Ansichten einer Ordensfrau Innere Ruhe und Gelassenheit

10.05.2017

Schwester Raphaella Glaser aus dem oberbayerischen Kloster Dietramszell hat ein bewegtes Leben hinter sich. Wir sprachen mit der 86-jährigen Salesianerin über ihren Glauben und ihr Vertrauen in Gott auch in schwierigen Situationen.

Viel zu erzählen hat Schwester Raphaella Glaser. © Kiderle

Dietramszell – Ich bin doch keine starke Frau“, schüttelt Schwester Raphaella Glaser bescheiden den Kopf. Und doch ist die ehemalige Oberin des Klosters in Dietramszell (Landkreis Bad Tölz - Wolfratshausen) eine Persönlichkeit, die auf ein Leben voller Stärke zurückblicken kann. „Der große Unterschied zu heute ist, dass wir damals nicht mit Samthandschuhen angefasst wurden“, fängt sie schließlich das Erzählen an.

Geboren 1931 hat die Klosterschwester den Zweiten Weltkrieg hautnah miterlebt und weiß sehr wohl, was es bedeutet, stark zu sein. „Die Frauen damals haben keine andere Wahl gehabt, sie mussten ganz alleine so unglaublich viel leisten“, erinnert sich die 86-Jährige. Während die Männer an der Kriegsfront waren, hatten die Frauen zu Hause alle Hände voll zu tun. Denn das alltägliche Leben musste ja irgendwie weitergehen.

Kein Tag verging ohne Bombenangriff

„Am schlimmsten aber war die Angst, die ununterbrochen unser Begleiter war“, sagt Schwester Raphaella leise. Noch heute leidet sie an den Folgen der Bombenangriffe. Wenn sie Sirenen hört, macht sich bei ihr sofort große Panik breit und die traumatischen Erlebnisse im Bunker spielen sich immer und immer wieder vor ihr ab. „Es verging kein Tag ohne Angriff, ich konnte nicht mehr. Wie gerne hätte ich nur eine einzige Nacht ruhig geschlafen.“ Aber die Bomben schlugen unermüdlich ein und jedes mal hoffte sie aufs Neue, nicht getroffen zu werden, wieder aus dem Bunker steigen und noch einmal das Tageslicht sehen zu können.

Nach dieser prägenden Zeit, begann 1952 für sie eine weitere einschneidende Phase ihres Lebens, die bis heute andauert: „Mit 21 Jahren kam ich nach Dietramszell“, sagt die gebürtige Münchnerin als wäre es gestern gewesen. Plötzlich sei sie von einer unermesslichen Geborgenheit umhüllt worden, wie sie es vorher so noch nie erfahren habe. Das Klosterleben war es letztendlich, das ihr zu innerer Ruhe verholfen habe. „Die Kriegszeit hat uns damals gezwungen, diszipliniert zu sein, im Kloster war das kein bisschen anders.“

Entscheidung für das Kloster und gegen den Willen der Eltern

Obwohl ihre Eltern strikt dagegen waren, ihre Tochter ins Kloster gehen zu lassen, entschied sie sich für diesen Weg. Ihre Mutter habe immer gedacht, dass sie schließlich das Heimweh wieder nach Hause bringen würde. Aber genau das ist nie passiert. Sie habe das Leben im Kloster gewählt, weil sie nicht anders konnte, sie wurde angezogen: Man spürt es, dass es das Richtige ist, wie wenn man seine Traumfrau oder seinen Traummann trifft, es macht sich eine unendliche Euphorie breit“, weiß die Salesianerin. Man werde einfach in diese Situation hineingerissen, man könne nicht anders als Gott folgen.

Natürlich habe sie auch für dieses Kapitel in ihrem Leben wieder Kraft und Stärke gebraucht, denn sie wusste nicht, was auf sie zukommt. „Man hat einfach alles gemacht, was einem angeordnet wurde.“ Man dürfe die Hände niemals in den Schoß legen, da man die Verantwortung auch für alle anderen Schwestern zu tragen habe. Dass das nicht einfach ist, auch diese Erfahrung hat Schwester Raphaella gemacht. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin in der Klosterschule oder auch als Hausverwalterin, war ihre bislang größte Herausforderung die Arbeit als Oberin. „Ich wusste nicht, ob ich dieser Aufgabe gewachsen war“, gesteht sie. „Denn die finalen Entscheidungen musste letztendlich ich ganz alleine treffen.“

Und da gab es viele: Das Kloster musste renoviert und vergrößert, die Schule leider aufgegeben werden und das größte Problem: das Geld war knapp. „Da fühlt man sich so schrecklich alleine, man verbringt unendlich viele schlaflose Nächte, weil einfach alles auf dem Spiel steht. Ausgerechnet in dieser Zeit habe sie auch noch zwei ihrer engsten Schwestern im Kloster verloren, die ihr all die Jahre hindurch immer Halt gegeben haben. „Ich dachte nur noch, dass es jetzt nicht mehr weitergeht. Aber genau dann muss man stark sein.“

Hilfe durch Gottvertrauen

Geholfen habe dabei immer ihr unglaublich großes Gottvertrauen, das sie stets auf den richtigen Pfad geführt hat. In der heutigen Zeit sei das bei vielen jungen Menschen leider immer weniger der Fall. Orientierungslosigkeit sei das Stichwort. Auch sie habe oft nicht gewusst, wie sie weiter machen und was als nächstes kommen soll.

Der wichtigste Begleiter in diesen Momenten war neben dem Glauben ihr Tagebuch. Wenn sie sich schwach gefühlt hat, kramte sie das kleine Heft hervor und schrieb alles auf, was sie belastete. „Durch das Schreiben kann man so wahnsinnig viel verarbeiten“, weiß die ehemalige Oberin. Erst vor kurzem wieder hat sie all ihre Tagebücher durchblättert und die festgehaltenen Erinnerungen Seite für Seite noch einmal durchlebt. Und wer so viele Bücher mit so zahlreichen einschneidenden Erlebnissen füllen kann, muss einfach eine starke Frau sein. (Patricia Hofmann)

Kategorie: Vor Ort
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Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Frauen und Kirche

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