Klosterleben Im Einklang mit der Natur

09.01.2020

Nachhaltigkeit, Regionalität und Achtsamkeit - Ideale unserer heutigen Zeit werden in Klöstern schon lange ganz selbstverständlich gelebt. Ein Blick hinter die Klostermauern kann auch für das eigene Leben inspirierend sein.

Die Tradition der Kräuterheilkunde ist in den Klöstern nie in Vergessenheit geraten.
Die Tradition der Kräuterheilkunde ist in den Klöstern nie in Vergessenheit geraten. © bilderhexchen – stock.adobe.com

Ein Leben im Einklang mit der Natur ist für die Klöster kein aktueller, modischer Trend, sondern seit Jahrhunderten Lebensgrundlage. Ordensleute strukturierten ihren Alltag seit jeher nach dem Rhythmus der Jahreszeiten. Sie ernährten sich von Obst und Gemüse, das in ihrer jeweiligen Region wachsen und gedeihen konnte, und bauten Kräuter an, die sie in Küche und Apotheke einsetzten. Sie achteten darüber hinaus auf einen ausgewogenen Lebensstil, bei dem Gebet, Arbeit und Kontemplation jeweils im „rechten Maß“ erfolgen sollten, damit sie nicht aus der Balance gerieten.

„Ora et labora“ – „Bete und arbeite“, dieses benediktinische Lebensmotto ist vielleicht so manch einem geläufig. Doch was meint es ganz konkret? In seiner Regel entwarf der Ordensvater Benedikt eine ganz klare Tagesstruktur für die mönchische Gemeinschaft. „Müßiggang ist der Seele Feind. Deshalb sollen die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten Stunden mit heiliger Lesung beschäftigt sein.“ (Regel Benedikt, Kap. 48, 1)

Im Rhythmus der Natur

Sehr detailliert legte er fest, wann, wie häufig und wie lange die Gebetszeiten stattzufinden haben. Und unterschied dabei nicht nur zwischen Werk-, Sonn- und Feiertagen, sondern auch zwischen Sommer- und Winterphasen. Denn in den warmen Monaten arbeiteten viele Mitbrüder auf dem Feld, und die Tage waren länger. In den Wintermonaten mit ihren wenigen Sonnenstunden gingen sie dagegen häufiger kontemplativen Tätigkeiten innerhalb des Klosterareals nach. Benedikt orientierte sich also bei der Festlegung der Gebetszeiten am Rhythmus der Natur.

Ebenso akribisch beschäftigte er sich mit der Festlegung der Mahlzeiten. Im Sommer genehmigte er seinen Mitbrüdern drei Mahlzeiten. Diejenigen, die körperliche Arbeit verrichten mussten, bekamen kräftigere Kost. Im Winter mit seinen kurzen Tagen nahm man dagegen in der Regel nur zwei Mahlzeiten ein. In vielerlei Hinsicht waren Ordensleute Trendsetter. Auch im Hinblick auf die Ernährung. Das, was zahlreiche Diätspezialisten und Ernährungswissenschaftler heute propagieren, empfahl der Ordensgründer Benedikt beispielsweise bereits vor 1.500 Jahren. Er legte in seiner Regel genaue Zeiten für die Mahlzeiten fest. Normalerweise wurde dreimal täglich gegessen. Nach einem leichten Frühstück nahm man die Hauptmahlzeit zur Mittagszeit ein. Zu Abend aß man, bevor es dunkel wurde. Zum einen, um teures Kerzenlicht zu sparen, aber auch, damit sich die Ordensleute nicht mit vollem Magen zu Bett legten und dann schlecht schliefen. Zwischenmahlzeiten waren tabu.

Die Klöster verwendeten für ihre Mahlzeiten das, was ihr Garten und die jeweilige Jahreszeit hergaben. Fleisch gab es in der Regel nur für Kranke, da es nach Meinung der frühen Ordensleute den Körper zu sehr belastete. Dafür war Fisch auf der Speisekarte, und Klöster, die nicht am Meer oder einem Fluss lagen, legten dafür Fischzuchten an.

Im ausgewogenen Maß

Und noch etwas gehört seit jeher zur klösterlichen Ernährung: das Fasten. Auf große kirchliche Feste wie Weihnachten oder Ostern bereiten sich die Ordensleute traditionell mit Fastenphasen vor. Sie tun dies nicht, um lästige Pfunde los zu werden, sondern um geistige Klarheit zu erlangen. Denn das klösterliche Fasten ist gut für Körper, Geist und Seele.

