Unser Umgang mit dem Tod In der Kunst verewigt

29.10.2013

Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang. Das diagnostizierte Hippokrates, der sich als Arzt auskannte mit der Kürze des Lebens. Anders als die Heilkunde vermag es die Kunst wie die Religion, den Menschen vor dem Tod zu bewahren.

Dr. Norbert Jocher leitet die Hauptabteilung Kunst im Ordinariat (Bild: Münchner Kirchenzeitung)

Ein Spaziergang durch die Alte Pinakothek zeigt, wie lebendig die Maler noch sind, obwohl sie schon lange nicht mehr leben.Die großen Porträtisten vermochten es, Menschen, die vor Jahrhunderten starben, uns wie atmend gleichsam zu animieren und damit uns eine Ahnung des Ewigen zu ermöglichen. Den Künstlern war ihre besondere Fähigkeit bewusst; davon erzählen zahlreichen Selbstporträts, in
denen der leibhaftige Tod mit aufs Bild genommen wird, der dann, wie bei Arnold Böcklin, das Malen auf der Geige fiedelnd begleitet. Doch schwingt in dieser Koketterie mit der eigenen Sterblichkeit neben der Ironie noch ein weiterer Ton mit, einer voller Melancholie, dem klassischen Künstlertemperament.

Die „große Zeit“ des Todes in der europäischen Kunst umfasst das späte Mittelalter und das Barock. Im Mittelalter tanzt der Tod: Alle Menschen, egal welchen Alters, egal welchen Standes, fordert er auf, und alle müssen sich seinem Tanz hingeben. Hans Leinbergers „Tödlein“ ist auch wie tanzend dargestellt. Die Skulptur zeigt anschaulich die Ästhetik des Todes; obwohl dem Gerippe die Reste der verfaulenden Haut wie zerfetzte Kleider um die Knochen schlottern, schafft Leinberger ein Kunstwerk voller Schönheit, das trotz seiner Grässlichkeit ganz großartig ist. Vergleichbar sind die barocken Vanitas-Stillleben, Gemälde voller Dinge – leere Gläser, erloschene Kerzen, zugeschlagene Bücher, Totenschädel – die in großer Ruhe, mit allem Glanz aber ganz unerbittlich die Vergänglichkeit des Menschen vorführen. Der Tod in der Kunst ist fürchterlich (und) schön, da die Kunst – wie unser Glaube – der Vergänglichkeit im Tod das Leben danach gegenüberstellt. Der Tod kann herrlich sein, wenn der Glaube verheißt, dass das Tänzchen mit ihm ein neuer Anfang ist.

Dr. Norbert Jocher leitet die Hauptabteilung Kunst im Ordinariat

Kategorie: Meinung
ID: 13
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