Die Taliban in Afghanistan „Im Kopf bin ich gerade völlig kaputt“

18.08.2021

Die radikal-islamistische Bewegung Taliban hat in Afghanistan gewaltsam die Macht übernommen. Die Menschen vor Ort fürchten um ihr Leben. mk online hat mit dem gebürtigen Afghanen Rohullah Yosufzai-Frenzel gesprochen, der Kabul noch vor wenigen Tagen besucht hat.

Rohullah Yosufzai-Frenzel am flughafen von Kabul
Rohullah Yosufzai-Frenzel vor seinem Abflug am Flughafen in Kabul. Wenige Tage bevor tausende Menschen versuchten, zu fliehen. © Rohullah Yosufzai-Frenzel

mk-online: Menschen-Massen drängen sich um ein Flugzeug. Alle versuchen, irgendwie in einen Flieger zu gelangen. Sie wollen aus Afghanistan fliehen - das ist nur ein Bild von vielen, die gerade um die Welt gehen. Die Lage in Afghanistan hat sich zugespitzt. Herr Yosufzai-Frenzel, Sie waren vergangene Woche erst in Kabul vor Ort, bevor Sie mehr dazu berichten, wie geht es Ihnen denn jetzt überhaupt?

Rohullah Yosufzai-Frenzel: Ich denke jeden Tag darüber nach und verfolge regelmäßig die Nachrichten. Im Kopf bin ich gerade völlig kaputt. Ich versuche die Situation zu vergessen, das geht aber natürlich nicht, denn es ist meine Heimat und ich bin dort geboren. Afghanistan ist das wohl ärmste Land gerade, das ist für mich schwierig mit anzusehen, sehr schwierig.

Letzte Woche waren Sie in Afghanistan auf Heimatbesuch. Zu diesem Zeitpunkt waren die Taliban schon im ganzen Land, was war Ihr Eindruck von der Lage?

Yosufzai-Frenzel: Es herrscht Ausnahmezustand dort. An einem Tag sind auch zwei Bomben explodiert, eine halbe Stunde davor war ich noch an dem Platz. Ich hatte Glück. Die Leute sind verrückt geworden, jeder ist mit einer Waffe unterwegs, hat Angst und möchte fliehen. Am Flughafen habe ich gesehen, wie tausende Menschen versuchen, auszureisen. Die Taliban hat die Regierung unter Kontrolle, denn die Amerikaner und die Nato sind gegangen und auch der Präsident hat das Land verlassen.

Sie selbst haben 2013 deshalb das Land verlassen. Viele Afghanen sind den Taliban völlig ausgeliefert. Wie sieht denn der Alltag für die Menschen vor Ort aus?

Yosufzai-Frenzel: Viele Familien sind in andere Städte geflüchtet. Man sieht sie auf den Straßen schlafen, die meisten haben kein Essen und nicht einmal eine Decke zum Schlafen. Die Geschäfte und Banken haben auch geschlossen aktuell. Wo eigentlich bis zu fünf Stunden Stau auf den Straßen ist, ist jetzt alles frei, jeder ist zu Hause und versucht, sich zu schützen. Die Taliban stehen mit Panzern und Waffen auf der Straße. Es gibt auch kaum Hilfe von unseren Soldaten, denn auch die sind auf der Flucht aus Angst um ihr Leben.

Sie sind Muslim, haben Sie mir im Vorgespräch erzählt. Die Taliban wollen in Afghanistan eine „wahre islamische Herrschaft“ im Sinne des Scharia- Rechts aufbauen. Das würde zum Beispiel die Rechte von Frauen enorm einschränken. Wie stehen Sie dazu?

Yosufzai-Frenzel: Ich teile diese Haltungen nicht, in der Religion steht nicht, dass Frauen zum Beispiel nicht lernen dürfen. Ich finde, Frauen müssen die gleiche Rechte haben wie Männer. Die Taliban aber haben ihre eigenen Regeln, es wird unter ihnen auch keine Meinungsfreiheit geben. Mir hat heute ein Freund am Telefon gesagt, dass keiner etwas gegen die Taliban sagen kann, denn diese kontrollieren alles und töten die Menschen sonst einfach. 

Nach dem Einmarsch in die Hauptstadt Kabul und der Flucht des Präsident Ghani besetzen die Taliban auch den Präsidentenpalast. Wie blicken Sie in die Zukunft?

Yosufzai-Frenzel: Unter den Taliban gibt es keine Zukunft in diesem Land. Die Menschen können den Taliban auch nicht vergessen, was sie anrichten. Ich selbst kann ihnen nicht vergessen, dass sie meinen Vater, Onkel und Freunde vor Jahren umgebracht haben. Keiner möchte diese Regierung, das ist eine ausländische Regierung mit eigenen Regeln und Flagge im eigenen Land. Ich kann es nicht fassen. Das soll keiner so hinnehmen, denn sonst gibt es irgendwann Afghanistan so nicht mehr. 

Wie meinen Sie Ihren letzten Punkt genau?

Yosufzai-Frenzel: Die Taliban will Afghanistan zum „Islamischen Emirat Afghanistan“ machen. Ich habe Bedenken, dass sie Teile von dem heutigen Afghanistan an andere Länder wie zum Beispiel Pakistan verkaufen und dass meine Heimat irgendwann einfach auf der Landkarte verschwindet (Das Interview führte Anna Parschan, Radioredakteurin)


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