Weiterleben nach einem Verlust In tiefster Trauer

02.12.2016

Nach dem Tod eines geliebten Menschen muss jeder seinen Weg finden, um mit dieser Katastrophe fertig zu werden. Patentrezepte gibt es dafür nicht, aber Hilfestellungen.

Trauer wird sein, so viel ist sicher, aber das Gesicht der Trauer ist noch unbekannt. © Fotolia

München – Als ihr Sohn gestorben ist, nach einer schweren Krankheit mit gerade einmal 31 Jahren, war sie selbst 61. Fünf Jahre später starb ihr Ehemann. Mascha Kaleko, die polnische Lyrikerin, wusste also sehr genau, was es heißt, um einen geliebten Menschen zu trauern. Und weil sie Dichterin war und Worte ihre Stärke, konnte sie ausdrücken, was so viele Menschen empfinden, wenn einer der Liebsten nicht mehr ist: „Bedenkt, den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod des andern muss man leben.“

In der Tat, das eigene Leben geht weiter, auch wenn ein anderes geendet hat. Beinahe unbarmherzig schlägt das eigene Herz weiter, während das des geliebten Menschen still steht. Was für eine grauenvolle Zumutung, die beinahe jeden Menschen irgendwann in seinem Leben ereilt. Und bei allen Unterschieden, die jeder Tod in sich trägt, eines ist für viele Hinterbliebene ähnlich: Kaum jemand ist vorbereitet auf das, was da nun kommen wird. Nahezu unmöglich ist es, sich zu wappnen für den Moment, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, wenn der Abgrund sich auftut, wenn man die herannahende Welle des Schmerzes ahnt, aber nicht weiß, ob man jemals wieder aus ihr auftauchen wird. Trauer wird sein, so viel ist sicher, aber das Gesicht der Trauer ist noch unbekannt.

In den letzten zwei, drei Jahrzehnten ist – und dafür war es höchste Zeit – der Tod aus seiner Tabuzone herausgetreten und zu einem allgemein behandelten Thema in der Gesellschaft geworden. Sterben wurde (wieder) zum Teil des Lebens. Sterben in Würde lautet das Credo der Hospiz-Bewegung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Todkranke nicht verschämt in düsteren Hinterzimmern ihrem Schicksal zu überlassen, sondern sie und ihr Leben, auch wenn es ein endendes ist, teilhaben zu lassen an allem, was die Würde verlangt: Zuwendung, Hilfe, Geborgenheit und – ganz wichtig –Existenzberechtigung.

Hinter verschlossenen Türen

Soweit, so gut. Deutlich weniger indes wird über das Thema „Trauer“ gesprochen. Die findet immer noch weitgehend hinter verschlossenen Türen statt. Traurig sein über den unwiederbringlichen Verlust eines Menschen ist reine Privatsache. Tränen, als eines von vielen möglichen nach außen sichtbaren Zeichen der Qual, die einer durchmacht, sind selten zu sehen. Trauerrituale, die Halt und Trost geben können, ebenso. „Stille Beisetzungen“ werden gewünscht, eine Einladung zum gemeinsamen lauten Wehklagen würde hierzulande vermutlich für Kopfschütteln sorgen. Trauerkleidung hat weitestgehend ausgedient. Das schwarze Outfit, das unter anderem dazu diente, Außenstehenden sichtbar zu machen, dass da jemand ist, der Schutz braucht, Anteilnahme und Hilfe, ist so gut wie verschwunden. Ganz so, als wolle man niemanden mit seinem Schmerz belästigen. Dass ein trauernder Mensch ein Beschwernis für das eigene Leben ist, daran besteht kein Zweifel. Darüber, ob es wirklich unzumutbar ist, das Leid eines anderen zu teilen und es dadurch im besten Fall ein kleines bisschen erträglicher zu machen, lohnt es sicher nachzudenken.

Wann wird es besser werden?

Die Zeit des Trauerns erlebt ein jeder auf seine Weise. Und weil es dafür keinen Plan gibt, keine einheitliche Struktur, fehlt es an Orientierung. Jeder muss für sich seinen Weg finden wie er mit Trauer, Wut, Schuldgefühlen, Sehnsucht, Verzweiflung und Angst umgeht. Während der eine die Gesellschaft anderer Menschen als unerträglich wahrnimmt, empfindet ein anderer die Gemeinschaft als Segen. Die einen müssen Bilder des geliebten Menschen von der Wand reißen – zu schmerzhaft ist der Anblick – die anderen bauen kleine oder größere Erinnerungsaltäre, weil sie sich dem Verstorbenen auf die Weise wohltuend nah fühlen. Während die einen nur ganz schwer Schlaf finden und nächtelang durch die Wohnung tigern, sind andere von den körperlichen Strapazen, die das Trauern eben auch verursacht, so niedergedrückt, dass sie das Bett kaum verlassen können. Oftmals rückt das Thema Glaube in diesen Zeiten näher heran. Und auch hier ist alles möglich: Nach dem Tod eines Menschen kann man entweder zum Glauben finden und aus ihm Trost schöpfen, genauso gut kann es aber auch passieren, dass einem der Glaube gerade dann abhanden kommt, weil hinter all dem Leid kein Sinn mehr erkennbar ist. Und weil die christliche Auferstehungshoffnung heute so vielen Menschen schwer fällt. Allen gemeinsam ist jedoch die Frage: Wann wird es besser werden? Wird nach der Zeit des Trauerns wieder so etwas ähnliches wie Lebensfreude einkehren?

Wie gesagt: Patentrezepte gibt es, wie so oft, nicht. Hilfreich kann es aber unter Umständen sein, sich mit anderen Menschen auszutauschen, die ebenfalls gerade mitten drin in einem dunkeln Loch sitzen oder auch mit solchen, die sozusagen das Schlimmste schon überstanden haben. Trauertreffs und Selbsthilfegruppen können taugliche Anlaufstellen sein. Seelsorger und Therapeuten bieten ihre Dienste an und können Halt geben.

Anderen Mut machen

Berichte darüber, wie unterschiedliche Menschen es geschafft haben, den Tod eines anderen zu verkraften, wie sie die Zeit der Trauer er- und durchlebt haben, hat Christiane zu Salm in einem Buch mit dem Titel „Weiterleben – Nach dem Verlust eines geliebten Menschen“ zusammengestellt. Hier berichten Männer und Frauen sehr offen und anrührend darüber, wie sie ihren schmerzvollen Weg gegangen sind und wie sie es schließlich geschafft haben, am Ende den Verlust als Teil ihres Lebens zu akzeptieren. Viele der Berichtenden, so schreibt die Autorin in ihrem Vorwort, hätten ihre Erfahrungen aufgeschrieben, „um anderen, die ihre Geschichte lesen, Mut zum Weiterleben zu machen – nachdem auch sie jemanden verloren haben oder noch verlieren werden. Fast alle erlebten es als heilsamen, wenn auch harten Prozess, ihre Verlustgeschichte in Worte zu fassen und sich das eigentlich Unsagbare von der Seele zu reden“.

Die Medienunternehmerin Christiane zu Salm, die selbst seit Jahren als ehrenamtliche Hospizbegleiterin tätig ist und auch darüber ein Buch herausgegeben hat („Dieser Mensch war ich: Nachrufe auf das eigene Leben“, erschienen im Goldmann-Verlag), hofft, dass möglichst viele Betroffene die Botschaft des Buches erreichen möge, die da lautet: Die Dunkelheit scheint nach einem derart großen Verlust schier undurchdringlich, die Qualen sind kaum auszuhalten und der eigene Tod scheint oftmals der bessere Weg als das Weiterleben. Aber – und das bezeugen die in dem Buch befragten Frauen und Männer so authentisch – es gibt einen Ausweg aus dem Tal der Tränen, und es lohnt sich, danach zu suchen. (Susanne Holzapfel)

 

Schreiben Sie uns:
Müssen oder mussten auch Sie lernen, mit dem Verlust eines geliebten Menschen zu leben? Wie haben Sie die Zeit der Trauer erlebt? Was hat Ihnen geholfen? Wir würden uns freuen, wenn Sie uns davon erzählen und damit anderen Trauernden vielleicht eine Hilfe sein können. Mailen Sie an redaktion@muenchner-kirchenzeitung.de oder schreiben Sie an „Münchner Kirchenzeitung“, Redaktion, 80326 München.

 

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Tod und Sterben

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