Eine Gehörlose berichtet In einer stillen Welt

03.11.2018

Absolute Stille – was für gestresste Menschen oft einen Wunsch darstellt, ist für die 57-jährige Sabine Breitenberger Realität, denn sie kann nicht hören.

Über Gebärdensprache können nicht hörende oder schwerhörige Menschen miteinander kommunizieren
Über Gebärdensprache können nicht hörende oder schwerhörige Menschen miteinander kommunizieren © imago

München – Als Gehörlose/Taube bin ich in diese wunderbare Welt hineingeboren. Für mich ist die Welt und die Umgebung, in der ich lebe, immer ganz schön still, da ich kein einziges Geräusch über mein Ohr wahrnehmen kann. Anders kenne ich es nicht. Darum vermisse ich das Hören nicht beziehungsweise kann mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn ich hören könnte. Ich habe immer meine Ruhe, auch wenn nebenan Staubsaugergeräusch, Baustellenlärm, Hundebellen, Lärm vom Rasentraktor, Kindergeschrei oder laute Musik ist. Das Schnarchen meines Ehemannes höre ich genauso wenig und kann daher seelenruhig neben ihm schlafen. Oder im Garten vor mich hinträumen, während laute Flugzeuge über mich hinwegfliegen.

Jedoch kann ich trotz der Stille Unruhe wahrnehmen – meine Augen und mein Gespür reagieren empfindlich auf intensive Vibrationen, grelle Blitzlichtsignale, abgehetzte Menschen und deren Luftzüge im Vorbeigehen sowie nervöse Umgebung. Je aggressiver die Menschen um mich herum sind und je größer deren Zeitdruck ist, umso mehr nehme ich dies wahr. Das bringt mich aus meiner inneren Ruhe und so gerate ich in Stress.

Sabine Breitenberger ist taub - ihre Welt ist dennoch kunterbunt
Sabine Breitenberger ist taub - ihre Welt ist dennoch kunterbunt © privat

"Musik" für die Augen

Oft werde ich gefragt, wie ich abschalten kann, wenn ich keine entspannende oder klassische Musik hören kann. Zur Ruhe komme ich mit dem, was mein Körper und meine Augen als angenehm empfinden. Wenn ich zum Beispiel mit Gleichgesinnten gemütliche Stunden verbringe und mich in Gebärdensprache lautlos und entspannt unterhalten kann. Als visuell wahrnehmender Mensch schaue ich gerne schöne Farbenspiele an und betrachte Naturspektakel (Himmel, Wolken, Landschaft, Pflanzen, Tiere, Wasser). Das bedeutet für mich „Musik“ für meine Augen. Für meinen Körper ganz angenehm und entspannend empfinde ich zum Beispiel ein warm duftendes Bad, Spaziergänge und Aufenthalte in der Natur.

Vor einigen Jahren lernte ich bei der Hörbehindertenseelsorge München Atemübungen und Meditation kennen und war davon sehr angetan. Wenn ich merke, dass ich aus meiner inneren Ruhe komme, beispielsweise wenn ich sehr viel zu tun habe und dadurch gestresst bin, wende ich zwischendurch Atemübungen an. Im Gegensatz zu den Atemübungen, die damals unter Anleitung der Seelsorgerin und Atemtherapeutin Angelika Sterr sofort entspannend wirken, brauchte ich allein mehr Zeit und Geduld als in der Gruppe. Die Meditation in der kleinen Gruppe empfinde ich als tief beruhigend und ich kann Kraft tanken.

Ebenso komme ich durch die Meditation, das Schweigen und das Gebet näher zu Gott und finde dadurch mehr Stabilität, was für mich eine große Bereicherung ist. Also habe ich nach einiger Zeit sogar die Leitung dieser Meditationsgruppe übernommen, um meine Stille mit anderen zu teilen. So lebe ich für Hörende in einer stillen – für mich aber kunterbunten – Welt. (Sabine Breitenberger)

Monat der Spiritualität

Der Sankt Michaelsbund hat auch 2018 den November wieder zum "Monat der Spiritualität" ausgerufen. Das Motto der nächsten vier Wochen ist den Bekenntnissen des heiligen Kirchenvaters Augustinus entnommen. Es lautet: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir“. Hier können Sie sich dazu informieren und inspirieren: zu Autoren spiritueller Bücher, zu religiösen Büchern, zu Veranstaltungen und zum Thema Spiritualität.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Monat der Spiritualität und zum Thema Monat der Spiritualität

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