Meditatives Bogenschießen In der Ruhe liegt die Kraft

01.11.2018

Das Rosenheimer Schüler- und Studentenzentrum verbindet in einem spannenden Kurs Meditation und Bogenschießen.

Mit Pfeil und Bogen Ruhe finden
Mit Pfeil und Bogen Ruhe finden © ponsulak - stock.adobe.com

Rosenheim – Die Finger lösen sich von der Sehne, der Pfeil fliegt rasend schnell auf die Scheibe zu und bleibt mit einem dumpfen „plopp“ stecken. Es fühlt sich seltsam an, als würde ich mit dem Pfeil in Richtung Scheibe gezogen. Am Anfang ist das noch ein bisschen ungewohnt, ich bin ein wenig nervös, mache mir den Druck, die Scheibe zu treffen. Beim nächsten Pfeil sieht das schon anders aus, ich gewöhne mich an den gut eineinhalb Meter langen Bogen. Nach jedem Schuss gibt Karl-Heinz-Lehner, der Leiter des Schüler- und Studentenzentrums und Coach, eine Rückmeldung: Dinge, die ihm aufgefallen sind. Denn, auch wenn es einige Grundregeln beim Bogenschießen gibt, die Kategorien „richtig“ und „falsch“ zählen hier nicht. „Es muss für Sie stimmig sein“, sagt Karl-Heinz Lehner. Soll heißen, ich muss spüren, ob sich das gut anfühlt, so wie ich mit dem Bogen umgehe. Beim dritten Schuss ist der Coach schon ganz zufrieden: „Der Pfeil hatte eine schöne Schusslinie, einen schönen Bogen und hat ihnen mit dem satten Einschlag sozusagen geantwortet.“

Eins werden mit der Zielscheibe

Und er will von mir wissen, wie ich mich fühle. Ich nehme mich viel mehr wahr, als vor den drei Pfeilschüssen. Ich spüre meine Atmung, wie fest ich auf dem Boden stehe und als gebe es eine unsichtbare Kraft, die mich mit meinem Ziel, der Ringscheibe, verbindet. Und ich nehme wahr, wie sich beim Spannen der Sehne eine Kraft aufbaut, die ich mit dem Pfeil direkt in die Scheibe lenke. Mein persönlicher Coach Nummer 2, Christian Eichinger, steht neben mir und lächelt: „Der geübte Blick des Bogencoaches, oder des Seelsorgers, sieht sehr schnell, welche Themen beim Kursteilnehmer gerade anstehen, womit er sich beschäftigt oder herumschlägt.“ Diese Einschätzung des Coaches hilft dem Kursteilnehmer meist auch, für sich selbst einzuschätzen, wie er an neue Aufgaben herangeht.

Christian Eichinger und Karl-Heinz Lehner, die beiden Coaches für das meditative Bogenschießen
Christian Eichinger und Karl-Heinz Lehner, die beiden Coaches für das meditative Bogenschießen © SMB/Witte

„Bei sich selbst wohnen“

Und die Haltung, die sich der Bogenschütze antrainiert, strahlt oft auf andere Lebensbereiche aus. Diese Haltung ist auch die Verbindung zur Meditation, sagt Karl-Heinz Lehner. Der Seelsorger verweist auf Benedikt von Nursia. Der Ordensgründer hat einen Zustand beschrieben, den er „habitare secum – bei sich selbst wohnen“ genannt hat. Auch die Meditation beim Bogenschießen könnte man mit diesem „bei sich selbst wohnen“ umschreiben: denn anders als gedacht, geht es beim Bogenschießen nicht in erster Linie um das Ziel, sondern eben um die erwähnte innere Haltung. „Und wenn man diese Haltung als „bei sich wohnend“ wahrnimmt – nur dann gelingt der Schuss!“

Bogenschießen – für Meditation und Entscheidungsfindung

Um diese meditative Grundhaltung zu erreichen bzw. zu verstärken, gehen die beiden Coaches vielfältige Wege: sie arbeiten mit ausgelegten Bildern, die von den Kursteilnehmern ausgewählt werden und beim Formulieren eines Haltungsziels helfen. Andere Methoden sind Yoga- Übungen, gemeinsames Joggen und sogar Singen. Das Bogenschießen ist dann sozusagen der krönende Abschluss. Wichtig ist dabei, dass niemand allein mit der Herausforderung Bogenschießen bleibt. Die anderen Teilnehmer geben jedem einzelnen Schützen Rückmeldung. Dabei entsteht Solidarität und ist gegenseitiges Lernen möglich. Für Lehner entsteht damit ein anderes Miteinander, dass so in Schulen und Hochschulen oft fehlt. Deswegen hilft das Bogenschießen den beiden Coaches in ihrer Arbeit und manchem Studenten bei einer schweren Entscheidung. „Ich hatte mal einen Studenten, der kam mit sieben Optionen, was er gerne machen möchte, ohne sich entscheiden zu können. Für jede Option habe ich ihm einen intuitiven Bogenschuss vorgeschlagen. Nach dem dritten sagte er: „Das ist es jetzt!“ Das war intellektuell nicht greifbar, aber der Pfeil ging mit enormer Energie ins Zentrum.“

„Sich selbst finden und nicht mehr loslassen“ könnte man das laienhaft umschreiben. Ich jedenfalls habe in meinem zweistündigen Probetraining herausgefunden, dass das Bogenschießen mehr Spaß macht und weniger anstrengt, sobald ich nicht mehr versuche, krampfhaft das Ziel zu treffen. Und dann komme ich langsam zu mir selbst.

Der Autor
Willi Witte
Radio-Redaktion
w.witte@st-michaelsbund.de


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