Glaube im Alltag „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen“

19.05.2017

Pater Jörg Dantscher macht es traurig, wenn Eltern ihre Kinder verlassen. Welche Hoffnung er für diese Waisen hat, lesen Sie hier.

Mütter und Väter werden nicht in den Auslagen von Geschäften angepriesen, wie Pater Jörg Dantscher als Bub irrtümlich meinte. © Fotolia/Dusan Kostic

Dieser Tage habe ich gelesen, dass es in Rumänien über hunderttausend Kinder gibt, die mehr oder weniger als Waisen zurückgelassen wurden, weil die Eltern nach Mitteleuropa aufgebrochen sind, um dort eine bessere Existenz aufbauen zu können. Auch das können nämlich Folgen des vereinten Europas mit unserer Reisefreiheit sein.

Dabei erinnere ich mich, wie es meinem Bruder und mir 1946 erging: Die Mutter hatte uns zu einem wichtigen Besuch nach Penzberg mitgenommen und wir Kinder sahen ein erstes Mal eine schön ausstaffierte Schaufensterpuppe mit Kniestrümpfen und Lederhose, mit einem schön bunt karierten Hemd und Hut mit Gamsbart. Wir fragten die Mutter, ob sie nicht ins Geschäft gehen könne, um uns diesen Mann als Vater zu kaufen. Denn der eigene Vater war noch in Kriegsgefangenschaft und wir hätten doch auch gerne einen Vater gehabt.

Schaufensterpuppe als Vater?

Ich weiß nicht, wie stark der Stich im Herzen meiner Mutter gewesen sein mag, als wir dieses Ansinnen an sie stellten. Sie hat uns das nie gesagt, aber sie erklärte uns, dass es sich nur um eine Schaufensterpuppe handelt und nicht um einen kaufbaren Vater.

Heute lebe ich mit einem vietnamesischen Mitbruder zusammen, den seine Eltern als Zehnjährigen ohne elterlichen Schutz auf ein Boot setzten, weil sie ihm eine größere Freiheit und bessere Entwicklung wünschten als die, die sie ihm in ihrer Heimat bieten konnten. Seine Geschichte bewegt mich, weil ich mich immer wieder frage: Wie groß muss die Not von Eltern sein, dass sie ihre Kinder den Gefahren des Meeres aussetzen, obwohl sie nicht absehen können, was die Zukunft für jugendliche Boatpeople bringen wird – für ihre eigenen Kinder?

Ich werde traurig, wenn ich diese kleinen und großen Geschichten bedenke, weil sie ja heute noch häufiger vorkommen als vor dreißig Jahren.

Umso mehr hoffe ich, dass die Worte Jesu keine leere Versprechung sind, sondern Rückhalt und Trost bieten können für all jene, die sich als Waisen fühlen: „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch … Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir, und ich bin in euch.“ Und ich möchte gerne, dass das kein billiger Trost ist, damals für die Freunde Jesu, als er getötet wurde, und heute nicht, da es mehr Waisen gibt als jemals zuvor. Da kann ich nur wünschen: Herr, stärke unsere Hoffnung und lasse uns erfahren, dass Dein Geist bei uns ist und die Waisen nicht immer Waisen bleiben müssen. (Jörg Dantscher SJ)


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