Improtheater von Sinti- und Roma-Kindern Ihr Werkzeug ist die Fantasie

21.04.2015

Vorurteile gegenüber Sinti und Roma sind leider auch heute noch weit verbreitet. Ein Improvisationstheater von Kindern und Jugendlichen aus Münchner Sinti- und Roma-Familien will damit aufräumen. Mit Mut, Spontaneität und Training laufen die jungen Darsteller zu Bestform auf.

Aufführung im Werkraum der Münchner Kammerspiele (Bild: Sankt Michaelsbund/Wenger)

München - „Typisch Roma! Die wollen immer noch eine zweite Chance“, „Zigeunerpack – das sind die immer schon gewesen!“ – Gedankengut von anno dazumal, dass bedauernswerter Weise auch heute noch in so manchem Kopf manifestiert ist. Heute Abend soll endlich ein für alle mal Schluss mit derartigen Anfeindungen sein, denn alle Augen sind auf sie gerichtet: Ein junges Schauspielerensemble, das sich mit Kindern und Jugendlichen aus 15 Münchner Sinti- und Roma-Familien zusammensetzt, wartet hinter der Bühne gespannt auf seinen großen Auftritt. Ihr Werkzeug ist die Fantasie, die Kreativität, nichts ist planbar, nichts vorhersehbar. Mit einer improvisierten Bühnenshow treten sie aktiv Aussagen wie den obigen entgegen und machen neugierig auf ihre Welt. „ImpRoma: Hier sind WIR!“ – so lautet der Titel des Improvisationstheaters, das Premiere im Werkraum der Münchner Kammerspiele feiert.

Freies Spiel mit Emotionen

Es war die Idee der evangelischen Theologin Sabine Böhlau, ein Projekt mit Kindern aus Sinti- und Roma-Familien und damit Angehörigen einer Minderheit in München, zu starten. Da Theater seit jeher in der Tradition der Roma eine wichtige Rolle spielt, lag das freie Spiel mit Emotionen, Wünschen und Träumen der jungen Darsteller nahe. In Andreas Wolf und seinem Team vom „fastfood theater“ fand sie den richtigen Partner, was die künstlerische Umsetzung angeht, in Alexander Adler einen Projektleiter, der seine Aufgabe „bravourös gemeistert habe“, so Böhlau. Ermöglicht wird die Initiative aus Mitteln des Programms „Kultur macht stark“ und durch die evangelische Kirche. Das Erzbistum München und Freising, an diesem Abend vertreten durch Georg Schmidtner, tritt als Förderer auf.

Gar nicht so fremd

„Ich bin katholisch“ – nicht wenige betonen bereits in der Vorstellungsrunde zu Beginn ihren Glauben. Auf der Bühne sprechen die Kinder und Jugendlichen im Alter von zehn bis 15 Jahren für sich selbst, sie werden zu Protagonisten ihrer eigenen Lebenswelten: Von der Schulstunde über das Gespräch mit einem vorurteilsbehafteten Beamten bis hin zum gemeinsamen Erdbeerpflücken auf dem Feld – ebenso ein Einwurf des Publikums wie die Szenerie eines Sommerfests bei Ministerpräsident Seehofer, der sich über die wenigen, wenn auch politisch scheinbar anders gesinnten junge Gäste freut: Mut, Souveränität, Spontaneität und kontinuierliches Training lassen die jungen Darsteller zur Bestform auflaufen. Mit einer gehörigen Portion Witz und Selbstironie verläuft auch der Bühnen-Besuch eines alten Mannes in einer Sinti-Familie, die ihm postwendend einen Schweinsbraten anbietet: Plötzlich wird nicht nur ihm, dem Protagonisten, klar: Eigentlich ist das Leben in dieser zunächst so fremd anmutenden Familie gar nicht so fremd, so anders.

Der Zusammenhalt in der Gruppe ist stark, das merkt auch der Zuschauer: Sabine Böhlau bestätigt, dass im Laufe der seit Oktober vergangenen Jahres andauernden wöchentlichen Proben ein „Wir-Gefühl“ enstanden sei und die Projektteilnehmer durch ein „harte Schule“ gegangen seien. Dennoch war sie sich im Vorhinein sicher, überwiege die Vorfreude und die Neugierde auf den großen Abend, nicht die Aufregung.

Lob von Marianne Sägebrecht

Ihren Hut vor der Leistung der ambitionierten jungen Impro-Künstler zieht auch die Schirmherrin der Initiative, Schauspielerin Marianne Sägebrecht. Sie werde bald 70 und habe nach knapp 40 Jahren Bühnenerfahrung dank dieser „wunderbaren, fantasiebegabten Menschen“ und des engagierten Regisseurs „wieder etwas dazugelernt“. Sie gesteht: „Im Herzen habe ich Sinti-und Roma-Wurzeln“.

Ob es in Zukunft weitere Treffen der nun eingepielten Gruppe auch nach Beendigung des Projekts geben wird, oder vielleicht eine neue Idee, der es noch der künstlerischen Umsetzung bedarf, steht für Böhlau noch nicht fest. Wichtig sei ihr und ihrem Team jedoch immer das Thema Nachhaltigkeit. Nachhaltig sind auch die Botschaften an diesem Abend. Auch wenn der Vorhang sprichwörtlich gefallen ist, wirkt doch nach, wie wichtig es ist, ein Zeichen zu setzen gegen jedwede Anfeindung und Ausgrenzung und stattdessen mit Neugier dem Anderen zu begegnen, was doch gar nicht so fremd zu sein scheint. (Tamara Wenger)


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