Touren durch diie Sahara In der Wüste lässt sich Unendlichkeit erahnen

01.01.2021

Militärdekan Michael Gmelch begleitet Menschen durch die Wüste. Eine solche Auszeit würde er auch Bischöfen empfehlen.

Wüste
Michael Gmelch organisiert Wüstentouren durch die tunesische Sahara. © Gmelch

Michael Gmelch (61) ist katholi­scher Priester, zweifacher Doktor der Theologie, Militärdekan an der Universität der Bundeswehr in München und Begleiter von Wüstentouren. In seinem neuen Buch „Schickt die Bischöfe in die Wüste!“ schreibt er über die Bedeutung der Wüstenerfahrung, die Jesu vor seinem öf­fentlichen Wirken machte.

mk online: Seit zehn Jahren organisieren Sie Wüstentouren, bei denen Sie mit den Teilnehmern durch die tunesische Sahara wandern. Wie laufen diese Reisen ab?

Michael Gmelch: Die Touren dauern rund eine Woche, fünf Tage verbringen wir komplett in der Wüste. Es kommen rund zwölf Teilnehmer und fünf Be­duinen mit, jeder hat sein eigenes Kamel. Die gesamte Ausrüstung und Verpflegung muss mitgeführt werden. Wasser, Obst, Gemüse, Reis, Couscous, Matratzen, Decken – alles wird aufs Kamel gepackt.

Wer nimmt an den Touren teil?

Gmelch: Ein ganz buntes Publikum: nicht nur Katholiken, sondern auch Protestanten, Buddhisten, Agnostiker, Atheisten – sie alle lassen sich auf eine spirituelle Wüstentour ein. Und sie wissen natürlich, dass ich katholischer Priester bin. Manche fahren nicht nur einmal mit, sondern mehrmals. Beim ersten Mal ist vieles so neu und aufre­gend – die Dünen, der Sternenhimmel, das Brotbacken im Sand, die Kamele –, dass manche das Erlebnis im nächsten Jahr wiederholen wollen.

Spielt es eine Rolle, ob ein Teil­nehmer Christ oder Atheist ist? Oder macht die Wüste alle gleich?

Gmelch: Die klimatischen Verhält­nisse sind extrem: 50 Grad zur Mit­tagszeit, nachts wird es schnell sehr kalt. Oder die Weite: rundherum nur ferner Horizont, wohin man sich auch dreht. Es gibt auch gefährliche Tiere. Morgens wacht man auf und sieht im Sand Spuren der nächtlichen Besucher um sich herum: Ameisen, Käfer, Skor­pione, Geckos, Schlangen. Am Abend sitzt man ums Feuer und schaut den Beduinen beim Kochen zu. All diese Erfahrungen teilt man miteinander. Das sind so viele intensive Eindrücke, die für alle gleich sind. Da kommt man schnell auf ein gemeinsames Level.

Mehr über Michael Gmelch und seine Wüstentouren erfahren Sie auf seiner Homepage "Wüstenseele".

Was ist Ihre Rolle unterwegs?

Gmelch: Unterwegs begleite ich die Teilnehmer nicht nur als Organisator der Tour, sondern auch in einem tiefe­ren Sinne, etwa dann, wenn jemand über sein Leben sprechen möchte. Viele Teilnehmer gehen aufgrund ei­ner bestimmten Lebenssituation in die Wüste, beispielsweise hat jemand eine Scheidung hinter oder vor sich, oder er möchte sein Leben verändern, Zeit für sich haben, für sich etwas klären, ei­nen Kindheitstraum verwirklichen, oder er hat Glaubensfragen. Wer möchte, kann unterwegs mit mir dar­über reden, auf Wunsch auch unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses. Manche sagen: „Ich will einfach mal alles loswerden, und wenn nicht hier, wo dann?“

Worin be­steht die spirituelle Dimension Ihrer Wüstentouren?

Gmelch: Ich gebe meinen Teilnehmern jeden Tag einen Morgenimpuls – ein geistliches Lied, einen Psalm, ein Zitat aus der Wüstenliteratur – und dann gehen wir drei Stunden in der Stille. Für manche ist das eine Herausforderung, denn das ist mehr als „einfach grad mal nichts sagen“. Das heißt: überhaupt nichts denken, einfach Schritt für Schritt ge­hen, und nicht im Nichtssagen schon wieder Pläne machen für das, was ich tun muss, wenn ich wieder zu Hause bin. So gehen die Tage in einem gleich­mäßigen und meditativen Rhythmus vonstatten. Am letzten Abend vor der Rückkehr in die Zivilisation halte ich bei Sonnenuntergang einen Gottes­dienst mit Eucharistiefeier im Wüsten­sand. Die meisten sagen mir hinterher, das sei einer der beeindruckendsten Gottesdienste ihres Lebens gewesen.

