Salesianerin im Porträt „Ich glaube an die Macht der kleinen Schritte“

21.08.2020

Schwester Petra Egeling ist neue Provinzleiterin der Don Bosco Schwestern in Deutschland und Österreich. Die Entscheidung, das Amt ein zweites Mal zu übernehmen, ist nicht ganz einfach gewesen.

Schwester Petra Egeling
Schwester Petra Egeling leitet die Provinz der Don Bosco Schwestern in Deutschland und Österreich. © FMA/Golser, Christine Wendel

München – An eine Straßenlaterne in München hat jemand einen Abreißzettel geheftet, mit einer gelben Sonne darauf. Auf die einzelnen Streifen sind Sonnenstrahlen gemalt und darüber steht: Nimm einen Sonnenstrahl mit. „Ich habe mir einen Strahl abgerissen, in die Tasche gesteckt und tagsüber immer wieder herausgeholt und mich darüber gefreut“, erzählt Schwester Petra Egeling, die auf die kleinen Dinge achtet.

Die 59-Jährige hat sich bereit erklärt, ein zweites Mal das Amt der Provinzleiterin der Don Bosco Schwestern zu übernehmen. Im Juli 2020 hat sie offiziell ihre Vorgängerin, Schwester Maria Maul, abgelöst. Ganz einfach sei die Entscheidung für sie nicht gewesen, nochmal diese Verantwortung zu übernehmen, gesteht sie. Aber sie habe daran gedacht, was ihr eine ältere Schwester am Tag ihrer Erstprofess mit auf den Weg gegeben habe: Versuche das, was man dir als Aufgabe überträgt, mit Freude zu tun. „Das ist mir hängen geblieben“, erinnert sich Schwester Petra.

Ein kirchlicher Beruf oder Bibliothekarin?

Die gebürtige Bocholterin aus dem Münsterland hat die Don Bosco Schwestern über eine Schwester kennengelernt, die in ihrer Heimatgemeinde als Pastoralassistentin tätig war. „Es hat mich fasziniert, wie sie mit uns jungen Menschen umgegangen ist“, erinnert sich Schwester Petra. „Sie hatte immer Zeit, egal, wann wir bei ihr vor der Tür standen. Einmal saßen wir bei ihr in der Wohnung, hatten etwas zu besprechen, und sie musste weg und sagte: ‚Ihr könnt ruhig hierbleiben, und wenn ihr geht, macht die Tür gut zu.‘ Dieses Vertrauen zu uns, das hat mich sehr berührt.“

Nach dem Abitur am Mariengymnasium stand für sie die Frage im Raum: Ein kirchlicher Beruf oder Bibliothekarin? „Aber dann war klar, so sehr ich Bücher liebe, ich möchte etwas mit Menschen zu tun haben.“ Am Ende hat sie an der Katholischen Fachhochschule in Paderborn Religionspädagogik studiert. Als die Frage nach dem Ordensleben auftrat, war klar: wenn, dann die Don Bosco Schwestern. 1988 hat Schwester Petra in Castelgandolfo ihre Erste Profess abgelegt.

„Schönste Zeit in meinem Leben

Ihr erster Einsatzort als Schwester war in Amberg in der Oberpfalz in einem Mädchenwohnheim der Caritas. „Wenn ich daran zurückdenke, ist das eine der schönsten Zeiten in meinem Leben gewesen. Mit den jungen Menschen das Leben und ihre Sorgen zu teilen: Wenn sie von der Schule kamen, sich über Erfolge gefreut oder auf die Lehrer geschimpft haben oder vom Wochenende daheim erzählten, das war einfach schön. Für mich trifft der Begriff ‚Leben teilen‘ dieses Gefühl, das ich meine“, beschreibt Schwester Petra diese Zeit. Nur der oberpfälzische Dialekt sei zu Beginn eine Herausforderung gewesen, fügt sie verschmitzt hinzu. 1997 ist Schwester Petra dann nach München gekommen. „Ich war acht Jahre Provinzsekretärin und habe von 2005 bis 2014 die Leitung der Deutschen Provinz übernommen“, berichtet sie. 2012 hat sie gemeinsam mit Schwester Maria Maxwald, der österreichischen Provinzleiterin, den Prozess der Zusammenführung der beiden Provinzen begonnen.

