Glaube im Alltag Im Kleinen steckt ganz Großes

16.06.2017

„Wo sollte mein Glaube sich abspielen, wenn nicht in meinem Alltag?“, fragt Franziskaner-Provinzial Cornelius Bohl. Wie das konkret aussieht, erläutert er hier.

Im Kleinen steckt ganz Großes, meint Pater Cornelius Bohl – zum Beispiel im Dasein für alte und kranke Eltern
Im Kleinen steckt ganz Großes, meint Pater Cornelius Bohl – zum Beispiel im Dasein für alte und kranke Eltern © fotolia/Africa Studio

„Glaube im Alltag“ heißt diese Rubrik. Der Titel kann Interesse wecken: Glaube nicht in weltabgewandter Frömmigkeit oder im außergewöhnlichen Event. Kein Glaube für Fachleute und besonders Fromme. Sondern eben Glauben im Alltag, im normalen Leben für normale Christen. Man kann diesen Titel aber auch überflüssig finden: Wo, bitteschön, sollte denn mein Glaube sich abspielen, wenn nicht in meinem Alltag?

Die Heilige Schrift kennt durchaus Gottesoffenbarungen an „heiligen Orten“ und in außergewöhnlichen Situationen. So etwas hat bis heute seinen Reiz. Der Normalfall aber ist das nicht. Elija muss lernen, dass sich Gott nicht in spektakulären Erscheinungen zeigt, in Erdbeben und Sturm, sondern alltäglich in einem leichten Luftzug. Als Gott Mensch wird, geschieht das in diesem Zimmermannssohn so alltäglich, dass es für viele Fromme zu einem Argument gegen ihn wird. Und die Jünger werden im Alltag berufen, beim Fischfang und im Zollbüro.„Eine Krise kann jeder Idiot haben. Was uns zu schaffen macht, ist der Alltag.“ Anton Tschechow hat auch geistlich Recht. Die große Herausforderung ist nicht das erste leidenschaftliche Ja, sondern die Bereitschaft, eine Beziehung ein Leben lang durchzutragen.

Cornelius Bohl ist Provinizialminister der Deutschen Franziskanerprovinz
Cornelius Bohl ist Provinizialminister der Deutschen Franziskanerprovinz © privat

Im Alltag gedeihen große Tugenden

Beruflich jenseits der 50 nicht einfach alles laufen lassen, Verantwortung für Kinder übernehmen, für alte und kranke Eltern über Jahre da sein, in einer Gemeinde oder geistlichen Gemeinschaft im nervigen Kleinkram des Zusammenlebens nicht zynisch werden, bei immer neuen Widerständen im Engagement für eine gute Sache nicht nachlassen, im Älterwerden zwischen Gewohnheit und Enttäuschung wach bleiben für den Anruf Gottes – in diesem Kleinklein zeigt sich die Größe eines Menschen. Wie gehe ich mit Enttäuschung um, mit Schuld, Krankheit, Tod – diese großen Fragen stellen sich gerade im Alltag. Und in diesem Alltag gedeihen große Tugenden: Treue, Geduld, Hoffnung, Ehrlichkeit.

Glaube im Alltag ist nicht nur ein Appell, sondern vor allem ein verlockendes Versprechen: Im Kleinen steckt ganz Großes! Das Normale birgt das Besondere. Was vielen Menschen langweilig und flach erscheint, hat atemberaubende Tiefenschichten. Von außen mag der Alltag grau erscheinen – innen trägt er goldenen Glanz. In zerbrechlichen Gefäßen steckt der Schatz Christi. Was vorhersehbar und langweilig scheint, wird plötzlich überraschend und spannend. Statt mich zu ermüden, macht der Alltag dann Lust, denn das Profane bekommt unerwartet eine sakramentale Dimension: Ich muss Gott nicht in meinen Alltag hineintragen – er ist schon da! Glaube im Alltag, das ist die Erfahrung des müden Jakob irgendwo am Wegrand: „Wirklich, der Herr ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht.“ (Cornelius Bohl ofm)


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