 

 

In Ihrem neuen Buch stellen Sie Jesus und seinen vierzigtägigen Wüs­tenaufenthalt in den Mittelpunkt. Was hat Jesus in der Wüste erlebt?

Gmelch: Jesus hat die Schule der Wüste erlebt. Er hat dort Dinge ge­lernt, die er hinterher gebraucht hat. Er hätte theoretisch auch in eine theo­logische Schule in der Stadt gehen können, zu einem Lehrer, in ein Klos­ter, in den Tempel zu den Hohepries­tern – aber nein, er ging in die Wüste. Um etwas anderes zu lernen als das, was man aus den Büchern lernen kann. Ich glaube, dass Jesus in diesen vierzig Tagen und Nächten vieles er­lebt hat, was auf Gott schließen lässt, etwa die Unendlichkeit oder die Frei­heit. Gott ist unendlich, ebenso wie seine Barmherzigkeit unendlich ist. In der Wüste kann man diese Unend­lichkeit erahnen. Wer all das erlebt hat, der will hinterher nicht mehr hin­ter diese Erfahrung zurück, der will sich nicht wieder von kleinkariertem Denken einengen lassen.

Sie schreiben, dass man Jesu Wüstenerfahrungen berücksichtigen muss, um sein späteres Wirken besser verstehen zu können. Woran denken Sie da konkret?

Gmelch: Als Jesus aus der Wüste kam, erzählte er Dinge, die in der dogmatisch-theologischen Literatur bei den Pharisäern nicht vorhanden wa­ren. Zum Beispiel die Geschichte vom verlorenen Sohn. Oder die Situation mit der Ehebrecherin: Die Pharisäer wollen Jesus mit dem Verweis auf das Gesetz Mose zur Strecke bringen, die Frau soll mit dem Tod bestraft wer-den. Jesus schweigt zunächst, bückt sich und schreibt in den Sand. Was bedeutet das? Vielleicht will er zeigen: Was geschrieben steht, ist nur vor-übergehend. Und er verurteilt diese Frau nicht. Die unendliche Barmher­zigkeit Gottes ist auch für diese Frau unendlich. Vielleicht will er auch dar­an erinnern: Wir sind alle Staub, aus Staub gemacht. Geschichten wie diese kann man zurückbinden an die Er­fahrungen aus der Wüste, wo der Wind Linien in den Sand zaubert, auf denen man mit dem Finger tatsäch­lich schreiben kann – und einen Mo­ment später ist das Geschriebene schon wieder verweht.

Was könnten denn Bischöfe Ihrer Überzeugung nach in der Wüste lernen?

Gmelch: In meinem Buch sage ich „Schickt die Bischöfe in die Wüste“, denn in der Kirche ist man schnell da­bei, jemanden zu verurteilen – zum Beispiel wiederverheiratete Geschiede­ne. Das hat Jesus nicht gemacht. In einem Hochgebet wird Jesus als „Bru­der aller Menschen“ bezeichnet. Wenn man in die Wüste geht, erlebt man diese Brüderlichkeit. Da zählen keine Hierarchien, keine Titel. Wenn es dar-auf ankommt, hilft man sich gegensei­tig, ist gastfreundlich, man kann nur gemeinsam ankommen, kann nie­manden zurücklassen. Es wäre nicht schlecht, auch dem kirchlichen Füh­rungspersonal solche Wüstenerfah­rungen zuzumuten und zu sagen: Lass dich doch darauf mal ein. Wer die Nachfolge Jesu ernstnimmt, sollte auch die Wüstenerfahrung Jesu nach­vollziehen.

Und welche Erkenntnisse kann ich als einfacher Gläubiger gewinnen?

