Monat der Spiritualität Im Heute leben

31.10.2020

Oft hängen wir mit unseren Gedanken in der Vergangenheit fest oder planen für die Zukunft, statt im Hier und Jetzt zu sein. Abt Johannes Eckert plädiert dafür, sich auf das Heute einzulassen.

Vater schiebt Kinder in Schubkarre
Kinder können Vorbilder sein, um im Heute zu leben. © vectorfusionart - stock.adobe.com

An deiner Seite will ich bleiben
Geh’ durch Feuer und alle Zweifel
Mit allen Träumen und all den Sorgen
Heute, morgen und übermorgen
An deiner Seite will ich sein
Uns alle Fehler verzeihen
Mit allen Träumen und all den Sorgen
Heute, morgen und übermorgen

So lautet der Refrain des aktuellen Hits von Mark Forster. Der Text sei eine Liebeserklärung an eine Person, deren Namen er nicht verraten möchte, meinte der Sänger in einem Interview. Mit ihr möchte er in die Zukunft gehen: „Heute, morgen und übermorgen.“ Für mich ist der Text eine Ermutigung, seine Träume zu leben und zwar nicht irgendwann, nicht morgen oder übermorgen, sondern heute damit zu beginnen.

Das ist oft gar nicht so einfach, sind wir es doch gewohnt, Visionen und Pläne für die Zukunft zu entwickeln. Dabei sind wir stets in Gefahr, das Heute, die Gegenwart und ihre Anforderungen aus dem Blick zu verlieren. Ähnlich ergeht es uns, wenn wir durch unsere Traditionen und Gewohnheiten von der Vergangenheit bestimmt sind. So wie es war, soll es bleiben, denken wir uns manchmal in nostalgischer Rückschau und Verklärung der „guten alten Zeit“, die häufig gar nicht so gut war. Auch dadurch können wir uns den Herausforderungen verschließen, die die Gegenwart an uns stellt.

Kinder können Lehrmeister sein

Mich fasziniert es immer wieder, wie es Kindern gelingt, völlig in der Gegenwart zu leben. „Jetzt spiele ich Eisenbahn, jetzt besuchen wir die Oma, jetzt möchte ich ein Eis essen.“ Kindern gelingt es oft spielerisch, das Heute so anzunehmen, wie es ist, bzw. es zu gestalten, wie sie es wollen. Darin sind sie uns Lehrmeister gerade dann, wenn wir von unserem Terminkalender regiert werden.

Von der Wortbedeutung meint heute, abgeleitet von „hiu-tagu“ einfach „an diesem Tag“. Das umschreibt auch das lateinische Wort „hodie“. Es setzt sich zusammen aus „hoc dies“ – dieser Tag. „Das Heute – dieser Tag“ ist uns aufgegeben. Die Gegenwart, der heutige Tag ist die wichtigste aller Zeiten. Wir könnten auch festhalten: Heute ist aktuell. Es stellt uns vor die Herausforderung, das anzunehmen und zu meistern, was der konkrete Tag mit sich bringt.

Die Kirche in der Welt von heute

Das war auch vor gut 50 Jahren das große Anliegen von Papst Johannes XXIII. (1881-1963). Mit dem Schlagwort „Aggiornamento – Verheutigung“ forderte er im Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen eine grundlegende Erneuerung der Kirche. Durch eine konsequente Hinwendung der Gläubigen auf das Heute sollte diese geschehen, wie es der Untertitel der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965) verdeutlicht: „Die Kirche in der Welt von heute“. „Aggiornamento“ meint wortwörtlich aus dem Italienischen übersetzt „auf den Tag bringen“. Das Evangelium soll auf den Tag gebracht werden. Das bedeutet, als Christ im Heute auf die Spurensuche Gottes zugehen, die Zeichen der Zeit zu deuten und diese mit dem Evangelium, der Frohen Botschaft in Kontakt zu bringen.

Wir könnten auch von einem „Update“ sprechen. Weder „die Kirche in der Welt von gestern“ noch „die Kirche in der Welt von morgen“, sondern „die Kirche in der Welt von heute“ ist uns Christen aufgegeben. Das bringt „Gaudium et spes“ geradezu programmatisch ins Wort: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi (GS 1).“ Mit diesem Anspruch des Konzils begeben wir uns bewusst auf die Spur Jesu, der ganz im Heute gelebt hat.

Sich auf die konkrete Zeit einlassen

Das unterstreicht in besondere Weise das Lukasevangelium. An verschiedenen Stellen wird hier vom Heute gesprochen. Manche Zitate sind uns sehr bekannt, etwa: „Heute ist Euch der Heiland geboren!“ Oder: „Heute will ich bei Dir zu Gast sein!“ Oder: „Heute noch wirst Du mit mir im Paradies sein!“ Lukas ist der Evangelist des Heute. Für ihn und seine Gemeinde ist das Evangelium kein Bericht aus längst vergangenen Zeiten. Es verheutigt sich immer wieder neu im Leben der Gläubigen, auch wenn Tod und Auferstehung Jesu schon einige Jahrzehnte zurückliegen. Denn Lukas ist fest davon überzeugt, dass der Auferstandene in seiner Gemeinde lebt und gegenwärtig ist. Zu diesem Glauben will er die Leser aller Zeiten, d.h. auch uns ermutigen.

Das bedeutet für uns, sich auf die konkrete Zeit einzulassen, sich nicht von der Welt abzuwenden, in der wir leben, und sie als schlecht abzutun. In ihr ist der Auferstandene zu suchen und zu finden. Es ist uns aufgetragen, aufzubrechen und hineinzuwandern in unsere gegenwärtige Zeit. Wir sollen uns täglich neu auf den Weg machen im Vertrauen, dass Jesus auch uns auf unseren Wegen begegnet. Immer wieder gilt es, offen zu sein und sich zu fragen: Was will uns Gott heute sagen, in dieser konkreten Situation, in dieser Begegnung? Wo erfahre ich etwa durch die intensive Auseinandersetzung mit einem Menschen, dass Probleme gelöst werden und dadurch der Retter geboren wird? Wo tauchen neue Lebensperspektiven auf, indem sich jemand für andere einsetzt, ihnen unkompliziert hilft, sodass das Paradies aufleuchtet? Oder wie beglückend kann es sein, wenn man zufällig einem alten Freund auf der Straße begegnet, die Zeit für einen Moment stehen bleibt und erfahrbar wird: Heute will ich bei dir zu Gast sein. Bei all dem, was unsere Vergangenheit bestimmt, und bei all dem, was es für die Zukunft zu planen gilt, ist und bleibt es spannend, offen und sensibel im Heute zu leben.

Dabei können wir auf die Spurensuche gehen, in welchen Lebenssituationen uns der Auferstandene zuspricht:

An deiner Seite will ich bleiben
Geh’ durch Feuer und alle Zweifel
Mit allen Träumen und all den Sorgen
Heute, morgen und übermorgen
An deiner Seite will ich sein
Uns alle Fehler verzeihen
Mit allen Träumen und all den Sorgen
Heute, morgen und übermorgen

(Johannes Eckert, Abt der Abtei St. Bonifazin München und Andechs)

Veranstaltung zum Monat der Spiritualität mit Abt Johannes Eckert

Buchvorstellung „Im Heute leben“ und Austausch mit Abt Johannes Eckert via Zoom

Wann & Wo: Montag, 16.11.2020, 19.00 Uhr

Bitte bis 14.11. per E-Mail (spiritualitaet@st-michaelsbund.de) anmelden, der Zoom-Link wird Ihnen dann zugesendet.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Monat der Spiritualität

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