Seelsorge in der Klinik Im Mittelpunkt steht der Mensch

05.11.2020

Seit 25 Jahren ist Hubert Gallenberger Seelsorger im Trostberger Krankenhaus. Einer mit viel Gespür für die Menschen, die er begleitet. Er erzählt aus seinem Alltag, den es so konkret gar nicht gibt.

Hubert Gallenberger, Seelsorger im Krankenhaus Trostberg
Hubert Gallenberger ist Seelsorger im Trostberger Krankenhaus. Seit über 25 Jahren geht er seiner Aufgabe nach - mit viel Leidenschaft. © SMB/Wastlhuber

Trostberg – Die Sonne blitzt durch das Mosaik hinter dem Altar. Sie taucht die Kapelle in blaues, weißes und rotes Licht. Dezent, aber durchdringend. Voll, aber gebrochen. Genau deshalb mag Hubert Gallenberger das Fenster so gerne. Das Bruchstückhafte, sagt er, zeige das Leben. Oft kommt er in die Kapelle für seine persönlichen Momente der Stille. Die braucht er auch, um Abstand zu gewinnen von den Schicksalen und Krisen, denen er täglich begegnet.

Die Würde der Kranken wahren

Als „Katholischer Krankenhausseelsorger Hubert Gallenberger, Kliniken SOB“ identifiziert sein Namensschild den aufgeschlossenen Mann mit den zerzausten Haaren und den wachen Augen. Er ist Pastoralreferent und -psychologe. Ausschlaggebend für den Wunsch, in der Krankenseelsorge tätig zu sein, war sein Zivildienst als Krankenpflegehelfer. Seit über 25 Jahren ist er nun schon Seelsorger im Trostberger Krankenhaus.

Seine Hauptaufgabe ist es, Menschen zu begleiten, die mit Krankheit konfrontiert sind. Krankheit stelle einen Einschnitt dar, rufe Verunsicherung und physische wie psychische Umbrüche hervor. „Der Mensch, der hier in die Klinik kommt ist immer in einer Krise“, ist Hubert Gallenberger überzeugt.  In dieser Situation ist er Begleiter. Das heißt für ihn konkret: den Menschen sehr bewusst wahrnehmen, „wie er da ist und sich fühlt“, ihn hören und aufnehmen, „damit er merkt, er kommt an“ und spürbar machen, dass er auch mit Angst und Trauer ernst genommen werde. Ziel sei, einen Raum zu schaffen, in dem der Kranke Gefühle und Ängste ausleben und selbst bestehen kann. Dem Seelsorger ist dabei stets wichtig, den Menschen in seiner Ganzheit wahrzunehmen. Und: dessen Autonomie und Wert zu bewahren. Ein Kranker brauche - so Gallenberger - vor allem eines: Würdigung.

Immer auf Abruf

Die Frage nach dem „typischen Arbeitstag eines Krankenhausseelsorgers“ findet der gebürtige Münchner „ein bisserl schwierig“ zu beantworten, weil jeder Seelsorgende eigene Gestaltungsformen habe. Gallenberger selbst begleitet jeden Tag Kranke, die den Wunsch nach Seelsorge äußern. Außerdem wird er von den Ärzten zu Patienten gerufen. In den 30 Wochenstunden in der Trostberger Klinik hat der Pastoralreferent immer ein Ruftelefon bei sich. Und auch außerhalb seiner Rahmendienstzeit ist er rufbereit, um in dramatischen Situationen zu kommen. Es ist somit Teil seiner Alltäglichkeit, in Notsituationen sofort greifbar zu sein. Oft sind es Schwerkranke, zu denen er geholt werde, schildert er. Das Personal wisse, dass es ihm ein Anliegen ist, Menschen im Sterben und der Vorbereitung darauf zu begleiten.

Die Erzdiözese München und Freising bietet verschiedene Angebote und Informationen zur Krankenpastoral an. Auf der Seite ist unter anderem eine Übersicht über alle Krankenhausseelsorgenden und ihre Einsatzorte im Erzbistum zu finden.