Gmelch: Als Jesus aus der Wüste zurückkam, sagte er: Das Reich Gottes ist nah, Gott ist nicht nur mitten unter euch, sondern ihr seid „gottesunmit­telbar“. In der Wüste erlebst du: Gott ist da, in mir, um mich herum! Was heißt das eigentlich, wenn Gott in mir ist? Ja, wir brauchen gewisse religiöse Zeichen und Formen, wir brauchen die Liturgie, um gemeinschaftlich zu verdeutlichen, dass Gott in dir, mir und überall ist; um gemeinsam eine Sprache dafür zu finden und zu feiern. Aber nicht andersrum! Nicht weil wir Liturgie feiern, erleben wir, dass Gott bei uns ist. Sondern weil wir erken­nen, dass Gott bei uns ist, feiern wir. Dann kann es auch sein, so wie jetzt in Corona-Zeiten, dass ich für mich die Entscheidung treffe, nicht immer in den Gottesdienst gehen zu müssen. Stattdessen könnte ein Impuls lauten: Besinn dich lieber mal darauf, dass Gott in dir ist. Mach mal die Türen und die Augen zu und sei mal eine Dreiviertelstunde allein mit dir und mit Gott. Es gibt keinen Raum, in dem Gott nicht ist – und das erlebst du in der Leere der Wüste mehr als in der Geschäftigkeit des „Alltagsbasars“. Claude Rault, der ehemalige Bischof von Laghouat in Algerien, sagt: „Die Sahara ist meine Kathedrale!“

Bedeutet das, dass die Liturgie für ein Leben im Glauben gar nicht unbedingt nötig ist?

Gmelch: Da möchte ich nicht missverstanden werden: Gott ist überall, also auch in der Kirche, und weil er über­all, also auch in mir und in den anderen ist, geht es da­rum, diese Gegenwart Gottes gemein­schaftlich zu feiern. Die Liturgie wie auch die Kirche selbst ist kein Selbst­zweck, sondern hat eine dienende Funktion. Wenn ich diese Hilfsfunk­tion der Liturgie momentan nicht brauche, dann kann ich auch mal dar­auf verzichten. Denn letztlich geht es darum, die Gegenwart Gottes zu er­kennen und zu feiern, und nicht dar­um, ein Kirchengesetz zu erfüllen. Wir sollten also nicht den deduktiven Weg gehen und vom Gesetz her den­ken, sondern den induktiven Weg, und das heißt: von dem ausgehen, was ist. Und was ist? Gott ist! Immer, un­endlich und überall.

Sie widmen Ihr Buch den Mit­gliedern des Synodalen Weges, des ak­tuellen Reformdialogs der Kirche in Deutschland, und schreiben, dass man diesen Weg nicht im Sitzen gehen könne. Wozu raten Sie stattdessen?

Gmelch: Das Nonplusultra wäre: Lasst doch mal eine Sitzung ausfallen und geht miteinander acht Tage in die Wüste! Im Bewusstsein, das zu tun, was auch Jesus getan hat. Ergebnis-offen reingehen und schauen, was passiert! In den klassischen Sitzungs­formaten bespricht man ja doch im­mer nur das, was man schon kennt und bereits gedacht hat. Im Gehen da­gegen, noch dazu in der Wüste, fallen einem ganz neue Dinge ein. Deswe­gen ist es gut, sich buchstäblich, und nicht nur im übertragenen Sinn, auf den Weg zu machen. Man sieht das auch an den Jakobswegpilgern, die Hunderte Kilometer nach Santiago gehen und oft mit neuen Gedanken zurückkommen.

Sie sind Militärseelsorger und gehen demnächst in den Auslandsein­satz in die jordanische Wüste – was können eigentlich Soldaten von der Wüste lernen?

Gmelch: Dazu kann ich Ihnen fol­gende wahre Geschichte erzählen: Es gab einen Mann in Frankreich, der der Sohn eines Generals war und nun auch selbst Soldat wurde. Er ging auf die Militärakademie und brachte es im Lauf der Jahre bis zum Kapitän ei­nes Fallschirmspringer-Regiments. Er kämpfte im Tschad und im Irak, be­trieb Extremsportarten und stellte sich vor, irgendwann einmal eine Familie zu gründen. Eines Tages wurde er bei einem Militäreinsatz allein in die Wüste verschlagen und verbrachte dort einige Tage. Er begegnete Bedui­nen und war völlig perplex, wie zufrie­den diese waren und welche Ausstrah­lung sie hatten. Es traf ihn mitten in die Seele. Und ihm wurde klar, dass er in seinem Leben etwas ändern muss. „Wenn du nur egozentrisch bist, schrammst du am Essenziellen vor­bei“, lautete seine Erkenntnis aus der Wüste. Das ließ ihn nicht in Ruhe, er musste etwas tun. Da war er 35 Jahre alt. Und jetzt springe ich in die Ge­genwart: Vor wenigen Wochen wurde dieser Mann zum Erzbischof von Lyon ernannt! Diese Geschichte passt super zu meinem Thema: Die Erkenntnis, etwas ändern zu müssen, ist bei ihm nicht am Schreibtisch gefallen, son­dern in der Wüste.

Der Autor
Joachim Burghardt
Redakteur bei der Münchner Kirchenzeitung
j.burghardt@muenchner-kirchenzeitung.de


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