Mathias Micklisch ist Mietpilger „Ich gehe den Weg für Dich“

22.11.2016

Es gibt Dinge, die will oder kann man nicht selbst machen und engagiert lieber jemanden dafür: Kisten schleppen beim Umzug zum Beispiel oder Reifen wechseln. Dass man aber jemanden beauftragt, für sich zu pilgern, klingt im ersten Moment eher ungewöhnlich. Aber auch das gibt es.

Mathias Micklisch geht für all jene Menschen pilgern, die dies nicht selbst tun können. © Mathias Micklisch

München – Mathias Micklisch ist 43 Jahre alt, wohnt in München und Pilgern ist seine Leidenschaft. Als er vor fast zehn Jahren das Buch von Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“ gelesen hat, war er davon so begeistert, dass er seinen Job gekündigt hat und losgelaufen ist: auf dem Jakobsweg von Saint-Jean-Pied-de-Port in Frankreich über die Pyrenäen nach Santiago de Compostela in Spanien. „Ich war schon immer ein rastloser Typ und auf der Suche danach, wie ich am meisten aus meinem Leben herausholen kann. Hoffnung, Kraft und jede Menge positiver Energie – das ist es, was ich beim Pilgern für mich gefunden habe“, sagt Micklisch.

Heute macht der „Mietpilger“ auch andere Menschen damit glücklich. Er geht für sie den Weg, bringt ihnen Erinnerungsstücke mit oder hinterlässt für sie bleibende Erinnerungen. Als gelernter Steinmetz bietet er auch an, etwas an ausgesuchten Stellen unterwegs einzumeißeln: „Initialen zum Beispiel oder ein Datum. Das wird sehr gerne angenommen“, so Micklisch. Durch moderne Technik ist der Auftraggeber immer darüber informiert, wo sich der Mietpilger gerade befindet und kann den Pilgerweg sozusagen im Geiste mitgehen. „Für die Menschen ist es anscheinend Befriedigung genug, wenn ich den Weg für sie gehe. Oder sie haben zumindest das Gefühl, etwas gemacht zu haben oder haben machen lassen, was sie ihr Leben lang nie geschafft haben irgendwie.“

Keine neue Idee

Den Menschen fehlt die Zeit oder der Mut, sie können aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst pilgern oder es war der letzte Wunsch eines Verstorbenen. Die Hintergründe sind individuell. Neu ist die Idee nicht, sagt die Theologin Irmgard Jehle, die als Reiseleitung im Bayerischen Pilgerbüro tätig ist: „Pilgern lassen ist durchaus etwas, was schon in der Bibel drinsteht. Zum Beispiel als man den Gelähmten zu Jesus brachte und ihn durch das Dach zu ihm herunterließ, damit er ihn heilt. So sehe ich das auch im – ich würde nicht sagen Mietpilgern, sondern stellvertretenden Pilgern.“ Für jemanden eine Kerze anzünden oder beten, Anliegen und Gegenstände mitnehmen – all das gibt es schon immer. Auch Ordinariatsdirektor Monsignore Thomas Schlichting betont, dass der Gedanke der Stellvertretung ein urchristlicher ist: „Im Kontext des Glaubens gibt es das immer wieder, dass stellvertretend für jemand anderen etwas gemacht wird. Auch der Opfergedanke in der Heiligen Messe, also Kern unseres Glaubens, basiert ja auf dem Prinzip der Stellvertretung.“

Persönliche Beziehung ist entscheidend

Entscheidend dabei sei jedoch, „dass eine Beziehung besteht zwischen der Person, die pilgert und für die stellvertretend gepilgert wird. Also rein als Leistung und anonym würde ich das als sehr problematisch sehen“, so Schlichting. Auch Jehle macht bei ihren Pilgerreisen die Erfahrung, dass der persönliche Bezug Voraussetzung für das stellvertretende Pilgern ist: „Denn dann kann ich mich besser in die Anliegen des anderen hineindenken und -fühlen und kann sie auch in meine persönlichen Gebete mit hineinnehmen. Es ist etwas, was ich nicht kommerziell machen kann, sondern nur aus meiner inneren Überzeugung, etwas, was ich nicht anbieten kann, sondern was sich ergeben muss.“

Diese Kritik lässt Micklisch nur teilweise gelten, denn eine persönliche Bindung ist auch für ihn entscheidend: „Es ist ja auch nicht so, dass ich da hingehe, den Auftrag bekomme und wieder gehe, sondern es finden erst mal Gespräche statt und man lernt sich kennen. Die Leute müssen natürlich erst mal Vertrauen in mich fassen und dann ist das Verhältnis zwischen uns eigentlich immer ein durchweg positives und die Leute sind danach auf jeden Fall zufriedener und glücklicher als vorher. Also zumindest hab ich den Eindruck.“ Reich werde er damit nicht, sagt er. Er arbeite kostendeckend. Aber er hat das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Und eines leugnet auch der Mietpilger nicht: Dass es Erfahrungen beim Pilgern gibt, die man nur machen kann, wenn man den Weg selbst geht.

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Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Pilgern: Der Weg ist das Ziel

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