Das Sakrament der Krankensalbung empfindet der Seelsorger als Zeichen der Stärkung, der Wertschätzung und der Gegenwart Gottes. Für die Spendung der Krankensalbung legt ein Einsatzplan fest, welcher Priester aus der Umgebung kommen kann. Gallenberger hält viel von dem Sakrament, kann es als Pastoralreferent aber selbst nicht spenden. Es ist für ihn eine „Leiderfahrung“, auch nach teils wochenlanger Begleitung nicht mit der Salbung eines Kranken beauftragt werden zu können. Was er anbietet, ist ein Krankensegen. Und den damit einhergehenden Zuspruch, dass Gott nahe ist.

Neben der persönlichen Begleitung findet die Krankenhausseelsorge auch in Form von Gottesdiensten und Andachten in der Kapelle statt. Gallenberger ist zwar katholischer Seelsorger, die Konfession der Patienten spielt aber keine große Rolle: „Ich als hauptamtlicher Seelsorger gehe grundsätzlich zu jedem, unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit. Ich mache keinen Unterschied, weil es mir um den Menschen geht.“. Er ist überzeugt, auf die Bedürfnisse aller Gläubigen eingehen zu können. Dennoch ist es möglich, Seelsorgende anderer Konfessionen zu vermitteln.

Ansprechpartner für Angehörige und Personal

„Seelsorge ist Beziehungsgeschehen“, das sagt der gebürtige Münchner deutlich. So dürfen auch die Bezugspersonen eines Kranken mit ihren Anliegen zum ihm kommen: Angehörige sind betroffen bei der Frage, was mit dem Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt passiert. Die Familie muss Entscheidungen treffen, wenn ihr Angehöriger austherapiert ist, muss Wege der Trauer finden, Abschied nehmen. Hier bezeichnet sich Gallenberger als „Trauerbegleiter und Begleiter in Übergängen“. Und manchmal bleibe der Kontakt sogar über das Krankenhaus hinaus bestehen.

Die ärztliche Begleitung im Krankenhaus ist ebenfalls Ort von Beziehungen. Für Gallenberger ist das Personal nicht nur Funktionsträger: Weil schwere Schicksale bei Pflegern und Ärzten etwas bewirken, betreut er auch sie. Wie wichtig das ist, wurde und wird in der Pandemie spürbar. „Wenn nicht in einer Woche vier bis fünf Menschen sterben, sondern an einem Tag, macht das was mit dem Personal“, erklärt der erfahrene Seelsorger. Da brauche es Raum, „aufzumachen, rauszulassen, miteinander zu schweigen, Tränen weinen zu dürfen, zu merken, wir kommen an unsere Grenzen“.

Die eigene Endlichkeit

„Krankheit macht mit allen was“, sagt Gallenberger. Auch mit ihm. Ihn berühren viele Schicksale, emotional wie körperlich, besonders bei der Begleitung Sterbender. Er muss sich oft mit seiner Endlichkeit auseinandersetzen. Und er muss die eigene Ohnmacht aushalten, „manchmal einfach nichts machen zu können“. Als Ausgleich schafft er sich Momente der Stille, der Bewegung und der Musik. Wie vor Arbeitsbeginn in der Kapelle, beim Langstreckenlaufen oder beim Schlagzeugspielen. Die Seelsorgetätigkeit habe ihn hellhöriger für seine Lebenssignale gemacht, findet Gallenberger. Außerdem komme er heute mehr an seine Gefühle hin: „Ich merke sehr wohl, dass ich Angst habe vor dem Sterben.“

Plötzlich klingelt sein Ruftelefon. „Da Hubert“ meldet er sich und wartet auf die Antwort. Es geht um einen Intensivpatienten, sein Zustand hat sich verschlechtert. Hubert Gallenberger begleitet ihn seit einigen Tagen und soll jetzt mit den Angehörigen das weitere Vorgehen besprechen. „Also die Krankensegnung“, wiederholt er, mit zerzausten Haaren und noch wacheren Augen. „Ja, i kum dann. Bis später“, sagt er und legt auf. (Hannah Wastlhuber, Volontärin beim Sankt Michaelsbund)

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