Serie: Kirchturmgespräche „Ich bin vom Leben infiziert“

19.05.2019

In unserer Serie besteigen wir in den Wochen zwischen Ostern und Pfingsten mit interessanten Gesprächspartnern hohe Kirchtürme in München. Diesmal erklärt Schwester Rosa Maria Dick, wann und wo sie sich dem Himmel besonders nahe fühlt.

Schwester Rosa Maria Dick und Karin Hammermaier beim Gespräch auf dem Kirchturm
Schwester Rosa Maria Dick und Karin Hammermaier beim Gespräch auf dem Kirchturm © Kiderle

München – Der Zugang ist gut versteckt: Durch eine Tür hinter dem Kruzifix im Beichtzimmer gelangt man zunächst auf die Orgelempore mit Blick auf den von Johann Baptist Zimmermann gestalteten Innenraum. Anschließend führen mehr als hundert Holztreppen – auch eine Leiter ist darunter – auf den Südturm der St.-Michaels-Kirche im Münchner Stadtteil Berg am Laim.

Als erfahrene Pilgerin und Bergwanderin erklimmt Schwester Rosa Maria Dick die Stufen mit Leichtigkeit. „Das ist im Grunde genommen ein bisschen unsere Kirche“, betont die Generaloberin der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul. Schließlich nutzten die Schwestern den Südflügel der Josephsburg, in die das Gotteshaus eingefügt worden war, schon wenige Jahre nach ihrer Gründung 1832 als Erholungsheim. Heute befinden sich dort das ordenseigene Alten- und Pflegeheim St. Michael samt „Betreutem Wohnen an der Josephsburg“.

Mutterhaus ist nur 500 Meter entfernt

Der Ausblick vom Turm lässt ein wenig zu wünschen übrig. Das liegt nicht nur am regnerischen Wetter und der geringen Höhe, sondern auch an den Holzlamellen vor den Fenstern. Dennoch erspäht Schwester Rosa Maria dazwischen rasch das halbkreisförmige Mutterhaus ihrer Kongregation, das nur 500 Meter von der Kirche entfernt liegt. Deshalb war es für die Ordensfrauen selbstverständlich, die jüngste Restaurierung des Hochaltars und des darüber befindlichen Deckenfreskos finanziell zu unterstützen: „Die Schwestern kommen immer noch gern zum Beten her.“

Schwester Rosa Maria selbst vertraut besonders auf den Heiligen Geist. „Ohne ihn würde ich nichts schaffen.“ Seit vielen Jahren begleitet sie der Satz: „Gott bewirkt an Vorhandenem etwas, was aus Vorhandenem nicht erklärbar ist.“ Auch in ihrem Leben hätten sich Dinge ereignet, die sie sich selber nie zugetraut hätte – „zum Beispiel, dass ich jetzt Generaloberin bin“.

Die Kirche stellt sich die Ordensfrau künftig als „noch stärker vom Heiligen Geist geführt“ vor, denn: „Unsere eigenen Mittel werden weniger, das spüren wir von Jahr zu Jahr.“ Gerade angesichts der Krise in der Kirche könne Gott sein Wirken zeigen. Aber dazu brauche es auch Menschen, die das zuließen.

"Spüre wieder mehr Offenheit"

So ist Schwester Rosa Maria überzeugt, dass es immer Ordenschristen geben werde, wenn auch in kleinerer Anzahl – einzelne Menschen, die sich von Gott ansprechen ließen, weil ihre Sehnsucht größer sei als alles, was sie besitzen oder leisten könnten. „Da spüre ich sogar wieder mehr Offenheit, auch bei jüngeren Menschen.“ Im Juni veranstalten die Barmherzigen Schwestern deshalb erstmals ein Wochenende für Menschen, die ihren eigenen Weg entdecken möchten. Die Idee dazu entstand aus einer Gesprächsrunde beim „Tag der offenen Klöster“, bei der vier Ordensfrauen erzählten, was sie bewogen hat, sich der Kongregation anzuschließen – und warum sie ihr bis heute angehören. Zudem bieten die Barmherzigen Schwestern ab Juli ein „Freiwilliges Ordensjahr“ an, also eine Zeit des Mitlebens im Haus Mechtild in der Münchner Innenstadt, in der die Teilnehmerinnen ihrem Beruf nachgehen oder in einem Krankenhaus oder Altenheim der Barmherzigen Schwestern mithelfen.

Die Kirche St. Michael in Berg am Laim mit ihren beiden Türmen
Die Kirche St. Michael in Berg am Laim mit ihren beiden Türmen © Kiderle

„Menschen interessieren mich“

Und was motiviert Schwester Rosa Maria, ihre Ordensgemeinschaft mit rund zweihundert Schwestern und 1.500 Angestellten zu leiten? „Das Leben, das Leben!“, antwortet sie blitzschnell und wirkt selbst ganz lebendig, so lebhaft, wie sie mit ihren Armen gestikuliert. „Ich bin vom Leben infiziert. Das Leben interessiert mich, Menschen interessieren mich in ihrer Verschiedenheit, in ihrem Anderssein und wie dieses Leben für Menschen besser gelingen kann.“ Dabei sei ihr Gott nahe – und der Heilige Geist als Verbindung zu ihm.

„Ich bin auch meinem Leben auf der Spur. Ich mache vieles gern“, verrät Schwester Rosa Maria. Wandern und pilgern etwa. „Ich brauche das Gehen immer wieder“, begründet die Generaloberin ihre Vorliebe, „dieses Geerdete, den Abstand und die Unterbrechungen.“ Derzeit bereitet Schwester Rosa Maria eine zweitägige Wallfahrt nach Altötting für 40 Teilnehmer vor. Und die 65-Jährige will heuer zu Fuß bis zu ihrem Urlaubsort in Tirol gehen – fünf oder sechs Tage lang.

Das Arbeiten mit Ton begeistert die Ordensfrau

An Ostern hat sie Jesus und Simon von Cyrene als Tonfiguren gestaltet, um sie zu verschenken. Ähnlich wie in einer Darstellung des Priesterkünstlers Sieger Köder sind die beiden Männer kaum voneinander zu unterscheiden. Das deckt sich mit einer Erfahrung, die die Barmherzige Schwester gemacht hat: „Wenn ich anderen helfe, bekomme ich Kraft und Stärke und bin auch selbst die Beschenkte.“ Außerdem erinnert sie der Ton an den Lehm, aus dem der Mensch der Bibel zufolge geschaffen wurde. Deshalb arbeite sie besonders gern mit diesem Material. „Das begeistert mich!“

Auch Liedtexte schreibt die kreative Ordensfrau. „Lass uns Boten der Hoffnung sein, die dein Leben verkünden und mit dem Licht, das du uns schenkst, andere Herzen entzünden“, lautet zum Beispiel der Kehrvers eines ihrer Lieder, ist sie doch sicher: „Wenn ich mich öffne für diesen anderen, kann das etwas in ihm bewirken.“ Und was? „Vielleicht den Heiligen Geist bewusster einzuladen, mit ihm zu rechnen, zu spüren, ja, das stimmt: Gott ist da.“

Die Autorin
Karin Hammermaier
Münchner Kirchenzeitung
k.hammermaier@st-michaelsbund.de


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