Proband in der Impfstoff-Entwicklung "Ich wollte meinen Beitrag gegen das Virus leisten"

27.03.2021

Andreas Kobbe wurde schon im August 2020 gegen das Coronavirus geimpft. Der überzeugte Katholik stellte sich als Proband für die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs zur Verfügung.

Andreas Kobbe bei der Impfung
Bei seiner ersten Impfung wusste Andreas Kobbe nicht, ob er echten Impfstoff oder ein Placebo gespritzt bekommt. © Riffert

München – „Wir sind plötzlich alle ins Homeoffice geschickt worden. Dann sitzt du zu Hause und denkst, dass gefühlt die ganze Welt untergeht“, erinnert sich Andreas Kobbe an seine Empfindungen beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020. „Ich bin ein gläubiger Mensch und hatte das tiefe Bedürfnis, etwas zu bewegen. Ich wollte meinen Beitrag gegen das Virus leisten“, ergänzt der gebürtige Münchner. Der gelernte Bankkaufmann, der sich als „ganz normalen Katholiken“ bezeichnet, informiert sich deshalb früh über mögliche Hilfen. So erfährt er von Impfstoffentwicklern, die Testpersonen suchen. „Meine Eltern sind auch schon 65 und 70 Jahre alt. Da macht man sich definitiv Gedanken um deren Gesundheit. Und das war ein weiteres Argument für mich, dass ich mich als Testperson zur Verfügung stellen wollte“, berichtet der Oberbayer mit der sympathischen, klaren Stimme.

Der 44-Jährige schreibt eine E-Mail an das Pharmaunternehmen Curevac mit Sitz in Heidelberg. Zuerst kommt von dort keine Reaktion. Doch im Juni 2020 meldet sich das Tropeninstitut der Ludwig-Maximilians-Universität München bei ihm und fragt nach, ob er immer noch zur Verfügung stehe, denn man suche Testpersonen für die Phase 1 eines Impfstoffs gegen das Coronavirus. „Das fand ich toll, und so kam alles ins Laufen. Ich wollte handeln, nicht nur zusehen“, berichtet Kobbe. Zuerst wird er umfassend untersucht. Als seine Gesundheit bestätigt ist, wird er Teil der Probandengruppe in einem Doppelblindversuch. Das bedeutet, dass ein Teil der Versuchspersonen den Impfstoff erhält, der andere Teil ein Placebo. Dabei wissen weder die Versuchspersonen noch die Ärzte vorher, wer was erhält.

Für die richtige Entscheidung gebetet

„Ich habe großes Gottvertrauen. Aber ich habe mich zuvor schon hinterfragt, warum ich mich als Testperson in Phase 1 zur Verfügung stelle. Und ich habe auch Gott gefragt: Stehst du zu mir? Und ich hatte ein sehr gutes Gefühl danach“, schildert Andreas Kobbe seinen Entscheidungsprozess. Wichtige Fragen nimmt er regelmäßig in sein Gebet hinein. Oft hat er anschließend eine Ahnung, in welche Richtung die Entscheidung gehen soll.

Seine Lebensgefährtin unterstützt sein Vorhaben. Kobbes Mutter ist zunächst unsicher und befürchtet mögliche Langzeitfolgen bei ihrem Sohn. Sein Vater findet das Vorhaben dagegen höchst spannend und bestärkt ihn. Die erste von zwei Impfungen erhält Kobbe schließlich am 6. August 2020. Danach bleibt er engmaschig im Kontakt mit den Ärzten am Tropeninstitut, damit eventuelle Reaktionen beobachtet und gegebenenfalls aufgefangen werden können.

Impfstoff wurde gut vertragen

„Ich wusste vorher nicht, ob ich den Impfstoff bekomme oder das Placebo. Doch ich habe rasch gespürt, dass ich tatsächlich den Impfstoff erhalten habe, denn ich hatte Nebenwirkungen“, erinnert sich Kobbe. Er bekam leichtes Fieber und etwas Schüttelfrost. „Alles in allem war das nicht so dramatisch. Man hatte uns ja darüber aufgeklärt, dass das zu den möglichen Nebenwirkungen gehört.“ Seit der ersten Dosis führt er ein Impftagebuch. Insgesamt ein Jahr lang wird er als Proband beobachtet und muss regelmäßig zur Blutabnahme. „Ich habe den Wirkstoff ganz gut vertragen, wie alle aus unserer Gruppe.“ Das Präparat von Curevac ist mittlerweile in Testphase 3 und könnte bald die Zulassung in der EU erhalten.

„Ich kann jedem nur raten, sich impfen zu lassen. Man schützt dadurch nicht nur sich selbst, sondern gefährdet auch andere weniger. Das ist für Christen ein wichtiges Argument“, betont Kobbe. Trotzdem solle jeder für sich diese Entscheidung frei treffen können.

Schutz für sich und die anderen

Der 44-Jährige bekennt sich im Bereich der Social Media dazu, dass er sich als Testperson zur Verfügung gestellt hat, und beantwortet Fragen über die Wirkung. Dadurch will er den Menschen auch ein Stück weit Ängste nehmen. „Ich bin da sehr aktiv und diskutiere auch auf Facebook mit Menschen, die erst einmal nicht einsehen wollen, wie gefährlich das Virus ist.“ Allerdings macht ihm der raue Ton der Diskussionen dort mitunter zu schaffen. „Wenn jemand Corona leugnet, da ist es bei mir total aus“, bekennt Kobbe emotional berührt. „Ich habe überhaupt kein Verständnis für so etwas, vor allem, wenn sogar Ärzte diese Position vertreten. Das ist verantwortungslos.“

Kobbe besucht schon länger regelmäßig eine 91-jährige Frau in einem Seniorenheim. Als das nicht möglich war, hat er mit ihr telefoniert und sie dabei ermutigt, sich impfen zu lassen. „Nun hat sie die zweite Impfdosis erhalten und dadurch wird vieles wieder einfacher“, strahlt Kobbe und ergänzt: „Die Impfung ist ein Weg in eine Normalität zurück, in der wir uns auf Begegnungen freuen können, ohne Angst haben zu müssen.“ Auch das passe gut zum Leben als Christ. (Gabriele Riffert, freie Mitarbeiterin der Münchner Kirchenzeitung)

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Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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