Waldbaden im Selbstversuch Im Tutzinger Wald zur Ruhe kommen

28.05.2019

"Shinrin Yoku" - ein Trend aus Japan kommt zu uns nach Deutschland. Das könnte man frei mit "Waldbaden" übersetzen und bedeutet, mit Achtsamkeitsübungen ein paar Stunden im Wald zu verbringen. Ein Selbstversuch in einem Forst des Erzbistums.

Zur Ruhe kommen im Tutzinger Wald.
Zur Ruhe kommen im Tutzinger Wald. © SMB/Fleischmann

Tutzing – Ein bisschen matschig ist noch alles vom Regen der vergangenen Tage, aber sonst ist das Klima perfekt, für das, was ich heute vorhabe: Ich möchte zwei Stunden bewusst mit Übungen Waldbaden. Das kommt aus Japan, heißt dort „Shinrin Yoku“ und ist seit den 1980er Jahren als Therapie anerkannt. Den Wald ganz bewusst zu erleben, soll gegen Stress, Burn-out, Bluthochdruck oder Depressionen helfen. Dazu fahre ich nach Tutzing und treffe mich mit Bernhard Vollmar von der Forstabteilung des Erzbischöflichen Ordinariats. Er hat mir ein besonders schönes Stück Wald ausgesucht und ist selbst qua Beruf ständig im Wald.

Der Klang des Waldes

Am Anfang lege ich mich auf einer Anhöhe auf eine Decke und lausche für ein paar Minuten den Klängen des Waldes: Zirpen, Rascheln, das Brechen kleiner Äste. Je länger ich zuhöre, desto mehr höre ich. Danach konzentriere ich mich auf mein direktes Umfeld und betrachte längere Zeit den Waldboden. Mir ist noch nie aufgefallen, wie viele Insekten in einer Minute darüber huschen. Der angenehmste Eindruck ist für mich allerdings, den Wald zu riechen. Eine Melange aus modrig-sumpfigem Waldboden und süßem Harz der Bäume dringt in meine Nase. Alles schon mal sehr angenehme Eindrücke. Weiter geht’s.

Audio

Waldbaden - die Radio Reportage
Bernhard Vollmar, Leiter der Forstabteilung des Erzbischöflichen Ordinariats, kann dem Waldbaden Einiges abgewinnen.
Bernhard Vollmar, Leiter der Forstabteilung des Erzbischöflichen Ordinariats, kann dem Waldbaden Einiges abgewinnen. © SMB/Fleischmann

Natürliches Kneipp-Becken

Gleich unter der Anhöhe fließt ein Bach durch den Wald, den ich für meine zweite Übung benötige. Ich ziehe die Schuhe aus und wate ein paar Meter durch das Wasser. Das hat was von einem Kneipp-Becken: eiskalt, mit vom Wasser geschliffenen Steinen als Untergrund. Ich bin sofort hellwach und sehe, wie ein Specht nur zwei Meter neben mir in seine Baumhöhle fliegt, um seine Küken zu füttern.

Dann wird’s langweilig. Ich weiß nicht, wie lange ich schon im Wald bade. Ich schätze eine Stunde. Das ganze bewusste Wahrnehmen ist schon toll, aber strengt auch an. Anders als beim Wandern oder Spazierengehen habe ich beim Waldbaden kein Ziel. Ich schlendere von einem Waldweg zum anderen und klettere von einer Anhöhe auf die nächste, bis ich vom ganzen Hören, Sehen, Einatmen genervt bin.

Bewusst durch den Waldbach stapfen.
Bewusst durch den Waldbach stapfen. © SMB/Fleischmann

Kiefernzapfen, Ahorn und der Waldboden

Ich beschließe, wieder zum Bach zu laufen und dessen Lauf zu folgen. Wenige hundert Meter später biegt er sich und hat eine Kiesbank geschaffen. Ich setze mich auf die Bank und mache wieder Achtsamkeitsübungen, mit dem Effekt, dass ich fast einschlafe. Das sanfte Plätschern des Wassers und das Schwirren einiger Mücken haben eine nahezu hypnotische Wirkung auf mich. Es folgt meine letzte Übung, nämlich verschiedene Dinge bewusst zu berühren. Ich sammle ein Ahornblatt, einen Kiefernzapfen und eine Hand voll Waldboden und lege das vor mich auf die Sandbank. Das Anfassen und Beobachten hat was. Ich sehe kleine Larven auf dem Waldboden und eine Raupe, die sich über das Ahornblatt hermacht.

Dann gehe ich zum Auto zurück. Als ich auf mein Handy schaue, sind sage und schreibe zwei Stunden vergangen – sie kamen mir kürzer vor. Mein Fazit des Waldbadens: Ja, es funktioniert. Ich bin wirklich deutlich entspannter danach. Aber es kommt auf den Wald an. Wenn ich den Bach nicht gehabt hätte, wäre ich wohl nicht so lange geblieben. Und ich glaube, dass man Waldbaden trainieren muss. Ich will’s aber auf jeden Fall nochmals ausprobieren.

Der Autor
Lukas Fleischman
Radio-Redaktion
l.fleischmann@st-michaelsbund.de


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