertuch im Alten Peter © SMB

München – Der alte Peter war die erste Kirche, die ich in München besichtigt habe. Der eigentliche Grund war nicht die Kirche selbst, sondern der grandiose Ausblick vom Turm. Vermutlich besteigt fast jeder Zugereiste am Anfang seiner Zeit in München einmal diesen Turm. Bei mir war es an einem sonnigen Tag im September und dank Föhn konnte man sogar die Berge sehen. Auf diesen Gedanken komme ich bei diesem Besuch gar nicht: Es ist kalt, nass und grau und die Alpen sind von München aus heute sicher nicht zu sehen. Aber ich will ja auch gar nicht auf den Turm. Ich möchte in die Kirche, um mir das Hungertuch anzusehen.

Damals bin ich natürlich auch in die Kirche gegangen. Schließlich handelt es sich um die wohl älteste Pfarrkirche Münchens. Immer wieder ist sie modernisiert worden. Von den Ursprüngen im 13. Jahrhundert bis zur Zerstörung am Ende des Zweiten Weltkrieges und dem anschließenden Wiederaufbau hat sich die Kirche zu einem der Wahrzeichen Münchens gemausert. Was ich im September nicht sehen konnte, war das Hungertuch. Natürlich nicht, im September ist die Fastenzeit ja noch weit weg. Aber ich hätte auch nicht gewusst, was ein Hunger- oder Fastentuch ist. Das einzige Hungertuch, das ich kenne, wird jedes Jahr neu von Künstlern gestaltet und gehört zur Misereor-Fastenaktion. Aber es wäre mir neu, wenn das jetzt in St. Peter hinge. Warum ich keine Ahnung von Hungertüchern habe, finde ich ganz schnell raus: Martin Luther hatte etwas dagegen: Wie alle Bräuche zur österlichen Bußzeit nannte der Reformater das Hungertuch „päpstliches Gaukelwerk“.

Schwindelfrei muss man sein

Der Hochaltar ist komplett von einem violetten Tuch verdeckt. Acht Meter hoch und sechs Meter breit ist es. Insgesamt hat es eine Fläche von fast 50 Quadratmetern. Das ist größer als so manche Münchner Wohnung. Es hängt von einer Stange zwischen zwei der acht Säulen des Altars. Vier Männer werden benötigt, um es aufzuhängen, sagt Christian Thalhammer, der Mesner von St. Peter. „Das klingt schwierig“, sage ich, worauf der 59-Jährige lakonisch antwortet: „Eigentlich nicht, aber die Leut’ müssen schwindelfrei sein.“ 13 Meter hoch hängt die Verankerung des Tuches im Hochaltar. Seit den 90er Jahren hängt es dort immer von Rosenmontag bis Karsamstag. Um die Konstruktion anzubringen, die das Tuch hält, hatte es noch ein Gerüst gebraucht. Am Faschingsdienstag ziehen Thalhammer und sein Kollege Peter Zobel das Tuch dann hoch.

Gemalt hat es der bayerische Kirchenmaler Karl Manninger, der auch für die Rekonstruktion der Wandmalereien im Alten Peter verantwortlich war. Auf das Tuch sind verschiedene ikonographische Darstellungen von Motiven aus der Fastenzeit gemalt. Zum Beispiel die Würfel der römischen Soldaten, die am Grab Jesu um seine Kleidung spielen, der Sack mit den 30 Silberstücken und eine neunschwänzige Katze, ein altes Folterinstrument zum Auspeitschen. In der Mitte ist natürlich Jesus selbst abgebildet. Trotz Dornenkrone, den sichtbaren Spuren der Folter und den Fesseln schaut er nicht leidend, sondern mehr herausfordernd und kritisch, vielleicht sogar wütend.

Hahn, Schweißtuch und der bittere Kelch

„Hungertücher erzählen die Geschichte vom Leiden Christi“, erklärt Thalhammer. Das irritiert mich. Natürlich hat er recht, ich kann es ja selbst sehen. Aber was konnte Martin Luther denn dagegen haben? Ich habe immer gedacht, dem „einfachen“ Volk den Inhalt und die Botschaften der Bibel nahezubringen, sei ein zentrales Anliegen Luthers gewesen. Außerdem stammt das Hungertuch ja direkt aus dem Neuen Testament: Der Tempelvorhang riss auseinander, als Jesus am Kreuz starb – so zu lesen bei Markus, Matthäus und Lukas. Jesu Tod öffnete hier symbolisch und auch ganz praktisch den Weg ins Allerheiligste. Daran erinnere das Hungertuch, sagt Thalhammer. Deswegen wird es auch pünktlich am Karsamstag wieder abgehängt, damit den Gläubigen auch symbolisch am Ostersonntag der Weg ins Himmelreich gezeigt wird.

Die ikonographische Darstellung setzt schon einiges an Wissen voraus. Zumindest ich bin etwas überfordert. Zum Beispiel der abgebildete Hahn: Er erinnert daran, dass Petrus Jesus dreimal verleugnet hatte, bevor die Sonne aufging und Jesus Petrus dies sogar prophezeit hatte. Kennt man die Geschichte nicht, kann man auch die Darstellung nicht verstehen. So habe ich dann auch gleich einige Fragen an Christian Thalhammer. Wessen Gesicht ist da auf der Fahne? Und der Kelch oben links in der Ecke? Steht der für das letzte Abendmahl? Der 59-Jährige kennt sich aus. Er hat das Hungertuch nicht zum ersten Mal aufgehängt. Seit über 30 Jahren ist er Mesner im Alten Peter und war dementsprechend einige Male damit beschäftigt. Und, nein, der Kelch stehe natürlich nicht für das letzte Abendmahl, sondern für den bitteren Kelch, den Jesus trinken musste. Das Gesicht ist nicht auf einer Fahne, sondern es ist Jesu Schweißtuch. „Die Menschen früher haben Zeichen gebraucht, und wer eine christliche Grundausbildung hat, kann die Zeichen auch deuten“, sagt der Mesner. Er erklärt das in einem sehr freundlichen Ton und in schönstem Münchnerisch. Ich versinke dennoch in Scham, weil ich das alles nicht gewusst habe.

Augenfasten

„Man kann es als Augenfasten bezeichnen“, erklärt mir Thalhammer. Die Gemeinde wird nicht vom pompösen Hochaltar abgelenkt und so kann sich der Einzelne viel besser auf Gott und die eigene Beziehung zu Gott konzentrieren. Genau wie man in der Fastenzeit auf pompöse Musik verzichte. Als protestantischer Laie kommt mir das sehr sinnvoll und durchaus im Sinne Luthers vor. Übrigens: Während der Hochaltar verhangen ist, kann er auch endlich mal in Ruhe entstaubt werden.

Serie "Mit Thomas duch die Fastenzeit"

Ob Aschermittwoch der Künstler, Fastenexerzitien oder das Hungertuch im Alten Peter: Unser preußischer und dazu auch noch protestantischer Volontär Thomas Stöppler ist dabei.

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Der Autor
Thomas Stöppler
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