Für uns Menschen des 21. Jahrhunderts mag eine solch engmaschige Struktur einengend erscheinen, aber die Botschaft des heilige Benedikt ist eindeutig und heute aktueller denn je: Alles sollte zur rechten Zeit und in ausgewogenem Maß erfolgen. Wer heute als Gast einige Tage im Kloster verbringt, wird feststellen, dass das Leben dort nach wie vor durch einen klar strukturierten Tagesablauf geprägt ist. Und wer sich diesem Rhythmus anvertraut, merkt sehr bald, dass er eine ungemein heilsame Wirkung hat, weil nichts im Übermaß erfolgt.

Schlichtheit hatte der heilige Benedikt im Sinn, als er sich mit seinen Mitbrüdern zu einer Gemeinschaft zusammenschloss. Ein einfaches, bescheidenes Leben sollte den Klosteralltag prägen. Jeder sollte nur das wirklich Notwendige erhalten: „Man halte sich an das Wort der Schrift: ‚Jedem wurde so viel zugeteilt, wie er nötig hatte.‘“ (Regel Benedikt, Kap. 34, 1) Für die Ordensleute war es wichtig, die Ressourcen zu nutzen, die ihnen vor Ort zur Verfügung standen, sie aber nicht auszubeuten. Es sollten zudem keine weiten Wege zurückgelegt werden. Baumaterialien, Speisen, Viehzucht und die Produkte, die sie in ihren Klöstern herstellten und vermarkteten, waren diesem Prinzip untergeordnet.

Kräuter aus dem Paradiesgarten

Um 820 entwickelte der Mönch Haito aus dem Kloster Reichenau im Bodensee für das befreundete Kloster St. Gallen einen idealen Klosterplan. Dieses Konzept, der inzwischen weltberühmte St. Galler Klosterplan, war maßgebend für die Konstruktion der Klosteranlagen ab dem frühen Mittelalter. Der Gartenbereich war untergliedert in einen Kräuter- (Herbularius), einen Gemüse- (Hortus) und einen Obstbaumgarten (Pomarium) mit genauer Vorgabe der Pflanzen. Arzthaus, Apotheke, Spital und Kräutergarten waren direkt benachbart.

Man pflanzte Kräuter, die in der Region heimisch waren und mit deren Einsatzmöglichkeiten man vertraut war. Nonnen und Mönche entwickelten sich zu Botanikern und medizinischen Fachkräften. Vom achten bis ins späte 13. Jahrhundert wurde Medizin ausschließlich in Klöstern betrieben. Die Tradition der Kräuterheilkunde geriet in den Klöstern nie ganz in Vergessenheit. Die Beschäftigung mit Kräutern ist für die Ordensmenschen immer auch eine spirituelle Tätigkeit. Der Garten ist für sie ein Ort der Schönheit und Stille, sie verwenden hierfür auch manchmal den Begriff „Paradiesgarten“. „Paradies“ kommt aus dem Persischen und bedeutet „umgrenzter Bezirk“.

Achtsam verzichten

Auch wenn Aufgaben und Verpflichtungen im nächsten Jahr weitergehen, bedeutet der Jahresbeginn doch für viele Menschen eine Zäsur. Fast weltweit macht man Pause, hält inne, lässt das alte Jahr noch einmal Revue passieren. Und so manch einer nimmt sich für die nächsten Monate Veränderungen vor. Neues in Angriff zu nehmen bedeutet aber auch, sich von Altem zu trennen – es bedeutet loszulassen. Doch nicht immer liegen die überflüssigen Dinge klar auf der Hand. „Was ist nur belastend und bringt mich nicht weiter. Auf was kann und sollte ich verzichten“, wird sich so mancher fragen.

Eine gute Methode, dies zu ergründen, habe ich für mich selbst in den Schweigephasen entdeckt, die zum Alltag der Klosterleute gehören. Schweigen bedeutet auch, achtsam zu werden – mit sich selbst, mit anderen, mit dem, was die Natur uns schenkt. Darauf zu achten, wo Ressourcen vergeudet werden, wo die Natur durch uns überstrapaziert und ausgebeutet wird. Schweigen birgt auch die Chance zu entdecken, was überflüssig ist. Von welchen Angewohnheiten und vermeintlichen Verpflichtungen man sich trennen kann. (Petra Altmann)


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