Pastoral in der Pandemie Impfung gegen Corona und Einsamkeit

16.03.2021

Die Impfkampagne hilft in Altenheimen und Krankenhäusern nicht nur körperliches, sondern auch viel seelisches Leid zu mindern. Zwei Seelsorgerinnen berichten.

Seelsorger haben in der Pandemie einen festen Platz in Altenheimen und Krankenhäusern. © Imago/MiS

München – Zwei Tage lang plagten Karin Lindermayr Kopfweh und Gliederschmerzen. Die Nebenwirkungen ihrer Coronaimpfung hat sie deutlich gespürt. Beschwerden, die die Altenheimseelsorgerin aber gerne in Kauf nimmt. Sie arbeitet in zwei nichtkirchlichen Häusern im Landkreis München. In einem davon gab es zwischen Dezember und Februar 25 Todesfälle, mehr als doppelt so viele wie sonst in einem Vierteljahr.

„Eine Pflegekraft hat mir gesagt, dass sie kündigen will, weil sie keine Särge mehr sehen kann.“ Und die Senioren in den beiden Heimen hätten sich Gedanken gemacht „wen sie überhaupt noch sehen werden, wenn sie wieder zusammenkommen dürfen, also wer dann noch lebt und wer nicht mehr“. Die vergangenen Monate haben sie fast ausschließlich allein in ihren Zimmern verbracht. Mittlerweile sind alle Bewohner geimpft, wenn sie das wollten. Und Karin Lindermayr fühlt sich „sehr entlastet“, dass sie auch ihrerseits „ziemlich sicher kein Virus mehr hineintragen kann“. 

Einsame Senioren haben sich aufgegeben

Die Theologin darf noch im März wieder zu Gruppentreffen einladen, Gottesdienste mit mehreren Teilnehmern feiern und merkt, wie alle aufatmen. Die Einsamkeit hat vielen Bewohnern am schwersten zu schaffen gemacht, die nahezu keinen Besuch bekommen durften. „Bei manchen Erkrankten hatten wir den Eindruck, dass sie sich aufgegeben haben, obwohl sie nur leichte Symptome hatten.“ Nicht Covid-19, sondern „ein Gefühl von Sinnlosigkeit“ hat ihren Lebenswillen ausgelöscht: „Die haben sich aufgegeben und sich gesagt, was soll das noch.“  So deutlich wie noch nie in ihrem Berufsleben ist der Seelsorgerin deutlich geworden, „dass der Mensch einfach Gemeinschaft braucht“. Umso tiefer waren dann die Begegnungen, wenn sie die Krankenkommunion gebracht und oft „eine Art Predigtgespräch“ geführt hat. Der Wunsch nach spiritueller Begleitung war groß, „weil ja auch die Gottesdienste gefehlt haben“. Da standen der Seelsorgerin oft Pflegerinnen und Pfleger zur Seite, "die alles getan, um den Bewohnern die Situation erträglicher zu machen und immer noch viel zu wenig Anerkennung bekommen".

Ohne Besuch auf Isolier- und Intensivstation

Heidi Hürten hat ähnliche Erfahrungen gesammelt. Sie ist Seelsorgerin am Klinikum München-Großhadern. Auf die Isolierstation durfte monatelang nur das engste medizinische Personal. Dort werden Patienten behandelt, die eine Stammzelltransplantation oder eine Knochenmarkspende erhalten. Die dauert oft Monate und das Immunsystem fällt dabei fast völlig aus. Schon eine Erkältung kann da lebensgefährlich sein, geschweige denn eine Ansteckung mit Corona. Gegen die ist nun auch Heidi Hürten geimpft. Trotzdem lässt sie sich regelmäßig auf das Virus testen und trägt die sichersten Schutzmasken. Sie lobt die Ärzte und Pflegekräfte auf der Isolierstation: „Die haben den Patienten in Folie verschweißte und desinfizierte Puzzles gebracht, damit die Patienten wenigstens miteinander etwas tun und sich dabei austauschen konnten.“ Gespräche zwischen den Schwerkranken und der Seelsorgerin waren nur per Telefon möglich.

Angehörige auf Schocks vorbereiten

Die erzählten dann von den Ängsten und Sorgen, die sie ihren Angehörigen noch weniger aufladen wollten als sonst. Die leiden schließlich selbst unter den Einschränkungen und Unsicherheiten durch die Pandemie. Auf der Intensivstation durfte Heidi Hürten die Patienten immerhin in Schutzkleidung direkt besuchen. Nach der ersten Infektionswelle war es Angehörigen erlaubt, wenigstens zu den Sterbenden kommen. Viele hat die Seelsorgerin auch auf einen Schock vorbereiten müssen: „Weil sich die Patienten über die lange Zeit äußerlich oft stark verändern.“ Etwa wenn die Nieren nicht mehr richtig arbeiten und sich im Gesicht Wasser ablagert. An einen Mann erinnert sich Heidi Hürten besonders: wegen eines Beatmungsschlauches brachte er fast kein Wort mehr heraus. Dabei hatte er seiner Frau und seinen Kindern noch so viel zu sagen und strengte sich bis zur völligen Erschöpfung an. Heidi Hürten hat den Angehörigen schließlich vorgeschlagen, ihm Bilder und Videos seines Enkelkindes zu zeigen: „Und plötzlich ist dieser sterbenskranke Patient zur Ruhe gekommen und hat sich nicht mehr damit gequält, selbst zu sprechen.“

Corona macht auch die Seele krank

Vielleicht hatte ihn genau ihn das umgetrieben, „dass er sein Enkelkind überhaupt nicht mehr sehen konnte und wissen wollte, wie es sich weiterentwickelt hat.“ Viele solche Besuche liegen hinter der Seelsorgerin. Sie haben an ihren Kräften gezehrt, ihr aber auch neue Kräfte gegeben: „Weil mir diese Begegnungen selbst so viel schenken“, sagt sie, „da glaube ich, ist auch der Heilige Geist am Werk.“ Es sind oft Begegnungen, durch die Senioren wieder Mut fassen oder die Kranken beim Gesundwerden helfen. Karin Lindermayr und Heidi Hürten haben das gerade in den vergangenen Monaten immer wieder erlebt. Sie hoffen, dass die Impfkampagne nun endlich wieder mehr Besuche, auch ein Streicheln, eine Umarmung oder das lange Halten einer anderen Hand zulässt. „Wir müssen jetzt mit dem Virus leben lernen, ohne dass Menschen noch einmal so stark vereinsamen“, sagt die Altenheimseelsorgerin Karin Lindermayr.  „Denn damit ist ein großes seelisches Leid verbunden, auf das wir ein Augenmerk haben müssen.

Audio

Beitrag mit Seelsorgerinnen Karin Lindermayr und Heidi Hürten im Münchner Kirchenradio.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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