Montat der Spiritualität In jedem Gläubigen steckt auch ein Atheist

25.10.2016

Glaube und Unglaube können sich auch umarmen, meint Benediktinerpater Anselm Grün. Der Atheist Joachim Kahl empfindet das als Zumutung und übergriffig. Über einen unterhaltsamen Abend in der Katholischen Akademie Bayern.

Akademiedirektor Schuller (rechts) im Gespräch mit Anselm Grün, Joachim Kahl und Thomáš Halík (von links nach rechts).
Akademiedirektor Schuller (rechts) im Gespräch mit Anselm Grün, Joachim Kahl und Thomáš Halík (von links nach rechts). © Sankt Michaelsbund/Walser

München – Mir ist nicht wichtig, ob jemand das Glaubensbekenntnis runtersagen kann.“ Mit diesem Statement überraschte der Münsterschwarzacher Benediktinermönch Anselm Grün (71) seine Zuhörer in der bis auf den letzten Platz besetzten Katholischen Akademie bei einem Abend zum Thema „Glaube und Atheismus“. Wichtig sei vielmehr, so der derzeit bedeutendste Autor spiritueller Bücher, dass jemand offen sei für das Geheimnis Gott. Diese Gelegenheit zur Gegenrede ließ sich Joachim Kahl (75) nicht entgehen. Sein Part als Atheist war es, die Position der Ungläubigen zu vertreten. Wer davon spreche, dass Gott sich allen Menschen geoffenbart habe, der können nicht zugleich diesen Gott als unaussprechliches Geheimnis bezeichnen. „Das ist ein Widerspruch“, stellte der promovierte Theologe und Philosoph klar und erntete dafür durchaus Beifall vom Publikum. Nein, kein Widerspruch! So sieht das Anselm Grün. Unsere Sprache von Gott sei eben paradox. Gott sei jenseits aller Bilder.

So entspann sich ein durchaus unterhaltsamer Abend, der zugleich den Auftakt zum „Monat der Spiritualität“ des Katholischen Medienhauses Sankt Michaelsbund bildete. Mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen wird hier der Frage nachgegangen, was der „Glaube mit meinem Leben zu tun hat“, wie Direktor Stefan Eß am Rande der Veranstaltung sagte. Dazu gehörten auch Zweifel und Unglaube, wie dies auf dem Podium wiederholt zum Ausdruck kam.

Der Sankt Michaelsbund ruft den November bereits zum dritten Mal als "Monat der Spiritualität" aus. Ein bisschen Ruhe vor dem Advent, ein Durchatmen im Herbst – verschiedene Veranstaltungen sollen dazu einladen sich Zeit zu nehmen: Zeit für sich, Zeit zum Weiterdenken, Zeit für Gott.

Der tschechische Priester und Philosoph Tomáš Halík führte mehrfach aus, wie wichtig Zweifel und Unglaube für den Gläubigen Menschen sein können: „In jedem Gläubigen steckt auch ein Atheist.“ Die Auseinandersetzung damit habe ihm stets geholfen, den eigenen Glauben zu stärken. Dennoch sieht Halík im Unglauben letztlich eine „monologische Existenz“, während Glaube eine „dialogische Erfahrung vom Leben“ sei. Ein Vorwurf, den Kahl in aller Deutlichkeit zurückwies. Ungeheuerlich sei es, einen Atheisten als nicht dialogisch darzustellen. Auch der Untertitel des Buches von Halík und Grün („Gott los werden? Wenn Glaube und Unglaube sich umarmen“) sei übergriffig und eine Frechheit. Mitnichten wolle er so umarmt werden. „Das ist nicht frech, das ist provokant“, konterte Halík ebenso gelassen wir verschmitzt. „Es freut mich, wenn ich Sie provozieren konnte.“ Hier wurde auch deutlich, dass dem Gespräch von Atheisten und Gläubigen Grenzen gesetzt sind. So blieb es ohne weitere Diskussion, dass Grün und Halík in Ungläubigen auch Glaube postulieren.

Kirchen sind "steingewordene Illusion"

Jede Form der Vereinnahmung aber weist Kahl weit von sich, der sich auch nicht als „bekennenden Atheisten“ beschreiben lässt. Es gebe schlichtweg keinen, zu dessen Ablehnung man sich „bekennen“ könne. Kirchenbauten seien für ihn nicht mehr als „steingewordene Illusion“. Gedanklich niederknien kann der Philosoph und gebürtige Kölner allenfalls vor der Natur, zum Beispiel vor der Entfaltung der Alpen. Im übrigen habe er seit 1965 nie an seiner atheistischen Position gezweifelt.

Die große Synthese, die sich vor allem Halík zwischen Gläubigen und Ungläubigen wünscht, konnte (wenigstens an diesem Abend) nicht herbeigeführt werden. Akademiedirektor und Moderator Florian Schuller bohrte an dieser Stelle leider auch nicht weiter nach. So blieb letztlich unvermittelt, dass Anselm Grün – geprägt von der Begleitung vieler Menschen – vor allem in Enttäuschungen die Gründe für den „Sprung in den Unglauben“ sieht. (Georg Walser)

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