Spiritualität In den Bergen Gott begegnen

27.08.2020

Für Kaplan Andreas Kolb kann ein Tag nicht besser als auf einem Gipfel beginnen – das Kreuz angestrahlt von der Morgensonne. Für ihn sind die Berge eine Metapher für das Leben und den christlichen Glauben.

Andreas Kolb unterwegs in der sächsischen Schweiz.
Andreas Kolb unterwegs in der sächsischen Schweiz. © privat

 

Ich erhebe meine Augen zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“, fragt der Psalmist aus dem Alten Testament (Ps 121,1). Die Berge waren lange Zeit ein Sinnbild für Bedrohung und Gefahr. In den Bergen hausten Banden und Ausgestoßene, Verbrechen und Wegelagerei drohten. Hilfe findet der Psalmist in der Gottesbegegnung: „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde erschaffen hat.“ (Ps 121,2) Trotz der Gefahr durch umherziehende Banden kann man in den Bergen auch Gott begegnen, der die Menschen beschützt und begleitet.

Die Berge sind heute kein Ort mehr, an dem eine überdurchschnittlich hohe Kriminalität herrschen würde. Für mich sind die Berge jedoch immer noch – genau wie für den Psalmisten – ein Ort, an dem ich Gott begegnen kann. Als begeisterter Bergfreund unternehme ich viele Touren – kurze und lange, alleine oder in Gemeinschaft, leichtere oder schwierigere. Am meisten bleiben mir dabei jene Bergtouren im Gedächtnis, bei denen ich zum Sonnenaufgang am Gipfelstehen durfte. Die Müdigkeit zu überwinden und schon in der Nacht am Parkplatz loszugehen, fällt nicht leicht. Aber es lohnt sich!

Ein Geschenk Gottes

Oft wandere ich die ersten zwei Stunden nur im Schein der Stirnlampe. Aber auch wenn das anstrengend und zäh ist, der Blick auf die Lichternetze in den unter mir liegenden Städten entschädigt für alle Mühen. Irgendwann sieht man die ersten Zeichen des anbrechenden Morgens: Der Himmel verfärbt sich schön langsam und wird zuerst leicht grau, nur wenig später schon leuchtend farbig. Direkt am Horizont leuchtet ein roter Streif, darüber strahlt der Himmel orange, gelb und tiefblau. Mit diesem Bild vor Augen die letzten Meter zum Gipfel zurücklegen zu dürfen ist für mich ein großes Geschenk. Und ein Tag könnte nicht besser beginnen, als wenn am Gipfel die Morgensonne das Kreuz umstrahlt.

Bei solchen Touren fühle ich die Nähe Gottes ganz deutlich. Gott steht mir in den Anstrengungen der Dunkelheit bei. Auch wenn ich hier alleine unterwegs bin, weiß und spüre ich ganz deutlich: Gott begleitet mich und ist mir nahe. In dieser Dunkelheit einen Begleiter an der Seite zu haben, bestärkt und motiviert. Und wenn ich den Himmel leuchten und die Sonne strahlen sehe, weiß ich, dass diese Augenblicke ein großes Geschenk sind, das wir Menschen nicht selbst machen können. Es ist ein Geschenk Gottes! Und es gibt kaum Situationen, in denen ich die Dankbarkeit Gott gegenüber stärker in mir trage.

Ein gemeinsames Ziel der Christen

Für mich sind Berge aber noch mehr als ein Ort der persönlichen Begegnung mit Gott. Berge sind für mich eine Metapher für unseren christlichen Glauben. Menschen sind in den Bergen alleine unterwegs und genießen diese Zeit. Noch angenehmer sind jedoch Wanderungen, die gemeinsam unternommen werden. Bergsteiger tauschen sich gemeinsam aus, haben ein gemeinsames Ziel, stärken und motivieren sich auf dem Weg zu diesem Ziel gegenseitig.

Auch im Glauben sind Menschen oft alleine – und diese Zeit ist wichtig, die Zeit des persönlichen Gebets, die Zeit der ganz persönlichen und direkten Gottesbegegnung. Aber ein Glaube ohne Gemeinschaft wäre leer und einsam. Daher gehört auch im Christentum ganz wesentlich die Gemeinschaft dazu. Wir tauschen uns über unseren Glauben und über unser Leben miteinander aus. Als Christen haben wir ein gemeinsames Ziel: Das Gebet, Lob und Dank Gottes, ihm unser Herz auszuschütten, Gott immer wieder neu in unserem Leben zu begegnen. Und im Letzten ist unser Ziel das Erreichen des Ewigen Lebens. Auf dem Weg zu diesem Ziel stärken und motivieren wir uns gegenseitig.

