Thema Missbrauch bestimmt Bischofstreffen "Im Schatten von Köln liegen erfolgreiche Aufklärungsvorgänge"

25.02.2021

Nach "intensiven Gesprächen", so Bischof Bätzing, ist die erstmals als Online-Konferenz abgehaltene Frühjahresvollversammlung der katholischen Bischöfe zu Ende gegangen. Im Mittelpunkt stand erneut die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals.

Bischof Georg Bätzing bei der Abschluss-Pressekonferenz zur erstmals als Online-Konferenz abgehaltenen Frühjahresvollversammlung der katholischen Bischöfe
Bischof Georg Bätzing bei der Abschluss-Pressekonferenz der Frühjahresvollversammlung der katholischen Bischöfe © Sascha Steinbach/epa pool

Bonn/München - Es ist ein Kampf gegen alte Fehler, gegen ein fatales Bild, das die öffentliche Meinung zeichnet, und gegen die Gefahr, die wirklich Betroffenen aus dem Blick zu verlieren: Das Thema sexueller Missbrauch im Bereich der katholischen Kirche hatte die katholischen Oberhirten auch bei ihrer digitalen Vollversammlung fest im Griff.

Zum Abschluss der Beratungen präsentierte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, in einer Video-Pressekonferenz die Ergebnisse. Seine Botschaft: Die Oberhirten seien mit allen Kräften dabei, die Selbstverpflichtungen, die sie nach der Präsentation der groß angelegten Missbrauchsstudie 2018 (MHG-Studie) eingegangen seien, umzusetzen. Es gehe der Kirche vor allem darum, Betroffene und externe Fachleute stärker zu beteiligen. Zugleich räumte Bischof Bätzing ein, dass dies nicht in allen Diözesen mit dem gleichen Tempo geschehe.

Materielle Anerkennung

Auf Ebene der Bischofskonferenz hat aber immerhin die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen (UKA) seit dem 1. Januar dieses Jahres ihre Arbeit aufnehmen können. Sie soll dafür sorgen, dass die „materielle Anerkennung des Leids“ Betroffener nach einem transparenten, einheitlichen und unabhängigen Verfahren abläuft. Bischof Bätzing sagte, er sei dankbar für die Arbeit der Kommission und habe den Eindruck, dass die von Missbrauch Betroffenen das Angebot wahrnähmen.

Natürlich kam Bischof Bätzing auch nicht umhin, auf die Aufarbeitung früherer Fälle sexuellen Missbrauchs durch Geistliche im Erzbistum Köln einzugehen, die viele Medien, aber auch Gläubige aktuell von einem erneuten „Skandal“ sprechen lässt. Ein erstes Aufarbeitungs-Gutachten hatte Kardinal Rainer Maria Woelki nicht veröffentlichen lassen, weil er es für fehlerhaft und nicht rechtssicher hielt. Zugleich kündigte er ein zweites Gutachten an, das der Öffentlichkeit am 18. März vorgestellt werden soll. Kritiker werfen ihm dennoch mangelnden Aufklärungswillen und schlechte Kommunikation vor.

"Desaster" für Kirche

Der Konferenzvorsitzende Bischof Bätzing räumte erneut ein, dass die Situation ein „Desaster“ für die Kirche sei und er Kardinal Woelki mehrfach zu einer Veröffentlichung des ersten Gutachtens geraten habe. Dennoch glaube er weiterhin an den Aufklärungswillen des Kölner Erzbischofs. Zudem sei es zu „kurzschlüssig“, allein den Fokus auf Woelki zu richten. „Alle Bischöfe tragen Verantwortung für die Lage und wir alle müssen uns der Kritik stellen.“ Im „Schatten von Köln“ lägen erfolgreiche Aufklärungsvorgänge, betonte Bischof Bätzing.

Dennoch haben aufgrund der Situation in Köln erneut viele Gläubige die Kirche verlassen. Bereits 2019 musste die katholische Kirche ein trauriges „Rekordjahr“ mit über 270.000 Austritten hinnehmen. Die Bischöfe widmeten auf ihrer Konferenz deshalb einen ganzen Studientag dem Thema „Erfahrungen mit Kirchenaustritt und Kirchenverbleib“. Bei vielen Ausgetretenen stehe der Entschluss zum Verlassen der Kirche am Ende eines langen Weges der Distanzierung, erklärte Bischof Bätzing. Deshalb sei auch klar, dass es keine „Patentrezepte“ gegen Kirchenaustritte gebe. Ein Ansatz könne aber sein, innovative Projekte in der Pastoral stärker in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit und der Kirche selbst zu verankern. Die Kirche müsse den Blick weiten auf Menschen, die sich in der klassischen Pfarrgemeinde nicht mehr beheimatet fühlten und doch noch etwas von ihrer Kirche erwarteten. Zudem müsste den Seelsorgern in den Gemeinden Kreativität und Offenheit ermöglicht werden, „ohne gleich zu wissen, was dabei herauskommt“. Nur so würden neue Wege des Kircheseins entstehen, betonte der Limburger Bischof.

"Auf gute Weise gestritten"

Beim Reformdialog Synodaler Weg sieht Bischof Bätzing Fortschritte, warnte aber zugleich vor zu großem öffentlichem Druck. Auf der Vollversammlung diskutierten die Bischöfe laut Bischof Bätzing vor allem über die Rolle der Frau und den Umgang mit Homosexualität. Nach seinem Eindruck ist bei der von den Bischöfen und katholischen Laienvertretern 2019 gestarteten Initiative "auf gute Weise gestritten" worden.

Die Bischöfe nahmen auch gesellschaftspolitische Themen in den Blick. Sie kritisierten die EU scharf. In Bosnien-Herzegowina und Griechenland harrten Flüchtlinge unter erbärmlichen Bedingungen in Lagern aus. "Vor unserer Haustür geschieht Menschenverachtendes", sagte Bischof Bätzing. "Die mangelnde Solidarität unter den EU-Mitgliedstaaten und eine bewusste Politik der Abschreckung haben zu dieser Situation entscheidend beigetragen. Damit muss Schluss sein.“

Ablehnung von Suizidbeihilfe

Erneut bekräftigte die Konferenz ihre ablehnende Haltung gegenüber jeder Form der Suizidbeihilfe. "Wir können uns nicht damit abfinden, dass dies ein Angebot in unserer Gesellschaft wird", stellte der Limburger Bischof klar. Stattdessen forderte er von der Politik, die Palliativarbeit stärker auszubauen. Auch die Kirche wolle die Begleitung von alten und kranken Menschen in der letzten Lebensphase verbessern, versicherte er zum Abschluss der Frühjahrsvollversammlung, die im nächsten Jahr in Vierzehnheiligen im Erzbistum Bamberg stattfinden soll. (ksc/kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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