Als Salesianer unterwegs in Krisengebieten Ich beteilige mich an dem Kreuzweg unserer Zeit

10.06.2019

Bruder Lothar Wagner war im Jahr 2014 gerade auf Heimatbesuch in Deutschland, als er hörte, dass das Ebola-Virus in Sierra Leone ausgebrochen war. Sofort kehrte er in das Land zurück, in dem er sich schon die letzten sieben Jahre um Straßenkinder gekümmert hatte.

Bruder Lothar Wagner arbeitet derzeit im Südsudan © Don Bosco Mission Bonn

„Ich hatte meine Freunde da, meine Mitbrüder, meine Mitarbeiter. Die Kinder und Jugendlichen waren mir ans Herz gewachsen. Da jetzt wegzulaufen, kam für mich gar nicht infrage,“ erklärt der inzwischen 44-Jährige.

Aber er ist nicht nur nicht weggelaufen, sondern eben sogar wieder hingeflogen, um zu helfen. Und musste mit ansehen, wie viele Menschen qualvoll gestorben sind: „Menschen, die ich auch kannte aus der Nachbarschaft. Gerade zu Beginn ist man natürlich sehr betroffen, wenn man eine Todesnachricht bekommt. Aber mit der Zeit wurde das fast zur Routine, also man stumpft wirklich ab.“

Das war in dieser Situation genau richtig, um professionell helfen zu können. Weil die Salesianer schon lange in Sierra Leone arbeiten, hatten sie damals Strukturen, die sofort gegriffen haben, erzählt Bruder Lothar: „Wir haben Dörfer aufgesucht, Kranke identifiziert, wir haben sie isoliert, damit sie die anderen nicht anstecken. Und wir haben Schmerzmittel verteilt an die Kinder und Jugendlichen, damit sie schmerzfrei sterben.“ Dann mussten sie die Lebenden von den Toten fernhalten – was gerade bei Eltern und Kindern oft mit dramatischen Szenen verbunden war.

Internationale Hilfe ließ auf sich warten

Zu dieser Zeit war internationale Hilfe noch weit entfernt. Bruder Lothar erinnert sich vor allem an einen Schlüsselmoment. Er hatte den ganzen Tag einen 17-jährigen Jungen beim Sterben begleitet. Der Junge war immer wieder zu sich gekommen, hatte über seine Eltern geredet, war dann immer schwächer geworden und am Abend gestorben. Danach hat er ihn mit einer Decke zugedeckt und sich in sein Auto gesetzt, um darauf zu warten, dass jemand kam, um den Leichnam mitzunehmen und zu beerdigen. Während er dasaß, hatte er kurz Zeit zum Nachdenken. „In dem Moment ist bei mir Wut aufgekommen, Aggression, Verzweiflung, ein richtiger Gefühls-Cocktail. Da gab es so viele sinnlose Tode, weil die Weltgemeinschaft lange Zeit das Ausmaß nicht anerkannt hat. Hätten wir damals schon Behandlungszentren gehabt, Labore, Seuchenexperten, Ärzte, Transportmöglichkeiten – dann wäre der Junge nicht gestorben.

Bruder Lothar war während der Ebola-Krise in Sierra Leone © Don Bosco Mission Bonn

Pater Wagner hat daraufhin die Medien eingeschaltet. Auch im deutschen Fernsehen war er damals oft zu sehen. Langsam rollte die Hilfe an.

Im Leid ist auch die Liebe präsent

Für ihn als Salesianerpater war dieser Einsatz Teil seiner Berufung: „Ich beteilige mich an dem Kreuzweg unserer Zeit. So verstehe ich lebendiges Evangelium. Das ist kein verstaubtes Buch, sondern das, was dort drinsteht, ist in unserer Welt immer wieder neu aktualisiert. Es ist die Frage, ob wir aufmerksam dafür sind, oder sind wir wie die Jünger, die auch weglaufen?“

Er ist nicht weggelaufen und hat die Anwesenheit Gottes gerade im Leid besonders gespürt: „Wenn ich gesehen habe, wie engagiert meine Mitarbeiter waren, dann habe ich gemerkt, dass da die liebende Hand Gottes im Spiel war. Da habe ich Gott schon auf Erden gesehen. Oder wenn ich Kinder und Jugendliche beim Sterben begleitet habe, dann haben sie viele Sätze gesagt, in denen die Worte Liebe und Geborgenheit vorkamen. Da habe ich gemerkt: Bei all dem Leid ist auch die Liebe präsent.“

Pater Lothar Wagner lebt heute wieder in einem Krisengebiet: Er kümmert sich derzeit um Straßenkinder und Kindersoldaten im Südsudan.

Das ganze Gespräch mit Bruder Lothar Wagner können sie in unserer Sendung "Hauptsache Mensch" hören

Die Autorin
Brigitte Strauß-Richters
Radio-Redaktion
b.strauss-richters@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

Jenny Klestil Glück kennt keine Behinderung

Mit einem kostenlosen Fotoshooting für Menschen mit dem Down-Syndrom hat alles angefangen...

19.08.2019

Seit 17 Jahren lenkt Michael Kerkloh die Geschicke des Münchner Flughafens.
© Götzfried

Michael Kerkloh geht in Ruhestand Flughafen-Chef lässt sich von den Zehn Geboten leiten

Er ist ein ausgezeichnter Manager, spielt Orgel und singt auch mal gern die Matthäus-Passion von Bach: Michael Kerkloh ist ein Mann mit vielen Facetten.

31.07.2019

Michael Plitzner Der Glockendoktor rät zur Vorsorge

Im Europäischen Kompetenzzentrum für Glocken "ECC-PROBell" erforscht der Maschinenbauer und Theologe, wie Glocken besonders lange halten. Dafür läutet er auch schon mal eine Glocke kaputt.....

03.06.2019

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren