50 Jahre Rätearbeit "Ich galt als Revoluzzer"

16.02.2019

Zum 50-jährigen Bestehen der katholischen Räte erzählen Ehrenamtliche von ihrem Engagement. Diesmal verrät Georg Rieß aus Taufkirchen an der Vils, warum auch kritische Geister nötig sind.

Georg Rieß aus Taufkirchen an der Vils ist ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Diözesanrats.
Georg Rieß aus Taufkirchen an der Vils ist ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Diözesanrats. © privat

Im Herbst 1993 feierte ich als Kreiskatholikenratsvorsitzender mit meinen Erdinger und Dorfener Pfarrgemeinde- und Dekanatsräten das 25-jährige Bestehen der Räte mit einer Ehrung der Gründergeneration. Als „Ehemaliger“ feiere ich auch heuer mit, aus Stolz über das Erreichte und mit der Ermahnung an die aktuell Aktiven: „Es ist noch viel zu tun, packt bitte weiter an!“ Solche Jubiläen sind „Bilanzstichtage“, bei denen Rückblicke in Zufriedenheit den Blick auf die vielen noch offenen Aufgaben nicht versperren dürfen.

Noch nicht auf der Zielgeraden

Unsere Rätestrukturen haben sich inzwischen ihren sicheren Platz in unserer Kirche erarbeitet, vielleicht haben sie sogar schon etwas Patina angesetzt. Wir sind aber noch nicht auf der Zielgeraden! Als ich in den 1950er Jahren als Ministrant diente, nannte es meine Mutter eine „Sünde“, wenn ich manchmal über unseren Pfarrer schimpfte. Aus Sicht des Pfarrers galt ich wohl als Revoluzzer. Meine erste Kandidatur für ein Laiengremium der Pfarrei scheiterte kläglich am Pfarrer und seiner Haushälterin.

Als Student erlebte ich in München die Wirren der 1968er und viele heftige Diskussionen mit dem StAkK (Studentischer Arbeitskreis kritischer Katholizismus). Das Zweite Vaticanum war für mich ein „turn around“, der mir meine Kirche als Heimat für mich und meine Familie erhielt.

Kritischer Ehrenamtlicher

Nach dem missglückten Einstiegsversuch in die kirchliche Rätearbeit Ende der 60er Jahre fiel dann, angeregt durch Vorbilder in meinem Bekanntenkreis, Ende der 70er Jahre meine Entscheidung, den Großteil meiner Freizeit der kirchlichen Rätearbeit zu widmen. In den Rätestrukturen vom

Pfarrgemeinderat bis zum Diözesanrat lebte ich meine Kirche. So war ich fast 40 Jahre ein zwar stets kritischer, aber auch den steten Fortschritt genießender und manchmal auch den Widerstand von oft überforderten Klerikern unterlaufender Ehrenamtlicher, in verschiedenen Leitungspositionen.

Mehr als „Helferstrukturen“

Anlässlich des Jubiläums „50 Jahre Räte“ gilt meine größte Sorge, dass unsere „Rätestrukturen“ noch immer in ihrem Kern reine „Helferstrukturen“ sind. In mancher Hinsicht ist dies zu kurz gegriffen. Die Menschen des 21. Jahrhunderts erwarten vor allem von ihrer Kirche, so akzeptiert zu werden, wie sie in der veränderten Gesellschaft leben und leben müssen, mit all den Freiheiten, die sie sich oft mühsam erkämpft haben, und mit all den geistigen Fähigkeiten, die sie sich erarbeitet haben. Sie trauen sich auch Mitverantwortung zu. Wenn unsere Kirche sich künftig nicht mehr auf die Menschen zubewegt, werden wir viele von ihnen verlieren. Meine Erinnerung an eine Rede der damaligen Vorsitzenden des Diözesanrats Berlin, Hanna-Renate Laurien, auf einer Diözesanratsvollversammlung in Freising verhilft mir zu der beruhigenden Überzeugung, dass wir uns nicht umsonst bemühen. Kirche ist keine Einrichtung auf Zeit. So manches unserer aktuellen kirchlichen Probleme wird wohl erst nach unserem Tod seine Erledigung finden. (Georg Rieß, ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Diözesanrats)

In dieser Serie berichten anlässlich des 50-jährigen Bestehens der katholischen Rätearbeit jede Woche Ehrenamtliche über ihr Engagement. Am Samstag, 30. März, wird das Jubiläum mit einem großen „Fest der Räte“ in München gefeiert.


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