Vor 20 Jahren starb Mutter Teresa Immer noch ein Vorbild für die Jugend

04.09.2017

Am 5. September jährt sich der Todestag des „Engels der Armen“ zum 20. Mal. Mutter Teresa hat damals ihr möbliertes Kloster verlassen, um den Menschen in den Slums zu helfen. Was sie dazu bewegt hat, lesen Sie hier.

Sie kümmerte sich um die Ärmsten der Armen. Vor einem Jahr wurde Mutter Teresa deshalb heilig- gesprochen.
Sie kümmerte sich um die Ärmsten der Armen. Vor einem Jahr wurde Mutter Teresa deshalb heiliggesprochen. © imago

Mutter Teresa ist ein großes Vorbild für die Jugend. Jeder vierte der 14- bis 29-Jährigen nannte die voriges Jahr heiliggesprochene Ordensfrau aus Kalkutta bei einer Umfrage als Leitbild. Am 5. September jährt sich der Todestag des „Engels der Armen“ zum 20. Mal. In einem gutbürgerlichen Elternhaus kam Agnes Gonxha Bojaxhiu, wie sie mit bürgerlichem Namen hieß, am 26. August 1910 im damals türkischen, später jugoslawischen Skopje zur Welt – ein hübsches, musikbegabtes Mädchen mit träumerischen Augen. Sie trat bei den „Englischen Fräulein“ ein, unterrichtete an der St. Mary’s High School in Kalkutta als Schwester Teresa Erdkunde – und entdeckte die Slums hinter den Mauern des Collegebezirks.

Alles aufgeben und Christus in die Slums folgen

Schwester Teresa nahm ein paar Schülerinnen mit, bewaffnete sich mit Jod und Verbandszeug, durchstreifte den Slum, entdeckte die Armen, half, wo sie nur konnte – und hatte ein schlechtes Gewissen, wenn sie in ihr schön möbliertes Kloster zurückkehrte. Mit 36 Jahren fasste sie 1946 den Entschluss, noch einmal „auszusteigen“: „Ich musste das Kloster verlassen und den Armen helfen, indem ich unter ihnen lebte. Ich hörte den Ruf, alles aufzugeben und Christus in die Slums zu folgen, um ihm unter den Ärmsten der Armen zu dienen.“

In einem Elendsviertel von Kalkutta mietete sie eine Hütte, suchte sich ein paar Kinder zusammen und brachte ihnen das Alphabet bei. Sie zeigte den Kleinen, wie man sich wäscht. Sie ging betteln, um halbverhungerten Familien Essen bringen zu können. Sie pflegte Kranke, besuchte die Spitäler.

Neuer Orden "Missionarinnen der Liebe"

Vielleicht hätte Teresa nicht durchgehalten – wären da nicht die jungen Mädchen gewesen, die sich ihr anschlossen und gegen die Not kämpften, die ihnen von jeder Straßenecke entgegenschrie. Die meisten waren ehemalige Schülerinnen Teresas aus der High School. Sie zogen den weißen Sari an, und 1950 wurde der neue Orden der „Missionaries of Charity“ („Missionarinnen der Liebe“) gegründet. Inzwischen gehören ihm auch Europäerinnen, Amerikanerinnen und Afrikanerinnen an. Sie lernen grundsätzlich einen Beruf, manche studieren Medizin oder Jura – das alles, um den Armen besser helfen zu können.

Wo kam die Energie dieser kleinwüchsigen, hageren, immer ein wenig gebeugt gehenden Frau her? Sie sprach leise, ohne Pathos, einfach wie eine alte Bäuerin über das Beten, die Armut und den guten Gott, aber auch in Universitäten und Kongresszentren war ihr gebannte Aufmerksamkeit sicher. Ihre Gesprächspartner verblüffte sie durch Schlagfertigkeit. Einem amerikanischen Journalisten, der sie beim Versorgen einer brandigen, stinkenden Wunde beobachtete und erschrocken gestand: „Nicht für eine Million Dollar würde ich das tun!“, erwiderte sie lachend: „Ich auch nicht!“ – Sie tat es für Gott.

Geplagt von Glaubenszweifeln

Zu ihm hatte Mutter Teresa eine Beziehung wie ein Kind zu seinem Vater. Sie fand ihn nicht in philosophischen Weltmodellen oder mystischen Erlebnissen, sondern hautnah in jedem Menschen, der ihr über den Weg lief. Das war wohl ihr Geheimnis. Ihre Liebe zu den Armen, Kraftlosen, Kaputtgemachten war nur die andere Seite ihrer Beziehung zu Gott. Jeder Tag in ihren Niederlassungen begann mit der Messe, und sie erläuterte, was da geschah: „In der heiligen Kommunion haben wir Christus in der Gestalt von Brot. In unserer Arbeit finden wir ihn in der Gestalt von Fleisch und Blut. Es ist derselbe Christus.“

Man weiß inzwischen, dass Mutter Teresa Glaubenszweifel, Gottesferne und quälende Depressionen kannte. „In meinem Herzen gibt es keinen Glauben, keine Liebe, kein Vertrauen“, notierte sie einmal voller Schmerz. Aber sie ließ sich ihre verrückte, verwegene Leidenschaft für einen oft genug schweigenden Gott nicht austreiben – ebenso wenig den Blick für die Gegenwart dieses Gottes in den Hungernden und Sterbenden. In Betlehem sei Gott ein hilfsbedürftiger, zerbrechlicher Mensch geworden: „Gott nahm einen kleinen Leib an, einen so kleinen Leib!“

"Wahre Liebe muss weh tun"

Schöne Predigten und ein bisschen Mildtätigkeit nützen denen wenig, die beim gesellschaftlichen Verteilungskampf um Job, Geld und Lebensraum auf der Strecke geblieben sind. Deshalb ließ Mutter Teresa nie einen Zweifel daran, dass die Liebe ein hartes Geschäft ist. „Wir müssen geben, bis es wehtut“, pflegte sie zu sagen. „Wahre Liebe muss weh tun!“ Geschäftsleuten, die bei einem Bankett für sie gesammelt hatten, gab sie den skeptischen Rat: „Ich hoffe, Sie geben nicht nur aus dem Überfluss heraus. Sie müssen etwas geben, das Sie etwas kostet.“

Natürlich gibt es auch Kritik: Hat Teresa mit ihren freundlichen Schwestern nicht den Verursachern sozialen Elends einen gefährlichen Dienst geleistet? Wäre es nicht wichtiger gewesen, todbringende Machtstrukturen und die ungleiche Verteilung der Güter zu bekämpfen, statt Sterbenden die Hand zu halten? Das mag richtig sein. Ob aber jene, die den Weg aus der sozialen Misere so genau kennen, auch fähig wären, einen von Würmern zerfressenen Patienten anzufassen und so das gestörte Verhältnis zwischen Menschen zu verändern? Nur wer das Elend teile, könne die Elenden befreien, behauptete Teresa eigensinnig. Und indem die Ordensschwestern ihre manchmal geschmähte Soforthilfe leisteten, würden viele Menschen angeregt, sich um den anderen Teil zu kümmern: die Veränderung ungerechter Strukturen. (Christian Feldmann. Der Autor ist freier Journalist, Rundfunkautor und Theologe)


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