Höhen und Tiefen wie im Leben

Die Berge sind für mich also eine Metapher für unseren christlichen Glauben, mehr noch: für unser ganzes Leben. Wie es in den Bergen anstrengende und leichtere Wegstrecken gibt, so gilt das auch für unser Leben: Das Leben ist manchmal anstrengender und manchmal geht es leichter. Wie es in den Bergen gefährliche Abschnitte gibt, so treffen wir auch in unserem Leben immer wieder auf Situationen, in denen wir uns bedroht und unwohl fühlen. Zu den Bergen gehören ganz natürlich Tiefen und Höhen, Täler und Gipfel dazu. Auch in unserem Leben werden wir immer wieder erleben, dass nicht alles gleichermaßen angenehm ist. Wir werden auch im Leben immer wieder traurige Tiefpunkte erleben. Aber ebenso sicher dürfen wir auch sein: Nach diesen Tiefpunkten kommen auch wieder Höhepunkte und Gipfelerlebnisse.

So sind Berge ein Bild für unseren Glauben und für unser Leben, vor allem aber ein Ort, an dem wir Gott ganz persönlich begegnen und nahe sein können.  (Andreas Kolb, der Autor ist Kaplan im Pfarrverband Obing und begeisterter Bergfreund. Seine Primiz im Juli hat er auf der Kampenwand gefeiert.)


Das könnte Sie auch interessieren

Kopfhörer und ein Stein in Form eines Herzens
© Jenny Sturm - stock.adobe.com

Mit dem Herzen Gottes Stimme hören

Gott antwortet, wenn er gerufen wird. So steht es in der Bibel. Pater Gunnar Bauer SJ hat diese Erfahrung auch gemacht.

09.09.2020

Andrea Haagn und Robert Hintereder im Gespräch vor dem Watzmann
© SMB/Schlaug

Berge und Spiritualität

Berge üben eine besondere Faszination auf uns Menschen aus. Warum das so ist, darüber hat sich Andrea Haagn mit dem Tourismusseelsorger aus dem Erzbistum München und Freising unterhalten – und zwar an...

02.09.2020

Urlaub im Kloster Benediktbeuern
© SMB/Schlaug

Urlaub im Kloster Benediktbeuern

"Urlaub dahoam" ist DAS Ferien-Motto für viele in diesem Jahr. Gezwungenermaßen - aber zum Glück gibt es im Freistaat ja genügend Ecken, an denen man sich es gut gehen lassen kann. Zum Beispiel das...

31.08.2020

Beim Aufstieg auf den Mosesberg blickt man nach Norden auf die Gebirgszüge des Sinai-Hochgebirges.
© kna

Expeditionen zu Gott

Der heutige Blick auf die Alpen ist tief von der biblischen Weltsicht geprägt. Der Theologe Thomas Söding über Bergtouren in der Bibel.

30.08.2020

Der Münchner Liebfrauendom war in seiner mehr als 500-jährigen Geschichte häufig Baustelle.
© imago images / Weißfuß

Endlich gerüstfrei

Nach elf Jahren soll der Münchner Dom ab September vollkommen frei von Gerüsten sein und das auch für die nächsten Jahre bleiben.

28.08.2020

Der Vulkan Fuji gilt im japanischen Shintoismus seit Jahrhunderten als heilig.
© imago images / Panthermedia

Heilige Berge

Auf den höchsten Gipfeln fühlen sich Menschen dem Himmel besonders nah. Deshalb werden überall auf der Welt Berge als Heiligtümer verehrt.

27.08.2020

Gipfelkreuz mit Wölkchen und ohne digitale Nachbearbeitung.
© Ludwig Watteler

Gipfelkreuze in kühner Optik

Wenn der Fotograf Ludwig Watteler ins Gebirge geht, dann kommt er mit atemberaubenden Bildern zurück. Dazu braucht er nur eine einfache Kamera und ein Kreuz.

25.08.2020

Malerisch liegt die Bergopfer-Gedenkkapelle St. Bernhard vor dem mächtigen Watzmann.
© Mergenthal

Gedenken am Watzmann

Alle Namen der Bergopfer in den Berchtesgadener Alpen sind hier verzeichnet: Die Kapelle St. Bernhard am Fuß des Watzmanns erinnert an viele Tragödien.

24.08.2020

Andreas Kolb spendet mit Mundschutz den Primizsegen.
© Hans Rath

Primiz auf der Kampenwand

Neupriester Andreas Kolb ist ein begeisterter Bergsteiger. Die Kampenwand bot bei herrlichem Wetter eine Traumkulisse für seinen Primizgottesdienst. Wegen Corona gab es allerdings auch...

05.07.2020

Neupriester spenden Primizsegen
© Kiderle

Feierliche Atmosphäre trotz Corona-Maßnahmen

Sicherheitsabstand, Mundschutz und der regelmäßige Griff zum Desinfektionsmittel – die diesjährige Priesterweihe verlief anders als üblich. Wie war der Tag für die beiden Neupriester Jasper Gülden und...

27.06.2020

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren