Greta Thunberg Influencerin oder tragische Heldin?

12.01.2020

Die Umweltaktivistin Greta Thunberg polarisiert mit ihrem Verhalten, von manchen wird sie fast wie eine Heilige verehrt. Historiker Professor Volker Reinhardt von der Universität Fribourg analysiert, warum das so ist.

Greta Thunberg an einem Rednerpult.
Greta Thunberg setzt sich für den Klimaschutz ein. © imago images / alterphotos

Herr Professor Reinhardt, seit Monaten pilgern Jugendliche zu Klimademos. Greta Thunberg ist eine Art Schutzheilige für sie. Wie erklären Sie sich den Wirbel um diese Schülerin?

Prof. Ulrich Reinhardt: Zunächst: Mit der Erderwärmung ist in den Augen der Öffentlichkeit eine Notsituation eingetreten, in der dringend gehandelt werden muss. Zudem lässt sich in der Debatte um den Klimawandel sehr schön schwarz-weiß zeichnen; die Welt scheidet sich in die Guten und die Bösen. Das ist eine emotional sehr aufreizende Situation, wie sie sich in der Geschichte immer wieder entwickelt. Außerdem brauchen soziale, politische Bewegungen ein Gesicht, eine Ikone, sonst haben sie keine Chance auf Wahrnehmung. Hinzu kommt, dass die Sehnsucht nach dem Wunder in unserer angeblich entzauberten Gesellschaft sehr lebendig ist. Das gilt auch für den Wunsch nach charismatischen Persönlichkeiten, denen man eine Verbindung zu höheren Mächten zuschreibt. Das sind viele anziehende Momente, die alte Schichten des menschlichen Bewusstseins ansprechen.

Sie haben gerade Begriffe wie Ikone, Charisma, höhere Mächte und Wunder gebraucht. Warum werden gerade für Greta Thunberg Vokabeln aus dem Umfeld des Religiösen verwendet?

Das spiegelt genau dieses Bedürfnis wider. Seit der Aufklärung ist die Welt deutbar geworden. Isaac Newton hat die Mechanik der Welt erklärt, Voltaire und Co. haben sie verbreitet, Einstein hat es noch mal komplizierter gemacht – aber grundsätzlich ist die Welt entzaubert. Und das widerstrebt vielen Menschen.

Dagegen scheint der Glaube in den westlichen Gesellschaften immer weniger wichtig; die Kirchen verlieren massiv Mitglieder. Ist der Klimaschutz die neue Religion?

Ja, durch das Bewusstsein für Umwelt und Umweltschäden ist die Natur sozusagen an die Stelle Gottes getreten. Wer im Mittelalter eine Blasphemie, also ein Verbrechen gegen die Religion beging, landete auf dem Scheiterhaufen. Heute versündigt man sich gegen das Klima. CO2-Verbrechen sind eine Blasphemie, so wie zuvor Gotteslästerung eine Blasphemie war. Da die Natur zur Gottheit geworden ist, brauchen viele Menschen keine Vorstellung mehr von einem persönlichen Gott.

Viele Bischöfe und selbst der Papst loben den Beitrag der Klimaaktivisten zur Bewahrung der Schöpfung, mitunter wird Thunberg sogar in die Nähe einer Prophetin gerückt. Wie bewerten Sie das?

Die ganze christliche Offenbarung lebt von der Idee der Verkünder großer Wahrheiten. Das ist alles durch die Aufklärung bestritten worden. Insofern passt es zur Logik der Kirchen, das rational nicht Erklärbare, auch das Prophetentum, zu betonen. Ob sie sich dadurch einen guten Dienst erweisen, ist eine andere Frage. Aber es passt in eine Welt, in der das Religiöse im Sinne des Wunderbaren von der Wissenschaft bestritten wird, während sich die Menschen genau danach sehnen.

Das zeigt sich auch in der Tendenz zur Überhöhung von Menschen zu Helden ...

... was keineswegs auf Greta Thunberg beschränkt ist! Es genügt ja, dass ein tapferer Pilot eine beschädigte Maschine heil landet; er wird sofort als Held gefeiert, und es werden Filme über ihn gedreht. Der entscheidende Punkt ist die Sehnsucht nach dem großen Einzelnen, der die öden, nüchternen, allzu leicht erklärbaren Gesetze der Welt durcheinanderbringt. Und auch das liegt in der Tradition des Christentums – siehe die Auferstehung Christi.

Die Person Greta Thunbergs spaltet allerdings auch massiv: Sie wird gerade in den Sozialen Medien zum Objekt grober Beleidigungen. Wie passt das zusammen?

Auch das gehört zur Religionsbildung! Schauen Sie in die Geschichte: Nichts hat so viel Gewalt freigesetzt wie der Streit um die richtige Glaubenslehre! Gerade diese Gegenkräfte stärken wiederum die Gemeinschaft der Gläubigen. Keine Religion kommt ohne ihre Bestreiter aus, sonst ist sie langweilig. Der Prozess der Polarisierung im Namen des Heiligen oder des absolut Unheiligen setzt in der Geschichte immer viel Gewalt frei. Hoffen wir, dass es bei dieser – zweifellos sehr unerfreulichen – verbalen Gewalt bleibt.

Äußerlich hat Thunberg wenig mit den klassischen „Influencern“ gemein, die bei vielen Jugendlichen ja Konjunktur haben. Zudem leidet sie am Asperger-Syndrom. Wie trägt all das zu ihrer Position bei?

Es gibt den strahlenden Helden, aber auch die tragische Heldin wie etwa Jeanne d’Arc, die auf dem Scheiterhaufen endete. Und Heilige sind auch immer nah am Märtyrertum. Das Sich-selbst-aufopfern verleiht solchen Gestalten eine gewisse Tragik und kann zu Überhöhung beitragen. Wenn der Held oder die Heldin genauso wäre wie man selbst, also wie eine Influencerin, die einem das richtige Parfum empfiehlt, wäre es uninteressant. (kna)


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