Schutz vor Corona In Arztpraxen für Obdachlose wird geimpft

10.06.2021

Nach der Corona-Impfaktion im Kloster Sankt Bonifaz in München, gibt es jetzt weitere Anlaufstellen für obdachlose Menschen. Dabei spielt das Vertrauen eine entscheidende Rolle.

Mann bekommt von Frau einer Spritze verabreichttht
Impfaktion ist Sankt Bonifaz: Obdachlose Menschen konnten sich im Pfarrsaal impfen lassen. © Kiderle

München – „Ich wusste vorher nicht genau, worum es geht. Aber wenn Oliver mir eine Impfung verpasst, vertraue ich ihm.“ Viktor O. (Name geändert) setzt sich auf seiner abgeschabten Wolldecke zurecht. Der gebürtige Russe lebt seit über 30 Jahren in München und ist „immer mal wieder obdachlos“, wie er sagt. Seit damals schaut er regelmäßig in der Benediktinerabtei St. Bonifaz vorbei: „Die haben mir immer wieder das Leben gerettet und mir geholfen.“ Die dortige Obdachlosen-Praxis ist für Viktor eine ganz wichtige Anlaufstelle, schließlich ist es schwer, ohne Krankenversicherung überhaupt medizinische Hilfe zu bekommen. Hier können sich auch Menschen ohne Krankenversicherung kostenlos behandeln lassen. Viele kommen daher regelmäßig und schätzen das vertraute Umfeld. Die Vier-S-Regel bestimmt das Handeln von Ärzten und Pflegepersonal: satt, sauber, schmerzfrei, sozial. Viktor drückt es so aus: „Hier wird mir das Gefühl vermittelt: ,Wir lieben dich, weil wir alle Gottes Kinder sind.‘“

Viele Obdachlose besitzen – problematisch in Corona-Zeiten – keinen Impfpass, doch darauf sei man in St. Bonifaz vorbereitet, wie Praxismanager Oliver Gunia, den Viktor O. nur „Oliver“ nennt, versichert. Impfpässe hat man hier immer vorrätig, auch Impfbescheinigungen werden ausgestellt, sollte mal ein Impfpass verloren gehen.

Pfarrsaal wurde zum Impfzentrum

Mit dem Impfstart in den Arztpraxen veranstalteten Gunia und sein Team unlängst eine viel beachtete Obdachlosen-Impfaktion in der Arztpraxis im Haneberghaus der Abtei: 120 Menschen ließen sich impfen, nachdem unter anderem in der Obdachlosenzeitung „BISS“ für die Aktion geworben wurde und Dolmetscher zur Aufklärung eingesetzt wurden. Die Impfaktion wurde von der Firma Aicher durchgeführt, die auch das städtische Impfzentrum in Riem betreibt. Dazu wurden eigens die Kirche und der Pfarrsaal des Klosters zum Impfzentrum umfunktioniert. Während regulär mit Biontech geimpft wird, wurde für die einmalige Aktion Impfstoff von Johnson & Johnson bestellt. So müssen die Menschen nur einen Impftermin wahrnehmen.

Gunia beobachtet, dass die Impfung bei vielen Obdachlosen mit Angst verbunden ist: „Das liegt vor allem an den vielen Falschinformationen, die von den Verschwörungstheoretikern gestreut werden“, meint er. Doch da die meisten Patienten schon seit Jahrzehnten in die Praxis kommen, folgen sie dem Rat des Krankenpflegers und melden sich zur Impfung an.

„Es ist für die Gesellschaft wichtig, dass alle geimpft werden.“

Mit der Aufhebung der Priorisierung steigt der Ansturm auf die Corona-Impfung generell stark an. Während nun auch Zwölfjährige geimpft werden dürfen, fallen sozial Benachteiligte durch das Raster. Dies gilt vor allem für Obdachlose: Da diese keinen festen Wohnsitz vorzuweisen haben, können sie sich nicht auf digitalem Weg für die Impfung registrieren. Bei Menschen mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus kommt außerdem Angst vor den Behörden hinzu. Deshalb fordert Bettina Spahn, Leiterin der Katholischen Bahnhofsmission (BM) in München, einen niederschwelligen Zugang zum Impfangebot.

Gerade Menschen in prekären Lebenssituationen seien der Pandemie und ihren Folgen besonders schutzlos ausgeliefert. Deshalb müsse man auf Obdachlose zugehen: „Es ist für die Gesellschaft wichtig, dass alle geimpft werden.“

Alle Menschen, die sich von der Sozialstelle an Gleis 11 des Münchner Hauptbahnhofes beraten lassen, werden gefragt, ob sie geimpft werden möchten. In Zukunft plant auch die BM, Impfungen in geringem Umfang durchzuführen: Impfteams sollen die Klienten vor Ort in den Räumen der Bahnhofsmission impfen: „Viele unserer Besucher brauchen das vertraute Umfeld“, weiß Spahn. Oft sei aber auch zusätzliche Unterstützung beim Übersetzen der entsprechenden Formulare nötig. Dazu hat man in der BM Dolmetscher für zehn verschiedene Sprachen an der Hand, um möglichst viele Klienten muttersprachlich aufklären zu können. 45 Menschen haben sich bisher in der Bahnhofsmission für eine Impfung mit Johnson & Johnson angemeldet, derzeit wartet man noch auf den Impfstoff.

Hoffnung auf einen Job durch Impfung

Seit über einem Monat hingegen wird bereits in der Arztpraxis des Katholischen Männerfürsorgevereins München an der Pilgersheimer Straße geimpft. Die Aktion werde gut angenommen, berichtet Dr. Angelika Eisenried, eine der Ärztinnen vor Ort. Man gehe nach Priorisierung vor und lege Wert auf eine gründliche Vorbereitung und Aufklärung. Hier wird mit Biontech geimpft. Die meisten Patienten, die bisher geimpft wurden, haben eine Unterkunft, leben also nicht komplett auf der Straße. Sollten bei jemanden nach der Impfung Nebenwirkungen auftreten, könne dieser direkt im Haus untergebracht werden, auch wenn er nicht leistungsberechtigt sei.

Die Gründe für die Impfung sind vielschichtig, erklärt Dr. Eisenried: „Einerseits wollen sich die Menschen vor einer Infektion schützen, andererseits erhoffen sich Arbeitssuchende durch den Impfschutz größere Chancen auf einen Job.“ (Maximilian Lemli, Volontär beim Sankt Michaelsbund)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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