Gemeinschaften verbinden

Für Schwester Petra gehört der Aspekt der Begleitung zu ihren neuen Aufgaben. „In unserer Konstitution heißt es: Die Provinzoberin verbindet die Gemeinschaften untereinander, auch mit dem Zentrum des Instituts. Zu meinen Aufgaben als Provinzleiterin gehört es also, die Gemeinschaften zu besuchen, mit jeder einzelnen Schwester zu sprechen, zu erfahren, was in den einzelnen Gemeinschaften gerade an Prozessen läuft und womit sich die Schwestern und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen.“ Beim Aspekt der Leitung geht es darum, strategische und inhaltliche Entscheidungen zu treffen – gemeinsam mit den Schwestern der Provinz und insbesondere mit dem Provinzrat.

„Corona hat mein Lebensgefühl verändert.“

Dass die neue Amtszeit viele Herausforderungen bereithalten wird, ist Schwester Petra bewusst. „Unter dem Eindruck der Corona-Pandemie habe ich das Gefühl, die erste Herausforderung wird sein, all das zu verarbeiten, was dieses Virus mit unserer Gesellschaft, mit der Kirche und auch mit uns gemacht hat und noch macht. Für mich hat sich mein Lebensgefühl verändert und ich denke, dass ich nicht die Einzige bin.“

Eine weitere Frage, die sie beschäftigt, ist die nach zukünftigen Formen des Gemeinschaftslebens. „Ich glaube, es braucht eine Vielfalt an Formen, und wir müssen den Mut haben, sie auszuprobieren.“ Vor allem Berufungspastoral müsse ein wichtiger Schwerpunkt im Leben der Provinz sein. „Es geht darum, sich immer wieder zu fragen, inwieweit unsere Gemeinschaften Orte sind, an denen Berufungen wachsen können.“

Prophetische Zeichen setzen

Schwester Petra wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht auch etwas größer denken würde. „Ich wünsche mir, dass wir in meiner Amtszeit ein oder zwei prophetische Zeichen setzen können – auch wenn sie klein sind. Ich glaube daran, dass es schon viele solcher Zeichen gibt, aber ich glaube auch daran, dass sich immer wieder Neues entfalten kann.“ Solch ein prophetisches Zeichen ist in ihrer Gemeinschaft die Erfahrung des Kirchenasyls gewesen. In München haben in den vergangenen Jahren insgesamt fünf junge Frauen im Kirchenasyl in der Gemeinschaft gelebt. Sie kamen aus Afghanistan, Eritrea und Somalia. „Das hat uns als Gemeinschaft verändert“, berichtet sie.

„Wir haben uns gesagt, wir können nicht tausenden Geflüchteten helfen, aber wir können ganz konkret einigen Lebensraum und die Hoffnung auf eine Zukunft geben. Das habe ich als ein prophetisches Zeichen gesehen, in einer Gemeinschaft, in der die meisten Schwestern über 80 Jahre alt sind.“ Die jungen Frauen, von denen drei mittlerweile eine Aufenthaltsgenehmigung haben und eine ihre Berufsausbildung macht, haben aber auch den Schwestern geholfen, den Blick zu weiten, nicht immer nur die eigene Situation zu sehen und von der Stärke dieser jungen Frauen zu lernen. Es sei eine schöne Erfahrung zu sehen, dass man auch mit kleinen Schritten etwas bewegen könne, erzählt Schwester Petra: „Daran glaube ich: an die Macht der kleinen Schritte!“ (Pia Jaeger ist Redakteurin bei der Deutschen Provinz der Salesianer Don Boscos.


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