Rituale Im Gottesdienst den Alltag unterbrechen

12.08.2019

Der Jesuit Christof Wolf hält ein Ritual dann für gelungen, wenn es nicht in der Form erstarrt ist: Im Gottesdienst gibt es immer gleiche Abläufe, die aber jedes Mal mit Neuem gefüllt werden.

Der Gottesdienst ist ein prägendes Ritual der katholischen Kirche
Der Gottesdienst ist ein prägendes Ritual der katholischen Kirche © Kiderle

Wie lassen sich 33 von der Pause aufgedrehte Schülerinnen und Schüler einigermaßen beruhigen, so dass wir konzentriert arbeiten können? Wer jemals einen Klassenraum in der Pause besucht hat, weiß, dass die mit dem Unterrichtsbeginn dann doch eintretende Stille wie ein kleines Wunder wirkt. Oft hilft dabei schlicht und einfach das Stundenklingeln. Was mich immer gestört hat, war aber nicht der Pausenlärm vor dem Stundenanfang, sondern dass die Religionsstunde oft in Erwartung der Pause mit Unruhe endete. Zu einem besseren Stundenabschluss fanden wir mit einem schlichten Ritual: Eine Minute vor Pausenbeginn haben alle die Augen geschlossen und sind einfach ganz still geworden. Einmal eingeübt konnte das dann nicht einmal die Pausenklingel stören.

Rituale geben Orientierung

Rituale machen das Leben einfacher, geben Orientierung im Alltag, ermöglichen eine gemeinschaftliche Erfahrung. In der Regel ist ein Ritual eine feierliche Handlung wie zum Beispiel ein Gottesdienst. Wir kennen aber auch viele weltliche Rituale, die dem Jahreskalender folgen, wie die Sonnenwendfeier oder auch das morgendliche Weckritual. Und wir kennen ganz viele Bräuche. Die sind oft kulturprägend für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft und Ausdruck einer Tradition.
Im Christentum gestaltet das Brauchtum vor allem unser Kirchenjahr: Adventskranz, Christbaum und Krippe, die Fastnacht, das Oster-Frühstück, die Kirchweihbräuche, das Erntedankfest, die Bräuche zu Allerheiligen und Allerseelen oder auch bei verschiedenen Heiligenfesten wie das Martinssingen oder das Sternsingen am Dreikönigstag. So, wie uns Bräuche das Kirchenjahr sinnlich erfahrbar machen, begleiten uns christliche Rituale in entscheidenden Situationen unseres Lebens, etwa in den Festen zu besonderen Lebensabschnitten und Ereignissen wie Geburt und Taufe, Erstkommunion, Firmung, Trauung, aber auch in der sakramentalen Begleitung bei Krankheit und Sterben.

„Unterbrechung“ im Alltag

Natürlich ist der Gottesdienst ein ganz besonders prägendes Ritual unserer Religion. Der Theologe Johann Baptist Metz hat Religion einmal mit „Unterbrechung“ übersetzt. Der sonntägliche Gottesdienst unterbricht unseren Alltag. Er lädt uns ein, uns wieder bewusst zu werden, dass wir nicht Sklaven der modernen Gesellschaft und somit Konsum- und Arbeitswut-Hörige sind, sondern Kinder Gottes, zu einem Leben in Freiheit Berufene. Wir unterbrechen die Dynamik des bloßen Funktionierens. Und das macht uns deutlich, wer wir sind. Menschen, die ihre Würde, ihr Ansehen nur von Gott her bekommen und nicht durch gesellschaftliche Anerkennung.

Christof Wolf
Christof Wolf © privat

Leibhaftige Begegnung mit Gott

Ein entscheidender Punkt bei einem Ritual ist, dass es im Unterschied zu einer Theatervorstellung kein Publikum gibt. Alle sind Beteiligte, und falls man sich doch nur als Zuschauer fühlt, ist man entweder selber völlig übermüdet oder die Vorsteher des Rituals, die Liturgen, leiten es nicht gut. Im Ritual gibt es keine Überraschungen. Wir kennen die Lieder, die Gebete, wissen, wann wir im Gottesdienst aufstehen, wann wir uns setzen, wann wir antworten, wann wir gemeinsam beten. Das liturgische Ritual ist letztlich ein Dialog und leibhafte Begegnung mit Gott durch den Leib Christi in der Kommunion.
Zwar ist jeder Gottesdienst vom Ablauf her stark formalisiert, aber es gibt viele sich aktualisierende Elemente, etwa die verschiedenen Lesungen des Alten und Neuen Testamentes. Die Verkündigung der Botschaft Jesu, die immer auch eine Brücke zur aktuellen Lebenswelt der Menschen ist und ihnen hilft, ihren Glauben immer wieder zu erneuern und in eine dem jeweiligen Alter angemessene Sprache zu bringen. Wenn sich alle einbringen und als Gemeinschaft feiern, dann ermöglicht der Gottesdienst eine gemeinsame religio?se Erfahrung.

Rituale immer wieder neu beleben

Ein gelungenes Ritual ist nie etwas Erstarrtes, sondern etwas kreativ Lebendiges. Die Treue zum Ritual bewahrt zwar die Form, aber da sich die Mitfeiernden ja ständig verändern, wird das Ritual immer wieder von neuem gefüllt. Und Rituale können auch sprachübergreifend funktionieren. Wer etwa in den Ferien einen Gottesdienst in einer fremden Sprache erlebt, kann da trotz allem „Nichtverstehen“ sehr wohl mitfeiern. Man weiß immer, wo man gerade ist und kann sogar bemerken, dass das Vaterunser beim Beten in vielen Sprachen denselben Rhythmus hat. Wo auch immer auf Erden Christen miteinander Gottesdienst feiern können – da sind sie zu Hause.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Rituale

Das könnte Sie auch interessieren

© Hötzlsperger

Brauchtumspflege Trachtler beten und feiern

Weihbischof Wolfgang Bischof feierte Gottesdienst beim Gaufest des Inngau-Trachtenverbandes, das noch bis zum 21. Juli dauert.

18.07.2019

"Beten ist menschlich" von Ermes Ronchi
© SMB/Gradl

Religiöses Buch Juli "Beten ist menschlich"

Für Ermes Ronchi gehört Beten zum Menschsein dazu. Sehen Sie hier die Videorezension zu seinem Werk, unserem Religiösen Buch des Monats Juli.

21.06.2019

Übung macht den Meister - auch beim Kreuzzeichen
© SMB/sschmid

Zeichen des Glaubens So geht das Kreuzzeichen richtig

Abends mit den Kindern beten: Der Tag war lang und anstrengend. Da wird das Kreuzzeichen schon mal etwas schludrig.

17.06.2019

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren