Abschied nehmen in Zeiten von Corona "Ich konnte einige Stunden ihre Hand halten"

01.03.2021

Die Großmutter von Jugendseeslorger Andreas Steinhauser verstarb während der Corona-Pandemie. Gekleidet im Vollschutz nahm er Abschied.

Hände, die sich halten
Abschied nehmen in Zeiten der Corona-Pandemie kann nur unter erschwerten Bedingungen stattfinden. © ake1150 - stock.adobe.com

Landshut Meine Oma war seit einer misslungenen Operation querschnittsgelähmt und deswegen auf Hilfe angewiesen. Damit meine Eltern und wir Enkel sie regelmäßig besuchen konnten, zog sie in ein Pflegeheim in unserer Nähe. So war sie trotz Einschränkungen der Mittelpunkt unserer Familie. Sie genoss die Ausflüge in die Stadt zum Einkaufen oder zum klassischen Konzert nach Regensburg. Auch zum Gottesdienst konnten wir sie mitnehmen. Sie hat sich nie beklagt oder gejammert. Das hat mich immer beeindruckt.

Einschnitt in Lebensqualität

Mit dem ersten Lockdown waren die täglichen Besuche meiner Eltern von heute auf morgen nicht mehr erlaubt. Auch die Zugangsmöglichkeiten von externen Ärzten und Therapeuten wurden stark beschränkt. Meine Oma war tagein, tagaus auf ihrem Zimmer, nicht mehr im Speisesaal, und auch ihre Therapien waren ausgesetzt. Das war ein massiver Einschnitt in ihre Lebensqualität und hatte körperliche und kognitive Verschlechterungen zur Folge. Ein paar Mal war es möglich, sie wenigstens durch das Fenster zu sehen und kurz mit ihr zu sprechen.

Das Personal im Heim war schon vor der Krise personell schwach besetzt und jetzt fehlte auch die Unterstützung der Angehörigen, zum Beispiel beim Esseneingeben. Als der Zustand meiner Oma sich zunehmend verschlechterte und sie in die finale Phase eintrat, wurde die strikte Besucherregelung gelockert. Das war für mich enorm wichtig. Ich konnte mehrmals einige Stunden ihre Hand halten und einfach da sein. Zwar im Vollschutz, aber bei ihr.

Tod kam mit voller Wucht

Vieles ist mir in dieser Zeit des Abschieds durch den Kopf gegangen. Ich erinnerte mich vor allem an die Ferienaufenthalte bei meinen Großeltern: an den großen Garten, die Irish-Setter-Hündin Ilka und den Nachbarsjungen Phillip. Das perfekte Ferienerlebnis: So was kann man in keinem Reisebüro buchen … Meine Oma wollte immer alles erfahren, konnte zuhören und Rat geben. Sie war gradaus und ihre kräftige Stimme hatte Gewicht. Vorbereitet durch das Sakrament der Krankensalbung ist meine Oma am 15. Juli verstorben. Ich hatte oft darüber nachgedacht, aber dann traf mich der Tod meiner Oma mit voller Wucht.

Jünger wollten Fremden festhalten

Bei der Beerdigung haben wir das Emmaus-Evangelium gehört: „Über was redet ihr da, was bewegt euch so?“ Die Jünger damals wollten diesen Fremden, der ihre Unterhaltung so eindrucksvoll bereichert hat, am liebsten festhalten. Sie sind durch den Tod Jesu am Kreuz in tiefe Hoffnungslosigkeit gestürzt worden. Dann aber ist er ihnen selber begegnet. Er hat sie begleitet. Sie durften von ihrer Not erzählen, und er hat ihnen durch seine Gegenwart wieder eine Perspektive vermittelt. Ich wünsche allen, die Angehörige und Freunde in dieser Pandemie verabschieden mussten, viele solcher Begegnungen und Begleiter, und ich hoffe darauf, dass auch wir solche Begleiter für andere sein können. Dann werden auch wir spüren, dass der Tod in unserem Leben nicht das letzte Wort hat und niemals haben wird. Genau das ist der Kern der österlichen Botschaft und die Mitte der Geschichte von diesen zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. (Andreas Steinhauser, Jugendseelsorger in der Jugendstelle Landshut)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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