Rituale Im Alltag Halt finden

11.08.2019

Benediktinerpater und Autor Anselm Grün erklärt, wie hilfreich Rituale im Alltag sein können. Sie seien der Weg, den Glauben in den Alltag hineinzubringen und den Alltag aus dem Glauben heraus zu leben.

Gemeinsam beten im Alltag
Gemeinsam beten im Alltag © Rawpixel.com - stock.adobe.com

Rituale – so sagen die Griechen – schaffen eine heilige Zeit. Heilig ist das, was der Welt entzogen ist, worüber die Welt nicht verfügen kann. Die heilige Zeit gehört also Gott und sie gehört mir. Ich habe dann das Gefühl: Ich lebe selbst, anstatt gelebt zu werden. Rituale bringen mich also in Berührung mit mir selbst und sie geben mir das Gefühl, dass ich mein Leben selbst gestalten kann. Für die Griechen vermag nur das Heilige zu heilen. Insofern sind die Rituale immer auch heilsame Rituale. Sie tun der Seele und dem Leib gut. Rituale sind der Weg, den Glauben in den Alltag hineinzubringen und den Alltag aus dem Glauben heraus zu leben. Wir wissen alle theoretisch, dass Gott überall da ist. Aber wir leben nicht aus der Gegenwart Gottes. Rituale erinnern mich daran, dass ich jetzt vor Gott stehe und unter seinem Segen meinen Weg gehe.

Jeder sollte für sich selbst Rituale entwickeln

Rituale geben Anteil an den Wurzeln, an den Wurzeln des Glaubens und an den Wurzeln unserer Vorfahren, die mit diesen Ritualen ihr Leben bewältigt haben. Daniel Hell, ein Schweizer Psychiater und Spezialist für Depressionen, meint, einer der vielen Gründe für die Depressionen sei die Wurzellosigkeit. Es tut uns gut, wenn wir aus den Wurzeln der Glaubenskraft unserer Vorfahren leben.
Es gibt die täglichen Rituale, mit denen wir den Tag beginnen und beenden. Jeder sollte für sich selbst Rituale entwickeln, wie er den Morgen und den Abend gestaltet. Ich möchte nur zwei Rituale vorschlagen. Für den Morgen eignet sich das Segensritual. Ich stehe für mich allein und erhebe die Hände nach oben, die Handflächen nach vorne gerichtet. Es ist eine uralte Segensgebärde, die schon 10.000 Jahre alt ist. Ich stelle mir vor, dass Gottes Segen durch meine Hände zu den Mitgliedern meiner Familie strömt, zu den Kindern und Enkelkindern, zu den Eltern und zum Ehepartner. Ich verbinde den Segen Gottes mit meinen eigenen guten Wünschen. Ich stelle mir vor, wie der Segen Gottes mein Kind oder den kranken Vater einhüllt wie ein schützender Mantel. Und wie der Segen Gottes den Menschen durchdringt, so dass er in Einklang kommt mit sich selbst. Dann kann ich den Segen zu den Menschen senden, mit denen oder für die ich arbeite. Dann werde ich meine Arbeit anders beginnen. Ich werde zu gesegneten Menschen gehen. Das verwandelt meine Beziehung zu ihnen.

Benediktinerpater Anselm Grün hält Rituale vor allem in Krisensituationen für wichtig
Benediktinerpater Anselm Grün hält Rituale vor allem in Krisensituationen für wichtig © Manfred Siebinger - imago

Gott wird alles in Segen verwandeln

Am Abend erlebe ich viele Menschen, die vor lauter Grübeln nicht einschlafen können. Sie sagen: Hätte ich mich doch anders entschieden, wäre ich doch im Gespräch mit meinem Sohn, mit meiner Tochter achtsamer und liebevoller gewesen. Doch der Tag ist vorbei. Den können wir nicht mehr ändern. Aber wir können in einem Ritual den Tag, so wie er war, Gott hinhalten und vertrauen, dass Gott alles, was war, auch das, was nicht optimal gelaufen ist, in Segen verwandelt. Dann können wir den Tag loslassen und uns Gottes guten Händen anvertrauen. Rituale schließen eine Tür und öffnen eine Tür. Sie schließen die Tür der Arbeit und des Tages und öffnen die Tür der Familie und der Nacht.

In Berührung mit mir selbst

Rituale sind vor allem in Krisensituationen wichtig, in Zeiten der Krankheit und der Trauer. Eine Frau, der die Ärzte nur noch sechs Wochen Lebenszeit gegeben haben wegen ihres aggressiven Gehirntumors, nahm jeden Abend ein kleines gesegnetes Kreuz in die Hände und am Morgen, wenn sie aufwachte, hatte sie das Kreuz immer noch in der Hand. Sie hat den Gehirntumor fünf Jahre überlebt. Das schrieb sie ihrem Ritual zu. Rituale haben die Kraft in sich, die Trauer zu verwandeln. In der Trauer fühlen wir oft keinen Boden unter den Füßen. Rituale geben Halt. Sie bringen mich in Berührung mit mir selbst.

Rituale in der Trauer

Gut ist es, zu einem gemeinsamen Erzählritual die Verwandten und Freunde einzuladen. Das Erzählen entlastet. Und es ist gut, dem Verstorbenen einen Brief zu schreiben, in dem man all die ungesagten Worte aufschreibt, die man dem Verstorbenen sagen wollte, aber es versäumt hat. Und dann sollte man einen Brief vom Verstorbenen an sich schreiben. Das schafft eine neue Beziehung. Und das ist ja das Ziel der Trauer, eine neue Beziehung zu sich selbst, zum Verstorbenen und zu Gott aufzubauen.
Es gibt Rituale, die uns vorgegeben sind. Sie geben uns Halt. Aber wir brauchen auch die Freiheit, die Rituale so zu formen, dass sie uns entsprechen. Dann geben sie unserem Leben eine gute Form. Wir drücken in den Ritualen aus, dass alles, was wir tun und erleben, unter dem Segen Gottes steht.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Rituale

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