Erfahrungen eines Juden „Ich hatte Angst um mein Leben“

19.07.2018

Der Münchner Yonathan Shay ist Jude und lebte bis vor Kurzem in Berlin. Dort hat er massiven Antisemitismus erlebt.

Yonathan Shay setzt sich für den Dialog der Religionen ein.
Yonathan Shay setzt sich für den Dialog der Religionen ein.

Ein junger Mann fragt auf offener Straße eine Gruppe nach Feuer. Einer aus der Gruppe sieht, dass der Mann einen Davidstern an seiner Kette trägt - und dann geht alles ganz schnell: Die Gruppe schlägt auf den Mann ein. Es sind Meldungen wie diese – der Vorfall hat sich erst vor knapp zwei Wochen so in Berlin ereignet – die Yonathan Shay immer wieder erschrecken. Der Münchner ist 31 Jahre alt, Jude und Gesandter der Jewish Agency für Israel in Deutschland.

Antisemitismus war nie weg

Der Antisemitismus sei nach dem Holocaust nie komplett verschwunden, meint er. Er sei nur weniger salonfähig geworden. In letzter Zeit häufen sich aber wieder Angriffe gegen Juden – auch in Bayern. In München hat Yonathan Shay bislang noch keine Anfeindungen erlebt. Hier habe er keine Angst. Bis vor Kurzem lebte er aber noch in Berlin. Als er dort mit Davidstern und Kippa in der Stadt unterwegs war, hat er den Antisemitismus am eigenen Leib erfahren. Fast jeden Tag sei er beleidigt und gemobbt worden. „Einmal wurde ich sogar angespuckt, ein anderes Mal hat ein Mann meinen Weg blockiert. Er meinte, als Jude dürfe ich nicht frei in der Stadt herumlaufen“, erinnert sich Yonathan Shay.

Anfeindungen von verschiedenen Seiten

Doch davon lässt sich der orthodoxe Jude nicht einschüchtern. Seine Kippa und den Davidstern trägt er auch weiterhin in der Öffentlichkeit – obwohl einmal sogar vier Männer in der Berliner Bahn auf ihn eingeschlagen haben. „Damals hatte ich zum ersten Mal große Angst um mein Leben“, sagt Yonathan Shay, der überzeugt ist, dass die Täter muslimische Flüchtlinge waren. Laut Polizei kommen 90 Prozent aller Straftaten gegen Juden aus dem rechtsradikalen Milieu. Yonathan Shay berichtet aber auch von teils massivem Judenhass bei Muslimen.

„Es ist noch nicht zu spät“

Selbst schon bei Kindern und Jugendlichen scheint Antisemitismus verbreitet zu sein. Erst vor ein paar Wochen ist bekannt geworden, dass ein jüdischer Schüler in Berlin wegen seiner Religion so gemobbt wurde, dass er die Schule wechseln musste. Gegen solche Vorfälle will Yonathan Shay vorgehen. Als Gesandter der Jewish Agency bei der European Janusz Korczak Academy in München arbeitet er an verschiedenen Projekten zum Dialog der Religionen mit und hält Vorträge gegen Antisemitismus. „Ich glaube, es ist noch nicht zu spät. Man muss nur mit allen Mitteln dagegen kämpfen“, ist er sich sicher. Dafür gebe es viele Wege, wie etwa Erziehung oder ein besseres Strafsystem. Yonathan Shay kämpft dafür, dass Juden in Deutschland sicher leben können – 73 Jahre nach dem Ende des Holocausts sollte das eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.

Der Autor
Manuel Rauch
Radio-Redaktion
m.rauch@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt 70 Jahre Israel

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